Niemand im Hafen weiß, was in den fünf Containern steckt, die 2003 in Dubai auf die BBC China gehievt werden. Der Frachter, 121 Meter lang, ist ein unauffälliger Lastesel der Globalisierung, im Dienst einer deutschen Reederei, der BBC Chartering & Logistic. Doch plötzlich interessieren sich Ermittler, Richter und Agenten für das, was die BBC China in Dubai geladen hat und nach Libyen bringen soll.

Auf Wunsch der USA erbitten deutsche Behörden eine Kursänderung. Kurz vor dem Sueskanal erreicht den Kapitän der Befehl, er solle sofort Italien ansteuern. Auf dem Mittelmeer wartet bereits ein US-Kriegsschiff, das die BBC China in den italienischen Hafen Tarent eskortiert. Dort stoßen Ermittler in den Containern auf Tausende von Metallteilen. Es handelt sich um Material für Zentrifugen, mit denen Uran für den Bau einer Atombombe angereichert werden kann. Bestimmt war es für das libysche Nuklearwaffenprogramm.

Und der Absender? Die Spur der Ermittler führt zum Schwarzmarkt für Massenvernichtungswaffen. Erstmals fällt nun ein Name, der bald wie kein anderer für den Atomschmuggel im großen Stil stehen wird: Abdul Qadeer Khan. Ein Mann, der nicht nur Libyen mit brisantem Material versorgte, sondern wohl auch entscheidend dazu beigetragen hat, dass Nordkorea zu einer Atommacht werden konnte. Heute soll das Land bereits mehr als ein Dutzend nukleare Sprengsätze produziert haben und über große Mengen Uran verfügen, um weitere Atombomben herzustellen. "Im ungünstigsten Fall könnte Pjöngjang bis zum Jahr 2020 mehr als 100 Nuklearwaffen besitzen", heißt es in einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Wer also ist der Mann, über den man bis zur Festsetzung der BBC China kaum etwas wusste – und der doch mitverantwortlich dafür ist, dass Nordkorea zum vielleicht gefährlichsten Land der Erde wurde? Der eine entscheidende Rolle dafür spielt, dass Machthaber Kim Jong Un den USA in diesem Sommer so selbstbewusst mit Krieg drohen konnte?

Geboren wurde Kahn 1936 in der damaligen britischen Kronkolonie Indien, in der Stadt Bhopal. Als er neun Jahre alt war, erkämpften Hindus und Muslime gemeinsam die Unabhängigkeit, dann zerstritten sie sich, die Staaten Indien und Pakistan entstanden. 1952 zieht er zu Verwandten nach Pakistan. So berichtet es die New York Times, deren Rechercheure Khans Leben durchleuchtet haben.

Khan, ein Kind des jungen pakistanischen Mittelstandes, studiert Maschinenbau und Metallurgie in Karatschi, Berlin und im niederländischen Delft. Anschließend promoviert er in Belgien zur Elastizität bestimmter Metalllegierungen. In den 1970er Jahren arbeitet er dann als Ingenieur für einen niederländischen Zulieferer von Urenco, einem europäischen Konsortium, das Anlagen zur Uran-Anreicherung betreibt. Urenco ist außerdem in der Entwicklung und dem Bau von Gaszentrifugen aktiv. Mit diesen wird das Uran so angereichert, dass man es in Brennstäben von Kernkraftwerken verwenden kann. Etwas anders angereichert, kann Uran allerdings auch zu Kernsprengstoff werden, dem Hauptbestandteil von Atombomben.

Im Urenco-Konzern lernt Khan viel über die Uran-Anreicherung. Er knüpft Kontakte zu Ingenieuren und Zulieferern – auch aus Deutschland. Und er nutzt Sicherheitslücken aus, um technische Anleitungen und Pläne zu kopieren. 1974 schreibt er aus den Niederlanden an den pakistanischen Premierminister und bietet nun an, für das Atomprogramm des Landes zu arbeiten. Doch nun werden die niederländischen Sicherheitsbehörden auf ihn aufmerksam, Beamte befragen ihn. Khan verlässt Europa 1975 und kehrt zurück nach Pakistan. Dort baut er ein Forschungslabor auf, das bis heute seinen Namen trägt: Khan Research Laboratories. Es wird zur Keimzelle des pakistanischen Kernwaffenprogramms, das im Mai 1998 in den Test einer eigenen Atombombe mündet.

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre beginnt auch Nordkorea über das Khan-Netzwerk einzukaufen. Zwischen 1997 und 2002 liefern Khan und seine Mitstreiter mindestens 20 Zentrifugen und auch Uranhexafluorid – das Ausgangsmaterial für die Anreicherung. Das räumt Pakistan nach einer Untersuchung 2004 öffentlich ein. Tatsächlich dürfte die Zahl der Zentrifugen noch höher gewesen sein. Zudem bekommt Nordkorea auch Messwerte aus dem pakistanischen Atomprogramm sowie Baupläne für Kernwaffen. Kurzum: Khan liefert Pjöngjang fast alles, was man für den Bau einer Atombombe benötigt.