Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann erzählt aus dem Leben der Westerwälderin Luise. Weil sich die Eltern der Ich-Erzählerin in einer Ehekrise befinden, die alle Aufmerksamkeit für sich beansprucht, wird Luise von ihrer Großmutter Selma und deren bestem Freund, dem Dorf-Optiker, großgezogen. In ihrem jungen Leben – die erzählte Zeit des Romans erstreckt sich von Luises 10. bis zu ihrem 35. Lebensjahr – wird Luise immer wieder mit dem Tod konfrontiert: In jedem der drei Romanteile stirbt eine Person, die der Ich-Erzählerin nahesteht. Doch auch wenn der Tod in Luises Leben eine zentrale Rolle spielt, wird der Roman nie düster und deprimierend – ganz im Gegenteil: Die Liebe zwischen Luise, ihrer Großmutter und dem Optiker und die Zuneigung, die die Bewohner in Luises Heimatdorf füreinander hegen, dämpfen jeden Schicksalsschlag. Zugegeben: Das klingt nach Kitsch, aber es macht Mariana Lekys Kunst aus, sprachlich und psychologisch so fein zu Werke zu gehen, dass ihr Roman nie süßlich ist.

Die Nächstenliebe dieser Romanwelt wohnt in den kleinen, alltäglichen, sich stetig wiederholenden Dingen des Lebens. Als Selma und der Optiker Luise erst das Schwimmen und dann das Fahrradfahren beibringen, benutzen sie beide Male die gleichen Zusprüche: "'Wir lassen nicht los', sagten Selma und der Optiker, und irgendwann: 'Wir lassen jetzt los' (...). 'Wir lassen nicht los', sagten sie, und irgendwann: 'Wir lassen jetzt los'". Durch das Stilmittel der Wiederholung lenkt Leky unseren Blick auf die Schönheit des Lebens.

Mariana Leky kreiert in Was man von hier aus sehen kann eine eigenständige, wundersame Welt – auch sprachlich. Viele ihrer Metaphern und Vergleiche greifen auf bereits Erzähltes zurück, wodurch der Eindruck entsteht, dass in Luises Welt alles miteinander zusammenhängt. An dem Tag, an dem Luises Vater Selma einen Hund schenkt, ist das gemeinsame Schweigen des Vaters und der Großmutter zum Beispiel "mindestens so groß wie ein Irischer Wolfshund mit Schultergröße 200". Mit dem Stilmittel der Wiederholung schafft es Leky, uns sowohl zu rühren als auch zum Schmunzeln zu bringen.

Doch nicht nur der Umstand, dass in Was man von hier aus sehen kann alles miteinander zusammenhängt, ist wundersam. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass Selmas Fähigkeit hellzusehen (jedes Mal, wenn ihr im Traum ein Okapi begegnet, stirbt jemand aus dem Dorf) nicht das einzige fantastische Element des Romans ausmacht. Sowohl die halb realistische, halb fantastische Welt ihres Romans als auch ihre Sprache sind so originell wie ein Okapi, weswegen wir Leky auch kleine Kollateralschäden wie "aber bei Selmas Profil, da fieberte er mit" verzeihen. Mitfiebern kann man bei etwas, das sich entwickelt, bei einer Veranstaltung etwa oder einer Fernsehserie, aber nicht bei etwas so Statischem wie einem Profil.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont, Köln 2017; 320 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €