Leo ist der Anführer. Das sehe ich sofort. Breitbeinig sitzt er da, seine blonden Haare fallen ihm in die Stirn. Wenn er spricht, hören alle zu. Uns trennen im Stuhlkreis zwei Plätze. Vorstellungsrunde. Erst mal sind seine Mitschüler dran. Vier von sechs sagen: "Ich bin 19 und interessiere mich nicht für Politik." Alle Augen richten sich auf Leo. "Ich auch nicht", sagt er. Die Klasse brüllt vor Lachen.

Ich bin mit Demo an der Montessori Fachoberschule in München, um mit 15 Jugendlichen über Politik zu diskutieren. Nur haben die Jugendlichen da offenbar keinen Bock drauf. Ich weiß wenig über sie. Nur dass sie alle schon mal ein Schuljahr wiederholt haben und dass die wenigsten hier überzeugte Anthroposophen sind, sondern dem Druck an ihren alten Schulen nicht standhalten konnten.

Ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben vor einer Klasse und habe ein bisschen Angst. Gelangweilte Blicke kaugummikauender Jugendlicher können etwas Vernichtendes haben. Im Stuhlkreis steht den meisten das Wort Raucherpause ins Gesicht geschrieben. Bis dahin provozieren sie uns erst mal.

Leo, der Anführer, war noch nicht fertig: "Auf Zeitunglesen habe ich nicht so Bock. Und die machen das schon da oben. Ich wähl einfach CSU, und dann läuft das." Gelächter und ein Buhruf von links. Das war Bene. "Oh ja, der schwarze Block ...", sagt Leo. Bene sitzt ihm schräg gegenüber und trägt eine bunte Jacke, die eher nach 1987 als 2017 aussieht.

"Und die Obergrenze?", ruft Bene. Es ist mehr Vorwurf als Frage. "Die will ich natürlich nicht!", antwortet Leo fast beleidigt. "Wie kannst du dann CSU wählen?", schaltet sich jetzt Mirko von der Seite ein. Ein Schlagabtausch entspinnt sich über Seehofer, die Flüchtlinge. Es wird laut. Ich schreite ein: "Jetzt ist erst mal Mirko dran."

Mirko, der schon deutlich mehr Bartwuchs hat als die anderen, sagt: "Ich bin 19, und ich interessiere mich nicht für Politik. Wählen geh ich aber schon! Erstes Mal und so." Und wieder: schallendes Gelächter.

Ich lache mit. Bloß nicht zu spießig wirken. Ich bin ja nicht die Lehrerin.

Dann meldet sich Merle, die mehr liegt als sitzt, bisher versonnen in ihren blonden Haaren spielte und als einziges Mädchen zwischen den Jungs sitzt: "Ich bin grad 18 geworden, und wenn ich Nachrichten gucke, finde ich es voll schwer, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Deshalb bin ich froh, dass ihr heute da seid. Ich hab irgendwie Angst, das Falsche zu wählen."

Wir sitzen in einem voll verglasten Raum im Erdgeschoss der Schule. In einer Ecke stehen große Topfpflanzen, an die Wände haben wir Plakate gehängt, darauf Sätze wie: "Liebe Dich selbst: Geh’ wählen!" Demo, das sind außer mir heute Anna, 24, die Kulturwissenschaften in Regensburg studiert. Flavia, 27, Social-Media-Beraterin, und Oliver, 27, Mathematikstudent.

Nach der Vorstellungsrunde ist klar: "Politisch" will hier fast niemand sein. Das klingt nach alten weißen Männern und einer Frau mit farblich alternierenden Jacketts. Aber sie wollen offenbar wählen. Immerhin.

Wenn die unter 20-Jährigen sich am 24. September allerdings wieder so verhalten wie 2013, werden mindestens sechs dieser 15 zu Hause bleiben. Das wäre fast die Hälfte. Um das zu verhindern, sind wir hier.