Eine Oase des Friedens in einer indischen Musterstadt der Vernunft ist der Ort des Verbrechens. Kein Slum, kein rückständiges Dorf in einer armen Region. Chandigarh wurde am Reißbrett entworfen von Le Corbusier, einem der einflussreichsten Architekten der Moderne, mit viel Platz und Grün. Die stille Straße mit ihrer Schranke und einem Wachmann ist abgeschirmt von der Hauptverkehrsachse und führt entlang an flachen, einstöckigen Bungalows auf gepflegten Rasengrundstücken. In diesem Idyll hat eine monströse Geschichte ihren Ursprung: Ein zehnjähriges Mädchen wurde nach einer Vergewaltigung schwanger. Sie hat das Kind zur Welt gebracht, nachdem Gerichte eine Abtreibung untersagt hatten.

Der Bruder des mutmaßlichen Vergewaltigers, nennen wir ihn Vikram, steht vor einem Gartentor und berichtet, stockend und schluckend, wie er den Beschuldigten im Gefängnis besucht hat: "Er hat die ganze Zeit über nur auf den Boden gestarrt." Die Frau des Täters, die auch dabei gewesen sei, habe ihren Mann gefragt: "Hast du es getan?" Sein Bruder habe gesagt: "Ja." Da sei sie gegangen, weg aus der Stadt, zurück in ihr Dorf. Vikram blickt beim Reden zu Boden. Als er versucht, den Schlüssel ins Zündschloss seines Motorrads zu stecken, gelingt es ihm nicht. Seine Hände zittern zu sehr. "Ich kann nur Scham empfinden", sagt er. "Es ist für mich schwer geworden, mein Gesicht zu zeigen."

Vikram und sein geständiger Bruder sind Cousins der Mutter des vergewaltigten Mädchens, nach indischem Sprachgebrauch "Onkel" des Kindes. Das Verbrechen hat sich in einer Großfamilie abgespielt, in der Welt der Dienerschaft dieses komfortablen Wohnviertels, die in den servants’ quarters, den Personalunterkünften, auf der Rückseite der schicken Bungalows lebt. Die Mutter des Opfers arbeitet als Haushaltshilfe im ersten Haus an der Straße. Vikram und seine Familie sind im dritten Haus beschäftigt, kaum 100 Meter entfernt. Sein jetzt inhaftierter Bruder, ein Mann um die 50, der kürzlich seine älteste Tochter verheiratet hat, hatte einen Job als Wachmann. Er soll seine kleine Nichte sechs- oder siebenmal vergewaltigt haben, bei ihr zu Hause.

Am vergangenen Donnerstag, vormittags gegen halb zehn, wurde dieses Mädchen per Kaiserschnitt von einer Tochter entbunden. Seine Eltern hatten einen Monat vorher versucht, eine Abtreibung durchzusetzen, doch ein lokales Gericht hatte den Eingriff untersagt, und der Oberste Gerichtshof in Neu-Delhi hatte das Verbot bestätigt. Es war dieser Teil der grauenhaften Geschichte, der womöglich den größten Schock auslöste. Wie kann man einem zehnjährigen Vergewaltigungsopfer eine Abtreibung verweigern?

Dasari Harish sitzt in seinem Büro im ersten Stock des Government Medical College and Hospital (GMCH) – derselben Klinik, in der das missbrauchte Mädchen ihr Kind geboren hat und wo beide nun auf getrennten Stationen und ohne Kontakt miteinander auf ihre Entlassung warten. Harish war der Vorsitzende der Ärztekommission, auf deren Einschätzung sich die Gerichte bei ihrer Entscheidung gestützt haben. Er erklärt, dass die Schwangerschaft für einen Abbruch zu weit fortgeschritten gewesen sei. "Ungefähr 30 Wochen", wie man bei der Untersuchung im Juli festgestellt habe. Das ungeborene Kind sei bereits außerhalb des Mutterleibs lebensfähig gewesen: "Der einzige Weg, die Schwangerschaft zu beenden, war eine Geburt." Aber eine natürliche Geburt wäre ein viel zu großes Risiko für das Mädchen gewesen. Daher der frühzeitige Kaiserschnitt. Die Zehnjährige weiß nicht, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hat. Sie glaubt, dass ihr ein Stein entfernt wurde. Ihre Eltern wollen alles Bewusstsein einer Schwangerschaft von ihr fernhalten. "Sie lächelte immer", sagt Harish. "Sie war glücklich ahnungslos, wusste nicht, was mit ihr geschah."

Die Eltern des Opfers gingen erst Mitte Juli zur Polizei und bemühten sich um eine Abtreibung, weil sie nach eigenen Angaben erst da begriffen, dass ihre Tochter schwanger und vergewaltigt worden war. Es ist unmöglich zu sagen, ob das die Wahrheit ist. Das Kind sei korpulent, stellen alle fest, die mit ihm zu tun haben. Nicht ausgeschlossen, dass das Wachstum des Bauchs lange verborgen blieb. Professor Harish weist allerdings auch darauf hin, dass das Mädchen bereits seine Periode bekam, und fragt sich, warum niemand bemerkte, dass sie dann ausfiel. "Die Mutter hat keinerlei Schulbildung", sagt der Sozialarbeiter Neil Roberts, der die städtische Kinder-Wohlfahrts-Kommission in Chandigarh leitet und von Amts wegen für die Begleitung minderjähriger Opfer von sexueller Gewalt und ihrer Familien zuständig ist. Er hält es für möglich, dass sie in ihrer Unwissenheit gar keine Menstruationszyklen verfolgt.

Das Baby wird nun zur Adoption freigegeben. Neil Roberts erzählt, dass sich schon jetzt Bewerberpaare meldeten (sogar eines aus Kanada), obwohl das Verfahren noch gar nicht eröffnet sei. Vater und Mutter des vergewaltigten Mädchens wollen mit dem Säugling nichts zu tun haben, was jeder verstehen kann. Professor Harish ist dennoch unbehaglich bei der Entscheidung der Eltern, ihre Tochter über das Geschehene ganz im Dunkeln zu lassen: "Man hat das Recht zu wissen, was mit dem eigenen Körper passiert." Er hätte gern einen Kinderpsychiater mit dem Opfer arbeiten lassen, die Eltern wollten es nicht.

Das Schicksal der Zehnjährigen ist so schwer fassbar, dass man instinktiv erwartet, bei denen, die an dem Fall arbeiten, auf Gleichgültigkeit oder Herzlosigkeit zu stoßen. Doch Harish nimmt offenkundig echten Anteil am Schicksal seiner kleinen Patientin. Neil Roberts wirkt wie ein Mann, der sich aufreibt und bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten geht: Er will dem Mädchen und seiner Familie eine neue Wohnung in einem anderen Stadtteil beschaffen. Ob er es hinbekommt, weiß er jedoch noch nicht.

Das Parlamentsgebäude in Chandigarh von Le Corbusier © Andre Schumacher/laif

Trotzdem bleiben der gute Wille und das Engagement am Ende machtlos: Sie reichen nicht wirklich hinüber in die Sphäre, in der das Vergewaltigungsopfer und seine Familie leben. "Unsere Präventionsprogramme funktionieren nicht", meint Neil Roberts. "Wir sollten Kinder identifizieren können, die gefährdet sind, wir sollten informiert sein, wenn Kinder aus der Schule wegbleiben." Es fehlt an einer vernünftigen Sexualerziehung, an der Übung im Hinsehen und Nachfragen, an Vertrauen, dass einem auf einer Polizeistation tatsächlich geholfen werden könnte. Im Grunde sagt Roberts, dass der indische Staat und die privilegierte Mittelschicht die Unterklasse ihres Landes nicht wirklich wahrnähmen. Überall in Chandigarh, bemerkt eine Kollegin von ihm, gebe es in bürgerlichen Kreisen eine Fülle von Nachbarschaftsvereinen, Seniorengruppen: "Wir müssen uns fragen: Was machen die eigentlich?" Für das, was unter Putzhilfen, Wachmännern oder Hausmeistern getan oder gelitten wird, interessieren sie sich offenbar wenig.

Kriminalität und selbst schwerste Verbrechen wird es immer geben. Aber dass Menschen schutzlos bleiben, weil sie in Welten leben, die als unwichtig gelten – das ist kein Naturgesetz, das ist eine Folge übergroßer Ungleichheit. In einer Gesellschaft, die gespalten ist zwischen Bungalow und Dienstbotenquartier.

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