Rollköfferchen! Wie kam ich auf die idiotische Idee, mit einem Rollköfferchen hierher zu reisen? Keinen Meter lässt sich das Ding über die uralten, buckligen Steinwege ziehen. Schon am Ortseingang, den ein Tor mit dem Schild "Privatbesitz" markiert, muss ich ihn hochheben. Jeder vernünftige Mensch, der sich je in diesem französischen Bergdorf aufhielt, sollte wissen, dass es hier nur ein angemessenes Gepäckstück gibt: einen Rucksack. Vor 35 Jahren hatte ich einen dabei, er war grau mit roten Lederkanten.

Ich habe nicht nur die Beschaffenheit der Wege vergessen, ich habe auch größte Mühe, mich im verwinkelten Labyrinth der kreuz und quer gebauten Häuser aus dunklen, unregelmäßigen Natursteinen zu orientieren. Es sind nicht mehr als zwei Dutzend, man kann das Dorf zu Fuß in zehn Minuten umrunden, aber sein Grundriss lässt keinerlei Struktur erkennen. Als Erstes will ich den "Tower" wiedersehen, das winzige, runde Häuschen, in dem ich immerhin neun Monate gelebt habe, von September 1981 bis Mai 1982. Ich kam hierher, weil ich, genauer kann ich es nicht sagen, aus allem rauswollte. Ich hatte Abitur gemacht, mich in wildem Trotz gegen ein Studium gewehrt, einen Handwerksberuf gelernt, in dem ich auf keinen Fall arbeiten wollte, und hatte das dringende Bedürfnis, eine Pause einzulegen, bevor es mit meinem Leben weiterging – in welche Richtung auch immer.

Bekannte erzählten mir von einem einzigartigen Ort namens Bardou, einem Dorf in den südlichen Bergketten des französischen Zentralmassivs. Seit Ende der vierziger Jahre war es ausgestorben, bis Klaus Ehrhardt, ein aus Hannover stammender Weltenbummler, und seine amerikanische Frau Jean die überwucherte Ruine 1966 entdeckten. Sie kauften das gesamte Dorf und machten sich an das wahnwitzige Projekt, es aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, Haus für Haus wieder aufzubauen. Hierfür benötigten sie Helfer. Gegen vier bis sechs Stunden Arbeit pro Tag konnte man kostenlos wohnen. Das klang gut in meinen Ohren. Ich schaukelte mit meinem R4 über eine steile Schotterpiste nach Bardou hinauf, fand mich im dörflichen Mittelalterambiente wieder und wurde von Klaus im "Tower" einquartiert. An manchen Wintertagen musste ich auf der Wassertonne, die im Freien stand, eine dicke Eisschicht aufklopfen. Oder habe ich das arktische Detail in Nachhinein dazuerfunden, um meine Aussteigerstory zu dramatisieren, und es schließlich selbst geglaubt?

Während jedenfalls meine Altersgenossen in zentralbeheizten Küchen diskutierten, ob Pinkeln im Sitzen für männliche WG-Mitglieder obligatorisch oder freiwillig sei, setzte ich mich einem Unterfangen der etwas radikaleren Art aus. Schafhüten im Gebirge hatte nicht jeder zu bieten.

© ZEIT-Grafik

Es ist Nachmittag, für Anfang Juni ungewöhnlich heiß. Dreieinhalb Jahrzehnte und ein gelebtes Leben später gehe ich die Steintreppe zur Eingangstür des "Tower" hinauf und knalle mit der Stirn sofort an den niedrigen Querbalken des Türrahmens. Leicht benommen schaue ich mich um. Hier, auf diesen sechs oder acht Quadratmetern habe ich also gewirtschaftet. Der eingemauerte Kamin kommt mir bekannt vor, auch der alte schlichte Esstisch, das Regalbrett mit Küchensachen darauf und das schmale Hochbett. Der Wasserhahn über der Plastikschüssel ist neu, da bin ich mir sicher. Es gab zu Beginn der achtziger Jahre keine Wasserleitungen in Bardou, auch keinen Strom. Das Dorf wurde erst 1994 ans Stromnetz der Region Haut-Languedoc angeschlossen. Das weiß ich aus dem Internet.

Als ich mich spontan entschloss, noch einmal nach Bardou zu fahren, schaute ich im Netz, ob der Ort mittlerweile eine Website hat. Halb zerknirscht, halb überwältigt saß ich vor dem Bildschirm, klickte mich durch die Fotogalerie, das Gästebuch, das Konzertprogramm des Sommers. Die ganze Zeit über hatte ich an alldem kein Interesse gehabt. Ich hatte um Bardou einen Bogen gemacht wie um einen schmählich verlassenen Freund, bei dem man sich aus Scham nie mehr meldet. Dabei bin ich ein sehr ortstreuer Mensch. Ich habe die sizilianische Vulkaninsel Stromboli nicht weniger als dreizehnmal besucht und erst kürzlich entschieden, dass mit Stromboli jetzt Schluss ist, weil der Trekkingkommerz dort auf eine Weise durchschlägt, die mir nicht behagt. Nur Bardou kam auf der Liste meiner Wiederkehr-Orte nicht vor. Diffus ahnte ich immer, dass zwischen uns etwas nicht stimmte. Auch dass es nicht am Ort lag, eher an mir. Wahrscheinlich hat mein Entschluss, ihn aufzusuchen, mit dem Alter zu tun, mit dem Gefühl, ein paar unerledigte Lebenskapitel schließen zu wollen.

Auf der Website von Bardou erfuhr ich auch: Klaus und Jean leben nicht mehr. Klaus starb 2009, Jean im vergangenen Jahr. Klaus ähnelte in meinen Augen einem preußischen Junker; sehr groß, sehr blond, sehr aufrecht. Jean glich in ihrer Anmut ein wenig Meryl Streep. Sie trug weite, bunte Röcke und große Wolltücher um die Schultern. Das Paar verkörperte seine Vision von Bardou, die ich als einen Mix aus romantischer Zivilisationsabkehr und hartem Pioniergeist beschreiben würde, also aus Monte Verità und Kibbuz. Mit einem zeitgenössischen Alternativprojekt, diesem politischen Heiligtum der Nach-68er-Generation, hatte die soziale Ordnung von Bardou allerdings nicht das Geringste zu tun, eher mit der eines feudalen, vormodernen Gutshofes.

Auf dem Rückweg vom "Tower" kommt mir Betsy entgegen, die eigentlich Elizabeth heißt. Sie ist eines der vier Kinder, mit denen Jean Anfang der sechziger Jahre, frisch geschieden, von Amerika nach Europa kam. Nur das fünfte Kind ist ein leiblicher Sohn von Klaus. Es war Betsy, die einzige Tochter, die in die Fußstapfen der Eltern trat. Sie ist die neue Besitzerin, die Bürgermeisterin von Bardou. Wir sind ungefähr im selben Alter. Wir haben uns vor 35 Jahren nicht kennengelernt, denn als ich nach Bardou kam, studierte sie in London Textildesign. Aus der Ferne ist sie von ihrer Mutter kaum zu unterscheiden: Die gleichen blond gelockten Haare und zarten Gesichtszüge, die gleiche mädchenhafte Aura. Allerdings kann ich mir Jean schlecht mit rot lackierten Fußnägeln vorstellen, auch nicht mit Betsys sprudelnder, auf der Stelle freundschaftlicher Unbefangenheit. Die vornehme Distanz, die ich bei Klaus und Jean bisweilen spürte, gibt es bei ihr nicht.