Der Druck auf die Geisteswissenschaften steigt – sie sollen deuten, erklären, effizient sein. Vor lauter Ansprüchen geht unter, was sie bereits leisten. Vier Strategien für mehr Selbstbewusstsein.

Neulich im Seminar. Thema: "Die institutionelle Ausdifferenzierung von Kunst und Design um 1900". Wir diskutieren angeregt. Plötzlich aber fragt eine meiner Studentinnen: "Was machen wir hier eigentlich? Seit einer Stunde sprechen wir über eine Zeit, in der meine Ururoma gelebt hat. Was hat das bitte mit uns zu tun?"

Der typische Dozentenreflex in solchen Situationen sieht so aus: Grundsatzdebatte im Keim ersticken. Umschalten auf Belehrungsmodus: Verweis auf die Wichtigkeit historischer Tiefenkenntnis zur angemessenen Erschließung der Gegenwart. Basta.

Dabei rührt die Frage nach der Situation des akademischen Arbeitens in einer sich politisch radikalisierenden Welt am Selbstverständnis aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Das darf uns, den Vertreterinnen und Vertretern dieser Fächer, nicht mal im Ansatz egal sein. Stellt sich Gleichgültigkeit gegenüber unserer gesellschaftspolitischen Rolle ein, dann bestimmen andere, wo und wie wir uns einzubringen haben.

Fatal ist, dass derzeit genau dies geschieht. Der weltweite Aufstieg rechtsnationaler Bewegungen vollzieht seinen Landgewinn auch auf Kosten der angeblich weichen Wissenschaften. Trumps Vorstoß, die zentrale Fördereinrichtung der amerikanischen Geisteswissenschaften, das National Endowment for the Humanities, aufzulösen, ist nur die Spitze eines antiakademischen Ressentiments, das die universitäre Wissenschaft mit einer Mixtur aus Effizienzwünschen und Ideologiekriterien durchforstet. Ziel ist die Beseitigung von ökonomisch Unrentablem und weltanschaulich Abweichendem.

Umso dringlicher stellt sich die Frage, was die Geisteswissenschaften die ganze Zeit machen: Wo bleibt die überparteilich-differenzierende Stimme der Politikwissenschaften? Schlüge nicht genau jetzt die Stunde einer versachlichenden Religionswissenschaft? Warum schweigt die Germanistik zur politischen Rhetorik des Populismus? Wer äußert sich hörbar aus Kunst-, Bild- oder Medienwissenschaften zu den ästhetischen Strategien der Macht? Und hat die Philosophie außer ein paar TV-Denkern überhaupt noch etwas zu melden?

Auf derart grobe Fragen gibt es nur scheinbar einfache Antworten. Denn der Vorwurf, der hier zum Tragen kommt, vollzieht seinerseits einen Angriff auf die Geisteswissenschaften: Könnte man nicht guten Gewissens auf etwas verzichten, das sich jahrzehntelang durch Myriaden zusammengewürfelter Sammelbände, gestelzter Fachaufsätze und katastrophal schlecht besuchter Konferenzen in paradiesischer Selbstgenügsamkeit eingerichtet hat?

Die Dinge liegen komplizierter. Denn die Geisteswissenschaften befinden sich in einem strukturellen Teufelskreis. Je stärker sie durch politische Radikalisierungen unter Druck geraten, desto bereitwilliger vertrauen sie auf gängige PR-Maßnahmen: eingeworbene Drittmittel in dieser und jener Höhe, das x-te innovative Kooperationsprojekt, so und so viele Zitationen in highly ranked journals .