An den Abend des Mauerfalls kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich, um diese Leere zu füllen, male ich mir Szenarien aus. Das beliebteste: Meine Eltern wecken mich mitten in der Nacht; danach sitze ich im Schlafanzug vor dem Fernseher und schaue mir endlos Bilder von lachenden und weinenden Menschen an der Mauer an. Aber ich weiß natürlich, dass das eine Fiktion ist. Es passt nämlich nicht zu den Novembertagen des Jahres 1989, sondern eher zur Live-Stream-Realität von heute.

An den Moment dagegen, an dem ich die Fernsehbilder des brennenden Sonnenblumenhauses in Rostock-Lichtenhagen zum ersten Mal gesehen habe, kann ich mich noch genau erinnern. Im August das Jahres 1992 war ich 16 Jahre alt und kein Kind mehr. Die Bilder der um ihr Leben bangenden Vietnamesen und Asylbewerber, der Angreifer, der applaudierenden Menge und der offenbar überforderten Sicherheitsorgane waren ein Schock. Was man da sah, war ein Kollaps, ein gesellschaftlicher und menschlicher Zusammenbruch. Man konnte darauf nicht anders als mit Entsetzen, Wut, Ohnmacht und Scham reagieren. Rostock-Lichtenhagen war ein Novum, mit kaum etwas, das danach kam, vergleichbar. Und doch sind seither diese, meine Schocks in verlässlichen Abständen wiedergekehrt. Fast sind sie in den ersten 20 Jahren nach der Wende zu einem Begleiter geworden. Emotionale Ausnahmesituation, die traurigerweise zu einer Gewohnheit wurden. Zumeist rechtsextremistisch motivierte gesellschaftliche Eruptionen: 1994, die Hetzjagd von Magdeburg. 1998, zehn Jugendliche treiben einen Mosambikaner durch Halle-Neustadt; verletzen ihn schwer. 1999, Neonazis hetzen einen Algerier durch Guben; er stirbt später an seinen schweren Verletzungen. Auch die Entdeckung des NSU 2011 war für mich so ein Schock. Zuletzt überkam er mich, als im Februar 2016 im sächsischen Clausnitz Einwohner versuchten, einen Bus mit Flüchtlingen zu blockieren.

Alle diese Ereignisse, an denen sich die Nachwendezeit wie chronologisch entlangerzählen lässt, haben eines gemeinsam: Im Zentrum steht Gewalt. Direkte, physische oder verbale. Diese Gewalt ist der Grund und scheinbar die Bestätigung für das Image vom fremdenfeindlichen und gewaltbereiten Ostdeutschen. Sie zeigen eine immer wieder enthemmte und entgrenzte Gesellschaft. Solche Taten, glauben Forscher, lassen sich nicht nur mit extremistischen Haltungen erklären, sondern müssen auch auf einer besonderen Einstellung zur Gewalt basieren. Woher kam diese Gewalt? Warum ist aus dem Mauerfall- und Einheitsjubel nur so viel Gewalt entstanden?

1. Welche Gewalt?

Es gibt Gewaltforscher, die, wie ihr Name sagt, sich wissenschaftlich mit solchen Fragen beschäftigen. Entstanden ist ihr Forschungszweig in den späten sechziger Jahren. Der Norweger Johan Galtung, der Gründervater dieser Disziplin, schrieb damals: "Gewalt gegenüber Menschen verletzt und schadet Körper, Seele und Geist. Gewalt erzeugt Gewalt." Seither ist die Gewaltforschung in so verschiedenen Disziplinen wie Soziologie, Kriminologie, Geschichts- und Rechtswissenschaft, Medizin und Politologie zu Hause.

Das ist auch ein Grund dafür, dass sich über Gewalt wenig Allgemeines sagen lässt. Im Gegenteil: Ihrem Wesen nach ist sie unbestimmbar; schillernd. Gewalt unterliegt Konjunkturen und Übereinkünften. Sie hängt von sozialen, kulturellen, politischen, historischen Kontexten ab; wechselt ständig Form und Ziele. Gewalt im "Dritten Reich" war eine andere als die des islamistischen Terrorismus des 21. Jahrhunderts. Sie muss daher immer wieder neu analysiert werden. Im Prinzip verhandelt jede Gesellschaft ihr Verhältnis zu Gewalt, ihren Umgang mit Gewalt und ihre Ächtung von Gewalt ständig neu. Nur in einem herrscht Gewissheit: Gewalt ist im Grundsatz illegitim. Jeder Mensch hat die Wahl und die Möglichkeit, auf Gewalt zu verzichten. Schaue ich mir verschiedene ostdeutsche Gewaltphänomene an, dann nicht, um zu legitimieren oder Täter zu entschuldigen. Ich möchte den Osten vielmehr aus einer anderen Perspektive beschreiben, zumal da es grundlegende Arbeiten aus der Gewaltforschung zum Osten bisher nicht gibt.

2. Extreme Zahlen

Betrachtet man die Zahlen und Statistiken aus den neunziger Jahren für Ostdeutschland, stößt man überraschend oft auf Superlative und Rekorde, die allesamt eine Abwärtsbewegung beschreiben: Nirgendwo im Ostblock brach die Wirtschaft nach 1989 so stark ein wie hier, nur Bosnien und Herzegowina wiesen ähnliche Zahlen auf – nach dem Jugoslawienkrieg. Der Historiker Philipp Ther nennt das in seinem Buch Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent eine "Katastrophe, die in jedem anderen postkommunistischen Land massenhaft Proteste nach sich gezogen hätte". Stattdessen gehen allein 1,4 Millionen Ostdeutsche bis 1993 in den Westen; eine vergleichbar hohe Wanderungsbewegung hatte es in Europa seit 1945 nicht gegeben.