Der Kampf gegen die Radikalisierung junger Menschen zu Dschihadisten ist eine Generationenaufgabe. Wir haben uns dieses Problem nicht ausgesucht, es mag uns widerstreben, im potenziellen Gefährder zunächst einmal einen Gefährdeten zu erkennen, aber wir müssen der Realität ins Auge sehen. Und außerdem noch akzeptieren, dass Polizei und Nachrichtendienste allein diese Herausforderung nicht bewältigen können. Da wir sie also nicht delegieren können, müssen wir einen Teil der Verantwortung wohl oder übel annehmen. Wir? Ja, wir. Abstrakt heißt das: die Zivilgesellschaft. Konkret: die Angehörigen, die Nachbarn, die Imame, die Lehrer, die Freunde und die Freunde der Freunde all derer, von denen wir Grund haben anzunehmen, dass sie auf der Kippe stehen. Unterstützt von Profis. Und mithilfe des Staates, der die dazu nötigen Strukturen kraftvoller fördern muss.

Tatsächlich ist es nahezu unmöglich, sich zu radikalisieren, ohne dass jemand das mitbekommt. So war es auch bei den Attentätern, die vergangene Woche in Spanien zuschlugen. Sie erklärten ihren Vätern, wie diese zu beten hätten; sie verschwanden tagelang ohne Erklärung; und dann gab es in dem Ort, aus dem die meisten der zwölf mutmaßlichen Zellenmitglieder stammen, auch noch diesen neuen, dubiosen Prediger.

Hinterher ist man immer schlauer – wir müssen es aber vorher sein

Sicher: Nicht alle, die ihre Frömmigkeit entdecken, werden radikal. Und nicht jeder Radikale mutiert zum Terroristen. Weil sich aber jeder Terrorist zuvor radikalisiert hat, ist es wichtig, solche Tendenzen so früh wie möglich zu entdecken. Hinterher ist man immer schlauer. Wir müssen es vorher sein. In Spanien stehen eine Telefonnummer, eine Handy-App und eine Webseite zur Verfügung, wenn man – anonym – einen Hinweis geben möchte, weil man befürchtet, dass sich jemand im eigenen Umfeld radikalisiert. Nach allem, was wir bislang wissen, hat sich dort niemand gemeldet.

In Deutschland gab es Fälle, in denen Eltern sich aus Scham an niemanden gewandt haben, als ihre Söhne (oder Töchter) anfingen, ihnen zu entgleiten. Diese Scham muss verschwinden, denn ein leise gemurmeltes "Wird schon gut gehen" ist nicht akzeptabel. Bekannt sind auch Beispiele von Nachbarn oder Lehrern, die davon abgesehen haben, weil sie niemanden zu Unrecht denunzieren wollten. Aber es ist keine Denunziation, wenn ein Lehrer zugibt, dass er sich um seinen Schutzbefohlenen sorgt und nicht mehr weiterweiß. Mitunter haben Moscheegemeinden Radikalen die Tür gewiesen, was schön und gut ist – nur hat sich danach niemand um sie gekümmert. Noch größer ist vielleicht die Zahl der Betroffenen, die schlicht nicht wissen, dass es Einrichtungen jenseits der Sicherheitsbehörden gibt, an die man sich wenden kann.

Dabei gibt es in Deutschland mittlerweile ein Netz aus spezialisierten Beratungsstellen. Dort arbeiten Sozialarbeiter, Islamismus-Experten und Psychologen, die den Eltern erklären können, was da überhaupt vor sich geht, und bei der Deradikalisierung helfen. Und die, wenn es hart auf hart kommt, auch wissen, wann und wie man sich mit den Sicherheitsbehörden ins Benehmen setzen muss.

Das alles ist wichtig und gut – aber nicht gut genug. Die Träger haben zu wenig Ressourcen. Und die Sicherheitsbehörden nehmen die Beratungsstellen mitunter nicht ernst, indem sie zum Beispiel Informationen abzusaugen versuchen, ihrerseits jedoch mit Einschätzungen geizen. Die Standards, nach denen operiert wird, sind zudem nicht einheitlich. Das Netz muss enger und professioneller werden. Es gibt luftige Absichtsbekundungen der Innenminister für eine "nationale Präventionsstrategie". Aber wir brauchen keine langen Wörter, sondern kurze Wege.

Niemand will, dass Deutschland ein Land wird, in dem jeder frisch gewachsene Bart und jedes neu gekaufte Kopftuch "gemeldet" wird. Darum geht es nicht. Doch es klafft eine Lücke zwischen der ersten Sorge ob des Weges, den ein junger Mensch möglicherweise einschlägt, und der Schwelle, ab der Sicherheitsbehörden eingreifen dürfen und sollen. Die Aktivisten der Gegenseite opfern ihre Freizeit bereitwillig der Indoktrination und Rekrutierung von Nachwuchs. Sie dominieren im Internet die meisten Debatten um Themen, die Radikalisierung fördern. Auch das ist, auf eine dunkle Art, zivilgesellschaftliches Engagement. Wir haben uns diesen Wettbewerb nicht ausgesucht. Aber wir müssen ihn annehmen.

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