Als Toshiyuki Isaka vor zwei Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde, hätte er sich freuen können. Nach drei Jahrzehnten im Dienst der japanischen Selbstverteidigungskräfte und weiteren Jobs für Entwicklungsprojekte erhielt er mit sechzig endlich die volle Rente. In seinem neuen Leben wäre eine ausgiebige Kreuzfahrt mit seiner Frau drin gewesen oder ein entspannender Kalligrafiekurs. "Ich hatte mich auch drauf gefreut", erzählt der drahtige Mann. Aber nach ein paar gemeinsamen Wochen auf der Couch war dem Ehepaar klar: So geht es nicht. Der Neurentner sollte doch lieber wieder ins Arbeitsleben zurückkehren.

Isaka erinnert sich noch an entscheidende Worte. "Meine Frau sagte mir: Das halte ich nicht aus, ich will dich nicht den ganzen Tag im Haus haben!" Und der mittlerweile 62-Jährige opponierte nicht etwa, er stimmte zu. Heute, ähnlich wie schon vor seinem Ruhestand, steigt er jeden Morgen um 6.55 Uhr in den Zug im Süden von Tokio und fährt eine Stunde und 40 Minuten zur Arbeit. Isaka arbeitet als Jobvermittler, spezialisiert auf Typen wie ihn selbst: alte Menschen, die nicht aufhören wollen zu arbeiten.

Denn von so motivierten älteren Semestern gibt es viele. Der durchschnittliche japanische Arbeitnehmer geht mit 69 Jahren in den Ruhestand, neun Jahre nach Erreichen des gesetzlichen Rentenalters. Damit ist Japan völlig untypisch in der reichen Welt, wo sich über die vergangenen Jahrzehnte eher das Prinzip der Frühverrentung durchgesetzt hat. In Deutschland verabschieden sich die Menschen im Schnitt mit 63 Jahren aus dem Berufsleben, also rund zwei Jahre vor dem offiziellen, schrittweise steigenden Rentenalter. In Österreich macht man sogar drei Jahre eher Schluss. Auch in den USA arbeiten die meisten Menschen nicht länger als für den Bezug der Rente nötig.

Die meisten Japaner wollen im Rentenalter weiterarbeiten, auch für weniger Lohn

Man könnte Japan sogar das Musterbeispiel für "lebenslanges Lernen" nennen – jenen Lebensstil, den all die internationalen Institutionen von EU über Unesco bis OECD seit Jahrzehnten predigen. Denn tatsächlich geht es den Regierungen und Thinktanks der Wohlstandsgesellschaften, deren Bevölkerungen allesamt altern, bei ihrem Weiterbildungsimperativ darum, dass die Menschen auch im hohen Alter ihr eigenes Geld verdienen. Das entlastet die Rentenkassen. Insbesondere in Japan ist das wichtig. Mittlerweile ist dort gut ein Viertel der Bevölkerung 65 Jahre oder älter. Bis 2050 wird der Anteil voraussichtlich bei 40 Prozent liegen. 65.000 Menschen im Land sind sogar 100 Jahre oder älter. Damit ist Japan das Land mit der ältesten Bevölkerung weltweit.

Die Betriebe können froh sein, dass das Land so viele fleißige und gesunde alte Menschen hat. Durch die niedrige Geburtenrate und die sehr geringe Immigration ist die Arbeitsbevölkerung seit Ende der 1990er Jahre von ihrem Höchststand, 67 Millionen, schon um zwei Millionen geschrumpft. Wenn sich die heutigen Trends fortsetzen, werden es 2030 nur noch 56 Millionen sein. Betriebe diverser Branchen klagen längst über Arbeitskräftemangel. Eine Herausforderung, die viele andere Länder noch ereilen wird. In Deutschland besteht heute schon akuter Mangel in der Pflege. Fände man genügend gesunde alte Menschen, die wie in Japan den Job machen wollen, wäre die Lage weniger problematisch.

Getrost kann man Japan das Land des gesunden Alterns nennen: Die Senioren von heute helfen ihren Kindern als Babysitter, organisieren sich in Nachbarschaftsverbänden und gewinnen Seniorenweltmeisterschaften in der Leichtathletik. Es gibt viele Beispiele für Aktivität im hohen Alter, die man nur in Japan findet. Eine 82-jährige Imbissbesitzerin im Westen von Tokio legt abends als DJane in Klubs auf. Ein Kardiologe, der diesen Sommer 105-jährig starb, behandelte noch bis kurz vor seinem Tod Patienten. Der Chef von Yomiuri Shimbun, der auflagenstärksten Zeitung der Welt, ist auch schon 91.