Alle, denen ich von meinem Vorhaben erzähle, heben besorgt die Augenbrauen. Auf jeden Fall müsse ich die Beine zusammenhalten, denn das Wasser sei beim Aufprall hart wie Beton. Ich dürfe nicht runtergucken, sonst bekäme ich zu viel Angst. Man zweifele von da oben, ob man überhaupt das Becken treffe. Es sei weniger schlimm, wenn das Wasser im Becken dunkel sei. Beim Eintauchen dürfe ich mich nicht mit den Händen abstützen, das wichtigste sei die Körperspannung, ich solle unterwegs mit den Armen wedeln, um senkrecht zu bleiben. Auf gutefrage.net lese ich von Steißbeinprellungen, Rippenbrüchen, Zwerchfellriss. Muss ich das riskieren?

Ich habe Schwimmbäder immer gemieden. Dieses Umziehen vor schmalen Armeespinden, Schlüsselbändchen, die man im Wasser verlor, nicht zu vergessen der schneidend-scharfe Strahl der Fußpilzdusche (gibt es das noch?). Die Badehose blies sich immer so peinlich auf, wenn man aus dem Wasser stieg, einmal trug ich deshalb eine Turnhose darüber. Der Bademeister packte mich am Arm und zog an meinem Hosenbund, um hineinzugucken, und verlangte, dass ich die Turnhose auszog. Das Wasser war mir zu kalt, der Chlorgeruch zu fies, der Beckenrand zu hart, ich hatte Angst, vom Ausguss angesaugt zu werden und unbemerkt zu ertrinken, beim Springen fühlte es sich an, als bekäme ich durch die Nase Wasser ins Gehirn, und ständig detonierten direkt neben einem die Arschbomben fetter Jugendlicher, die hier einmal im Leben körperlich im Vorteil waren.

Ich habe Schwimmbäder immer gemieden, was also treibt mich dann in einem verregneten Sommer vormittags ins Berliner Olympiabad? Ist es Neugier? Ehrgeiz? Langeweile? Ich habe mir vorgenommen, eine alte Rechnung zu begleichen, denn ich bin noch nie vom Zehnmeterturm gesprungen. Beim Einschlafen stelle ich mir ja oft vor, wie ich mich bei einem Flugzeugabsturz rette, indem ich im Fallen den nächsten See ansteuere, um dann senkrecht einzutauchen. Zehn Meter scheinen dagegen überschaubar, obwohl das beim Weitsprung schon Weltrekord wäre, der bisherige liegt bei 9,95 Meter (offenbar haben sie auch da Angst vor der Distanz). Ich habe mir tagelang Fotos von Sprungtürmen angesehen und überlegt, wie es sich anfühlt, von dort oben ins Wasser zu springen.

Als ich an jenem Sommermorgen von unten auf den Turm gucke, wirkt er gar nicht so hoch. Das Becken dagegen riesig. Könnte man von dort nicht auch ohne Wasser sicher landen?

Ohne Sprung werde ich die Wahrheit nie erfahren.

Ich fühle mich unter Druck, wie mit fünf Jahren, als ich im Weihnachtsgottesdienst ein Gedicht aufsagen sollte. (Dafür bekam ich einen Flitzbogen aus Glasfiber mit Korkgriff.) Oder wie bei der Nachtwanderung im Ferienlager, als wir einen Kilometer allein gehen mussten, und unterwegs stöhnten im Unterholz Gespenster. Oder als ich in der Tanzschule ein Mädchen aufforderte, um keines mehr vom Lehrer zugeteilt zu bekommen. Als ich mit 13 beim Friseur einen "Popperschnitt" verlangte und damit am nächsten Tag in der Schule erschien. Als nachts die Hühner gackerten, weil ich die Klappe vom Stall aufgelassen hatte, und ich mit der Taschenlampe nachsehen musste, was der Marder angerichtet hatte.

Es hätte für die Welt nichts bedeutet, wenn ich das alles nie getan hätte. Warum muss man sich im Leben immer wieder überwinden? Konnte ich nicht leben wie Oblomow, der Held des Romans, den ich gerade las, der die meiste Zeit auf dem Sofa döste? "Oblomow war ein vollkommenes Abbild und ein Ausdruck der Ruhe, des Behagens, der friedlichen Stille."

Bis zuletzt hoffte ich, das Wetter würde mir einen Strich durch die Rechnung machen. In diesem Sommer regnete es so oft, dass ich mein Vorhaben immer wieder verschieben musste. Dann musste ich zwei Wochen nach Kasachstan fliegen. Danach erkältete ich mich schwer, ein Reizhusten hielt mich nächtelang wach, eine gute Ausrede. In der Zwischenzeit sah ich mir ein Video über die Brückenspringer von Mostar an, die sich 25 Meter in die Tiefe stürzen. Ab 45 sei das zu ungesund für die Gelenke, sagte einer. Ich war 46, ich musste mich also beeilen.

"Ich schwöre auf alles, ich spring!"

Als eines Morgens dann doch einmal die Sonne scheint, packe ich meine Tasche, mit einem mulmigen Gefühl, als würde ich zur Armee eingezogen. Bei einem Freibadbesuch muss man immer an so viel denken: Badelatschen, Badehose, zwei Handtücher, Lesestoff, Fotoapparat, Sonnencreme, ein Ein-Euro-Stück, die Chipkarte der Krankenversicherung, Fahrkarten (das Vorhängeschloss für den Spind in der Umkleidekabine vergesse ich natürlich). Der S-Bahn-Verkehr ist wegen eines Bombenfunds unterbrochen. Es ist sicher mehr Mut dazu erforderlich, eine Bombe zu entschärfen, als vom Zehnmeterturm zu springen. Wobei man, um Mut zu haben, ja erst einmal Angst haben muss. Völlige Angstfreiheit zeichnet Psychopathen aus, weshalb es sie oft in leitende Positionen drängt, hatte ich gelesen. Respekt habe ich eher vor Bettlern, ich hoffe, ich brauche im Leben nie den Mut, so schutzlos vor die Menschen zu treten. Wenn ich ehrlich bin, dann musste ich in meinem Leben sicher öfter meine Trägheit überwinden als meine Angst.

Im Umkleidebereich des Olympiabads gibt es, schwimmbadtypisch, sofort diese vielen Verbotsschilder zu lesen: "... ist nicht gestattet!" Ein Anschlag informiert: "Aus personaltechnischen Gründen wird im Damen- und Herren-Umkleidebereich weibliches und männliches Personal eingesetzt". Bevor man aus den Umkleidekabinen ins Freie tritt, muss man durch ein flaches Becken mit kaltem Wasser waten, als würden einem die Hufe desinfiziert. Die Gestalter der historischen Anlage hatten es mit der Symmetrie. Es gibt ein Planschbecken (ohne Schatten), eine Liegewiese, eine Wasserrutsche, einen "Snackpoint" mit Pommes und Cola.

Am Dreimeterbrett des Sprungturms drängen sich kleine Jungs. Die anderen Höhen sind mit rot-weißen Ketten abgesperrt. Ist Berlin so pleite, dass es für die Sprungtürme nicht mehr reicht? Ich weiß nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert bin. Ich stelle mich am Einmeterbrett an. Der Junge vor mir, zehn Prozent Körperfettanteil, hüpft lange auf und ab wie auf einem Trampolin und macht dann einen Sprung mit mehreren Schrauben und Salti. Ich lande irgendwie halb auf dem Bauch, es zeckt an den Oberschenkeln. Vom Dreimeterbrett springe ich senkrecht runter, um das mit der Körperspannung zu üben. Der Moment des Verschwindens im Wasser ist schön, man denkt unweigerlich: "Hier können sie mich lange suchen."

Kann ich nicht einfach dreimal vom Dreimeterbrett springen? Oder zehnmal vom Einmeterbrett? Der Bademeister öffnet die Fünfmeterplattform. Ich stelle mich hinter die Jungs, man kennt sich schon ein bisschen, sie gehen in die sechste Klasse. Sie diskutieren aufgeregt, wie sie springen werden, vorwärts, rückwärts, "Körper" (wie sie "Köpper" aussprechen). Einer springt immer einen Rückwärtssalto. "Nächste Sommerferien springe ich vom Zehner", sagt ein Mädchen. Angeblich gibt es eine wissenschaftliche Studie, dass heutige Kinder keine 360°-Drehung mehr schaffen, ohne umzufallen (über so etwas rede ich mit anderen Eltern auf dem Spielplatz). Wenn ich das hier sehe, halte ich solche Behauptungen für Alarmismus. Als ich dran bin, mache ich einen Schritt ins Leere und zische nach unten. Beim Aufprall ziept es an den Fußsohlen, ich hatte vergessen, sie spitz zu machen. Die Hälfte ist geschafft. Jetzt wird der Siebenmeterturm geöffnet. "Wenn du springst, ich schwöre auf alles, ich spring!", sagt ein Junge.

"Spring vor mir, dann hab ich Motivation", sagt ein anderer.

Wie gut, dass ich kein kleiner Junge mehr bin, der sich Risiken aussetzen muss, um sein Selbstwertgefühl zu stärken. Ich habe mir kürzlich sogar eine gelbe Warnweste fürs Fahrradfahren gekauft. Wirklich mutig ist es ja, dem Gruppendruck als Einziger zu widerstehen. Oder sich eine eigene Meinung zu trauen. Oder in einer Kleinstadt mit 15 sein Coming-out zu haben. Die Oberlippe reißt es mir beim Aufprall hoch, niemand hatte mich gewarnt, dass man den Mund geschlossen halten muss.

Ich frage den Bademeister am Beckenrand, dessen braune, zerknitterte Haut aussieht, als ziehe er seit Jahren keine T-Shirts mehr an, warum hier fast nur Kinder springen. Er sagt, die Kleinen hätten noch nicht so viel Angst. Ich dachte immer, das sei umgekehrt? Nein, Angst hat man, wenn man ein Bewusstsein für die Konsequenzen hat, das nimmt natürlich im Alter zu.

"Die sind ja auch sechs Wochen lang jeden Tag da", sagt der Bademeister noch.

Inzwischen haben sich Zuschauer am Geländer hinter uns versammelt, das den Vorplatz des Olympiastadions vom Schwimmbad abtrennt. Eine Schulklasse auf Klassenfahrt, die Jungs mit den aktuellen Fußballerfrisuren, die Mädchen eher Bachelorette-Style, sie machen sich über meine mutigen kleinen Freunde lustig. Wenn einer nur Kerze springt, heißt es: "Langweilig."

"Deine Geburt war langweilig!"

"Hahaha ..."

"Geh doch nach Hause! Wenn du eins hast!"

Ich bin so froh, dass mich keiner beachtet, trotz meiner altmodischen Badehose (ich schaffe mir ungern etwas zweimal im Leben an). Als Kind hatte ich immer Angst vor älteren Jugendlichen und jetzt vor jüngeren, weil ich nicht schlagfertig bin. Ich habe mir für den Fall der Fälle einen Spruch zurechtgelegt: "Deine Mutter läuft bei Super Mario nach links", aber ich bin froh, wenn ich ihn nicht einsetzen muss.

"Komm doch her!", ruft einer meiner Jungs den Schülern zu.

"Komm du doch her! Hahaha ... Warum nicht vom Zehner?"

"Ich hab deine Mutter zehnmal gegangbangt!"

Bin ich jetzt ein anderer Mensch?

Inzwischen ist die Kette beim Zehnmeterturm geöffnet worden, und ich steige die Leiter hoch, vorsichtig, es geht ja nur barfuß, und ich habe Angst auszurutschen. Oder zieht man seine Badelatschen erst oben aus und wirft sie ins Wasser, bevor man selber springt?

Dann bin ich tatsächlich oben, obwohl ich lieber noch weiter Leitern hochgestiegen wäre. Auf der Plattform herrscht eine aufgeregte Stimmung. Für einen kurzen Moment sind wir die Elite Berlins, sofern wir nicht versagen. Manche lassen andere vor, weil sie noch zögern. Einer der Jungs gibt allen die Hand, weil er sich aus dem Leben verabschiedet. "War schön, Sie kennengelernt zu haben", sagt er zu mir. Dann ist er weg, wieder mit Rückwärtssalto. Vielleicht fällt man in diesem Alter nicht so schnell, weil man leichter ist? Aber das ist physikalisch Unsinn, die Fallgeschwindigkeit hat nur mit dem Luftwiderstand zu tun. Springt man vom Zehnmeterturm, ist man beim Aufprall nach 1,4 Sekunden 50 Kilometer pro Stunde schnell.

Ich beuge mich über das Geländer an der Seite und gucke runter, ob wirklich Wasser im Becken ist und ob der vor mir schon weggeschwommen ist. Ich habe ja eigentlich schreckliche Höhenangst. In meiner Kindheit war die Geschichte von einem vierjährigen Mädchen aus Magdeburg ein kollektiver Mythos, das, als die Mutter kurz einkaufen ging, aus dem Fenster gefallen ist, 22 Meter tief, und von einem zufällig vorbeilaufenden russischen Offizier in seinem Mantel aufgefangen wurde. In Magdeburg steht bis heute ein Denkmal, das an diesen Vorfall erinnert. Sicher sollte die Geschichte dazu beitragen, dass wir unseren Frieden mit der Präsenz russischer Soldaten in unseren Straßen machten. Aber ich habe mich jahrelang nicht getraut, den Kopf aus einem Fenster zu lehnen, weil er angeblich schwerer als der Körper war und ihn hinter sich herziehen würde.

Dann bin ich dran und nähere mich langsam dem Rand der Plattform. Dahinter ist tatsächlich Schluss. Ich darf jetzt nicht nachdenken, aber wie sollte ich das ausgerechnet hier nicht tun? Ein Samurai trifft seine Entscheidungen in sieben Atemzügen, aber so viel Zeit habe ich nicht, ich muss so tun, als sei längst entschieden, dass ich springe, damit sich mein Kopf nicht einschaltet. Die Füße gehen vor, der Kopf wird schon nachkommen. Ich gehe wie betäubt auf meine Tanzschulpartnerin zu, die ich seit ein paar Wochen beobachtet habe, das erste Mädchen, das ich zum Tanzen auffordern werde. Und kurz bevor ich etwas sagen kann, stürze ich in den Abgrund, absurd schnell, das ist also diese Gravitation. Diesmal halte ich den Mund geschlossen, schon um nicht zu schreien. Wie Luzifer bei seinem Höllensturz ins Erdinnere schieße ich ins Wasser. Es ist herrlich, so weit weg von allem zu sein: "Hier können sie mich lange suchen." Dann tauche ich wieder auf, ich muss gar nichts dafür tun. Die Welt kommt mir sofort freundlicher vor, das Leben leicht, ich kann wieder lächeln.

Bin ich jetzt ein anderer Mensch? Muss ich meine Kurzbiografie umschreiben? Ich habe jedenfalls großen Hunger bekommen, wie früher nach dem Schwimmunterricht. Manchmal leistete sich einer von uns Pommes, und die anderen lauerten, ob ihm etwas runterfiel, um sich daraufzustürzen. In der S-Bahn zogen wir unsere Badekappen über das Gesicht wie Bankräuber und hofften, dass die Zugestiegenen sich erschraken. Jetzt prüfe ich auf der Heimfahrt in der Scheibe der S-Bahn mein Spiegelbild und bin erleichtert, dass ich nicht spontan ergraut bin. Ein Zehnjähriger hinter der absurden Maske eines 46-Jährigen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio