Nach kaiserlichem Willen, nach Weisung des Generalsekretärs sollte man an diesem Ort glücklich sein. Und ich war hier glücklich. Glücklich waren auch meine Eltern und ihre Freundin, die sich aus dem Busfenster lehnte und rief: "Ach, der Oleander! und die Luft, die Luft!" Wir fuhren in einem Trolleybus auf der längsten Oberleitungsbuslinie der Welt, drei Stunden lang vom Bahnhof in Simferopol zum Meer. Am Straßenrand die Rosensträucher höher als der Bus. Es war der erste Tag des Urlaubs, unser Glück hatte gerade erst begonnen und lag noch unverbraucht vor uns. Ich war vielleicht acht. Als unser Trolleybus über die Serpentinen bergab raste, schrien die Fahrgäste auf. Ich schaute nur herunter aufs blaue Schwarze Meer.

Zwei Jahrhunderte zuvor fuhr die Kaiserin Katharina aus St. Petersburg auf die Krim. Es war eine für sie höchst zufriedenstellende Reise. "Noch nie habe ich Birnbäume so groß wie die höchste und dickste Eiche gesehen, und die hiesige Luft", schrieb Katharina unterwegs, "ist das Allerangenehmste!"

Es ist ein Schock, heute wieder über die Krim zu fahren, und ich muss mich fragen, ob sich Präsident Putin diese schäbigen Plattenbauten, Bierkioske am Straßenrand, Grillhähnchenbuden und Karaokebars überhaupt angesehen hat, bevor er sie 2014 annektieren ließ? Im Trolleybus, der immer noch dieselbe Strecke fährt, riecht es nach frittierten Fleischteigtaschen. Sie heißen Tschebureki und werden überall gegessen, wo die alten sowjetischen Platten noch stehen. Ob man an so einem Ort glücklich sein kann, glücklich gewesen sein kann, werde ich erst erfahren, wenn ich am Ende dieser elektrischen Straße ins Glück angekommen bin.

Einst lag das Glück in einer Bucht unterhalb der Serpentine, in der ich mir jedes Jahr einen Sonnenbrand holte. Sonnencreme gab es damals keine, wir schmierten abends Kefir auf die roten Schultern. Das half, wir bildeten uns nichts ein, auch unser Krimglück nicht. Es war jemand anderes, der sich das einst ausgedacht hatte.

Pforten ins Goldene Zeitalter

Der Erfinder der Krim hieß Grigori Potjomkin. Der Fürst und Liebhaber von Katharina II. ist heute weltbekannt wegen seiner Dorfattrappen, die er auf dem kaiserlichen Weg zur Krim bauen ließ. Die überlieferte Anekdote stimmt so nicht. Katharina war nicht so naiv, die Bühnenbilder nicht als solche zu erkennen. Sie hat sie ja aus der eigenen Staatskasse bezahlt. Unwahr ist auch, dass Potjomkin sie betrügen wollte. Er wollte sie beglücken, und das ist ihm gelungen.

Katharina hatte den Staat der Krimtataren kurzerhand annektiert, aber eigentlich hatte die Kaiserin keinen Appetit gehabt auf diese Steppenlandschaft mit "Horden von Tataren", wie sie sagte. Potjomkins bemalte Triumphbögen waren Pforten ins Goldene Zeitalter, ins Elysium, ins antike Paradies. Als Nächstes wollte sich das Kaiserreich nämlich Griechenland einverleiben und erklärte sich schon mal zum Nachfolger von Hellas. Auch diesen Traum füllte Potjomkin mit Leben, eines Tages traf Katharina sogar auf leibhaftige Amazonen: einhundert Reiterinnen, angeführt von der Hauptmannsgattin des griechischen Regiments von Balaklawa. Neben Tataren lebten damals viele Griechen auf der Krim. Die Damen trugen weinrote Samtröcke und Pfauenfedern, man hatte ihnen echte Gewehre ausgehändigt mit jeweils drei Schuss, aber natürlich nur mit Platzpatronen. Die potjomkinsche Show begeisterte die Zuschauerin, und bald entstand in den besetzten Steppengebieten nach dem elysischen Vorbild ein neues Land, Neurussland. Städte mit weißen Säulengängen und Propyläen und hellenischen Namen wie Sewastopol oder Simferopol.

Das Küstenstädtchen, in dem meine Eltern und ich jeden Sommer waren, heißt Hursuf. Es muss hier etwas Schlimmes passiert sein. Was einem heute auf der Krim ins Auge springt, sind nicht die Narben eines frischen Krieges, in dem nur wenige Autostunden entfernt noch Menschen sterben. Es sind Spelunken. Die Bewohner fluchen über sie, als hätte jemand anders ihre Krim damit verunstaltet. Die Promenaden, wo Anton Tschechow einst Damen mit Hündchen traf und wo später sowjetische Urlauber mit Panamahüten flanierten, sind heute mit Bierbuden zugestellt. Auf Bergpässen schlägt einem statt Meeresluft der Geruch von Frittierfett entgegen. Hätte man Menschen aus meiner Kindheit in die Zukunft schicken können, hätten sie gesehen, was nach dem Sozialismus kommt, dann wäre wohl die Sowjetunion nicht zusammengebrochen.

Unser Ferienheim hieß "Haus des Schaffens bildender Künstler", heute sind daran Läden wie Baumpilze angewachsen. Ich bekomme ein Ferienzimmer, aber nicht unser altes. Beim sozialistischen Schaffen gab es nämlich mehrere Klassen, und die verdienten Künstler kamen in den besser gelegenen Block 1. Die weniger Verdienstvollen schickte man in eine Platte, in der auch meine Mutter, die in der Verwaltung des Künstlerverbandes arbeitete, ein Zimmer bekam. Besonders verdienstvolle Künstler genossen eine abgelegene Bucht mit einer Datscha, die Tschechow hier gebaut hatte. Im Block 1, in dem ich heute lande, bin ich damals nur einmal gewesen. Ich besuchte hier mit meinen Eltern einen Magier.