Was früher Goethe war, ist heute Ludwig Erhard: der Mann für alle Fälle. Sahra Wagenknecht beruft sich ebenso auf den Vater der sozialen Marktwirtschaft wie Sigmar Gabriel. Angela Merkel hat seinen Buchtitel Wohlstand für Alle als Slogan übernommen. Merkwürdig nur, dass Erhards Lehren in der praktischen Politik ignoriert werden. Vor allem seine Forderung, der Staat dürfe nicht willkürlich ins Wirtschaftsgeschehen eingreifen, geht unter im Bermudadreieck von CDU, CSU und SPD.

Erhard hatte Epochales zu sagen. Zwischen den Weltkriegen hatte er beobachten müssen, wie sich Konzerne bereicherten und die Politik mit ihnen kungelte. Das durfte nicht wieder geschehen. In der neuen Bundesrepublik sollte der Staat die marktwirtschaftliche Ordnung verteidigen und sich vor allzu großer Nähe zu Unternehmen hüten.

Die Unternehmen dürfen fast alles, und wenn es schiefgeht, hilft der Steuerzahler

Heute können viele Politiker ihren Beistandsreflex kaum noch unterdrücken, wenn sie ein Problem ausfindig machen. Nach der Pleite von Air Berlin will Brigitte Zypries die Abflugsteuer für Passagiere auf deutschen Flughäfen abschaffen. Zur Begründung erklärt die Wirtschaftsministerin, Airlines und Gewerkschaften beklagten die Abgabe. Kein Wort darüber, dass die Fluggesellschaften von der Steuer auf Flugbenzin befreit sind, was nichts anderes ist als ein fortgesetzter großer Umweltskandal.

Anscheinend lernt die Regierung wenig aus dem Diesel-Skandal. Die Volksparteien haben den Autoherstellern geholfen, wo sie konnten, haben strikte Abgasgrenzen abgewehrt, den Diesel-Vorteil bei der Steuer verteidigt und Warnungen vor Schummeleien ignoriert. Zum Dank haben die Hersteller einen Skandal erzeugt, der den Ruf der deutschen Industrie weltweit bedroht.

Da erhält das Motto vom Laissez-faire eine ganz neue Bedeutung: Die Unternehmen dürfen fast alles, und wenn es schiefgeht, hilft der Steuerzahler. Genau dieses Muster sollte eigentlich nach der Bankenkrise 2008 verschwinden. Doch mit dem Crash sank auch das Vertrauen in den Markt, und in Deutschland stoßen Politiker heute kaum auf Widerstand, wenn sie mal wieder helfen wollen.

Das Ergebnis ist diese Woche im deutschen Subventionsbericht zu sehen. Demnach steigerte die große Koalition innerhalb von vier Jahren die Steuervergünstigungen und direkten Hilfen um mehr als vier Milliarden auf gut 25 Milliarden Euro – und das zu einer Zeit, in der die Wirtschaft glänzend läuft. Wie soll das erst werden, wenn die nächste Krise kommt?

Besonders erfolgreich haben die Firmenerben um Hilfe geworben. Die allermeisten von ihnen sind praktisch von der Erbschaftsteuer befreit, was jährlich fünf Milliarden Euro und mehr kostet. Das ist ein riesiges öffentliches Opfer, um einige Familienunternehmen zu erhalten, die sonst bedroht wären.

Die eigentliche Gefahr liegt aber nicht in der einzelnen Subvention, sondern darin, dass es für jede neue Vergünstigung gute Gründe gibt. Wer wollte dagegen sein, das Energiesparen zu fördern? Ist ja für die Umwelt. Oder das Breitbandnetz auszubauen? Ist für die Zukunft.

Doch ist eine Subvention erst einmal geboren, hält sie sich mit aller Kraft am Leben, wie die Milliarden für die Steinkohle zeigen. Die Überbleibsel dieser Industrie werden auch noch öffentliches Geld kosten, wenn sie kein Gramm Kohle mehr fördern. Da hilft kein Auslaufdatum für Subventionen und keine regelmäßige Überprüfung. Wer will schon Wähler in die Arbeitslosigkeit entlassen?

Kein Wunder, dass sich in der Wirtschaft eine neue Anspruchshaltung verbreitet. Diese Woche findet in Köln die riesige Computerspielmesse Gamescom statt – und die deutsche Branche verlangt lautstark staatliche Hilfe, um gegenüber dem Rest der Welt aufzuholen. Schließlich geht es um Start-ups, und die sind doch gut. Die Kanzlerin kam zu Beginn und zeigte sich offen für die Nöte der bei jungen Leuten so populären Industrie. Wetten, dass die Spielentwickler mit ihrem Werben erfolgreich sein werden?

Geht es um Hilfen für Unternehmen, liegt Deutschland im europäischen Vergleich weit vorne. Der Ordnungspolitiker Erhard wusste, warum das kein gutes Zeichen ist. Wird das Helfen zur Routine, gibt es kein Halten mehr.

Heute hilft nur eins: Nicht immer "Erhard" sagen, dafür mehr Erhard wagen.

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