Im Leben jeder Autorin und jedes Autors kommt irgendwann dieser ganz bestimmte Zeitpunkt, der das Leben verändern wird. Es ist dies nicht der Augenblick, wenn die Nominierung des Nobelpreises verkündet wird, nicht jener, in dem man den Deutschen Buchpreis überreicht bekommt. Das alles sind wundervolle und gewiss auch lebensverändernde bedeutsame Lebensstationen. Die nur wenigen vorbehalten bleiben werden. Aber das, was jeder Schreibende mit hoher Wahrscheinlichkeit erlebt, ist jener seltsame Schwebezustand namens Lesereise.

Sie ist ein wildes Sammelsurium begrenzter Unmöglichkeiten. Drei Monate Tour machten einen völlig neuen Menschen aus mir. Vor allem schminktechnisch. In jedem Hotel vergaß ich ein anderes Teil aus dem Kulturbeutel, was es erforderlich machte, im nächstem Leseort Ersatz zu kaufen. Einmal vergaß ich sogar meine Schuhe. Macht nichts! Ich kurbele gern die Wirtschaft im Alleingang an. Gar kein Problem. Ich bin so eine Art verirrte Transmutationsinstanz, in der Worte zu Geld werden und Geld zu Worten werden sollte, aber dann halt zu Schminkzeug und Schuhen wird. Abgesehen davon verbrachte ich eine Nacht im Penishaus, erfuhr, welcher Politiker der berühmteste Märchenerzähler ist, verstand, was fehlender Klassenkampf bedeutet, und traf eine Polizistin in geheimer Mission. Würste und Kuchen pflasterten meinen Weg.

Aber alles der Reihe nach.

Ein großer Teil der Reise wurde dankenswerterweise durch den Bibliotheksverband ermöglicht, der mich mit meinem Jugendbuch Dazwischen: Ich – die Heldin des Romans, Madina, flieht vor Krieg und hat dann, in Sicherheit angekommen, ganz neue Herausforderungen in Schule und Familie zu meistern – quer durch Schulen und Bibliotheken in ganz Österreich schickte. Eine Kurzzeiterleuchtung. Ich hatte bis jetzt gar keine Vorstellung davon, wie viele Postbusse in verwinkelten Gässchen herumkurven. Und wie viele Bibliotheken ihre Türen auch in kleinen, abgelegenen Ortschaften für Lesende offen halten – und auch, wie häufig sie frequentiert werden. Überhaupt: So engagierte und auch kulinarisch sich auf der Höhe der Zeit befindliche Veranstalter habe ich selten erlebt. Halb mästete man mich, halb sank ich hin. Ich fraß mich quer durch einige deutschsprachige Länder, von Wien über Bad Ischl, das mit einem geschenkten Riesen-Zaunerstollen, süßem Nestroysemmerl-Konfekt und drei Törtchen besonders brutal zu Buche schlug, bis nach Vorarlberg und darüber hinaus: Schweizer Schoggi in Winterthur, Käsekuchen mit Aussicht auf einen drachentretenden Georg in Speyer und schließlich Kloß mit Soß in Bamberg, dem geliebten Schweinsbraten-Venedig des Nordens. Was die Diätologie anbelangt, war die Reise übrigens fast ebenso lehrreich.

Die Kritiker waren direkt, wenn etwas nicht gefallen hatte, bekam ich es gleich zu hören

Das Lehrreichste waren die Schulen. Ich las in Stadtschulen und Landschulen, in Privatschulen und Brennpunktschulen. Jugendliche Zuhörer sind etwas ganz Wunderbares, ganz anderes als die gewohnte ebenso wunderbare Leserschaft. Die Kritiker waren um einiges direkter – wenn etwas nicht gefallen hatte, bekam ich es auch gleich zu hören. Die ausgesprochenen Gedanken waren ungefiltert und ab und zu sehr überraschend. Die Fragen reichten von "Sind Sie verheiratet?" über "Wie heißt Ihr Hund?" bis hin zu: "Der Duktus der Sprache in den kursiv abgesetzten Passagen ändert sich signifikant im Bezug auf die übrigen Passagen. War das Ihre Absicht?" Der jugendliche Fragesteller war gerade einmal zwölf Jahre alt und wurde von mir bekniet, doch einmal selbst das Schreiben zu probieren. Jedenfalls witterte ich eine große Kritikerkarriere und bin immer noch gespannt, ob dieses Ausnahmetalent gefördert wird – verdient hätte er es. Aber es gab auch Fragen wie: "Glauben Sie, ich schaffe es hier, so wie Madina?" Diese Jugendlichen verglichen sich mit der 15-jährigen geflüchteten Heldin des Romans und zweifelten daran, dass ihnen gelingen könnte, was ihr gelingt: anzukommen. Und sich weiterzuentwickeln.

Der Unterschied zwischen Privatinstitutionen und den öffentlichen Schulen war spürbar – noch mehr natürlich im direkten Vergleich zu Brennpunktschulen. Gepflegte Gärten mit verträumten Springbrunnen versus kleine, heruntergekommene Klassenzimmer. Ruhige Gewissheit und Selbsterkenntnis auf der einen, große Wut und Scham auf der anderen Seite, kombiniert mit der durchaus realistischen Wahrnehmung, wenig bis keine Chancen in der Gesellschaft zu haben. Es schmerzte zu sehen, wie unterschiedlich weit diese Jugendlichen waren – bei durchaus ähnlicher Begabungslage. Die Tatsache, dass so viel davon abhing, wo sich die Schüler befanden, und gar nicht von den Schülern selbst, war für mich dabei am Erschreckendsten. Und die wilde Entschlossenheit der Lehrkräfte in den Brennpunktschulen, es dennoch zu versuchen, zu fördern, zu motivieren, gehörte gleichzeitig zu dem Beeindruckendsten der gesamten Reise.

Das schrägste Erlebnis hatte ich ohne jeden Zweifel in Neusiedl am See, als die kunstsinnige Lehrerin verschwörerisch in den Raum raunte: "Kinder, wisst ihr, was heute für ein besonderer Anlass für unseren Besuch hier ist?" Der gut gefüllte Saal schwieg. "Heute hat ein ganz berühmter Märchenerzähler Geburtstag! Wer kennt seinen Namen?" Der Saal schwieg noch lauter. Die Lehrerin lockte mit schmeichelnder Sirenenstimme: "Ich helfe euch! Sein Name ist ..." Dramatische Pause. "Sein Name ist ... Hans ... Christian ..." Da zerriss ein empört-verwunderter Ruf die Stille: "Strache?!" Ich bemühte mich, exponiert auf der Festsaalbühne, die Lachtränen wieder in die Augenwinkel zurückzuzwinkern.

In Obertrum am See hingegen erlebte ich etwas, das sich nur noch als Gen-Splice zwischen Krimi und Mein Freund Harvey einordnen ließe. Das gediegene Landgasthaus war wunderbar, die Landschaft inspirierend, zu meiner Abholung stand beim Empfang eine sympathische junge Frau mit Locken bereit, die sich als Bibliotheksmitarbeiterin vorstellte und mich zur Lesung bringen sollte. Als wir losgehen wollten, trat ein Herr zu uns und bat, einen Witz erzählen zu dürfen. Wir sagten zu, es war ja noch etwas Zeit. Allerdings unterbrach er sich gleich wieder und sagte empört zu sich selbst: "Aber den Witz kennst du doch schon, Pauli!", verzog sich hinter einen Busch und betrat anschließend nur noch mit einer in Siebziger-Jahre-Uringelb gehaltenen Unterhose den edel getafelten Barbereich, um es sich dort auf der schönsten Bank gemütlich zu machen. Die freundliche junge Frau seufzte. "Ich fürchte, ich bin jetzt im Einsatz." – "Wie bitte?" – "Wissen Sie, ich bin eigentlich Polizistin und nur ehrenamtlich in der Bibliothek." Erneut wurde mir klar, dass die Welt des Vergeistigten und des ach so Geerdeten definititv kommunizierende Gefäße sind. Sie sammelte die Kleider ein und folgte dem Zielobjekt zügig. Später, den Fall geklärt und in die Bibliothek nachgekommen, sagte sie nur: "Und dabei hieß er nicht einmal wirklich Pauli!"