Ein Sommerabend im Wendland. Im Kulturbahnhof Hitzacker, einem alternativen Veranstaltungsort, hängt Landschaftsmalerei, Windkrafträder im Weizenfeld. Der große Tisch in der Mitte des Raumes ist gedeckt mit Vollkornbrot und Käse, Nektarinen, Bier und Bio-Limonade. Rund 25 Männer und Frauen sitzen hier und warten, sie nennen ihr Projekt: das Dorf der Zukunft.

Käthe Stäcker, aus der Organisations-AG dieses Dorfes im Entstehen, liest einen Briefentwurf vor. "Liebe Nachbarn ... wir bauen ein interkulturelles Mehrgenerationendorf ... hoffen, dass Sie durch den Lärm nicht belästigt werden ... auch fünf Familien aus Syrien und Afghanistan ... auf gute Nachbarschaft!" Kurz herrscht Verwirrung, schließlich Konsens: keine Syrer, dafür Iraker.

Die Menschen hier im Kulturbahnhof verbindet eine Vision: Ein Dorf, gemeinsam gebaut und bewohnt von hundert Alten, hundert Jungen und hundert Flüchtlingen. Während in Europa der Nationalismus erstarkt ist, wollen sie ein Vorbild sein für gelebte Integration. Völkerverständigung auf fünf Hektar Ackerland. Sie sind als solidarische Genossenschaft organisiert, die Wohlhabenden zahlen den Ärmeren und den Zuwanderern die Genossenschaftsanteile (Einstiegssumme 500 Euro, die 60-Quadratmeter-Wohnung zwischen 15.000 und 20.000 Euro). Die 25 von Hitzacker, sie arbeiten an einer linken Utopie in der linksbewegten niedersächsischen Provinz, eine halbe Stunde elbabwärts vom Atommülllager Gorleben.

Wird die Vision Wirklichkeit? Die ZEIT begleitet das Dorf der Zukunft seit Anfang des Jahres beim Wachsen. Doch es wächst nicht so recht. Äußere und innere Widerstände verzögern den Baubeginn.

Als im März der erste Artikel entstand, hieß es noch: Das erste Haus soll im Frühling gebaut werden. Jetzt, Ende August, wuchert auf besagtem Acker noch immer bloß Unkraut. Zwar ist das erste Grundstück mittlerweile gekauft, doch noch fehlt die Baugenehmigung. Zwar ist die Genossenschaft auf 138 Mitglieder angewachsen, und die Wohnungen des ersten Bauabschnitts sind alle vergeben, doch längst nicht alle haben ihre Anteile eingezahlt. Zwar wollen fünf Flüchtlingsfamilien Teil der Gemeinschaft werden – aber wo sind die eigentlich?

Und so wirken die wöchentlichen Plenumssitzungen im Kulturbahnhof ein wenig wie Gruppentherapie:

Christa: "Wir brauchen eine Ankündigung für unseren Auftritt bei der interkulturellen Woche. Inhaltlich haben wir ja noch nicht so viel, ich steh ein bisschen auf dem Schlauch." Hauke: "Hitzacker-Dorf: Wir sind noch da – bewegt hat sich noch nichts." (lautes Gelächter).

Käthe: "Das Dringendste für uns ist, Geld zu finden." Christa: "Ich glaube, viele zahlen nicht, weil sie das Wir noch nicht fühlen." Hauke: "Was auf Kosten des Wir-Gefühls geht, sind die ewigen Diskussionen!"

Thomas: "Die Pseudo-Realitäten, die hier bewegt werden, kotzen mich an."

Barbara: "Was du als Befindlichkeiten titulierst, ist für mich das Wichtigste: der Umgang miteinander."

Käthe: "Mir ist dieses Dorf so wichtig. Dieser Abend fasst mich richtig an."

Was bei Bier und Käsebrot im Kleinen praktiziert wird, mag mühselig erscheinen, bisweilen auch müßig. Aber während vielerorts der Dialog verkümmert, diskutieren und streiten sie hier, hören sich zu. Seit Monaten stecken die Genossen ungezählte Stunden in ihr Dorf, treffen sich Woche für Woche in Arbeitsgruppen, entwickeln neue Ideen.