Kino - »Western« (Trailer) © Foto: Komplizen Film

Der Western sei ein Sehnsuchtsraum, der sich mit Männerkörpern, Landschaft und Gewalt fülle, hat der Schweizer Regisseur Jean-Luc Godard einmal gesagt. In dem neuen Film der Regisseurin Valeska Grisebach repariert ein deutscher Bauarbeiter in einem bulgarischen Fluss einen liegen gebliebenen Bagger – und hat dabei etwas von einem modernen Cowboy. Er und seine Kollegen tragen statt Pistolen ihre Werkzeuge am Gürtel. Die abgewetzte Lederweste des Vorarbeiters könnte auch einem Goldsucher gehören. Grisebach verlagert einen uramerikanischen Mythos in die Gebirge der bulgarischen Provinz. Die Gewalt hält sich in ihrem Film angenehmerweise in Grenzen. Und mit einer gewissen Lässigkeit macht sie das Genre gleich zum Titel: Western. Er handelt von einer ganz und gar gegenwärtigen deutsch-bulgarischen Begegnung und enthält doch alles, was zu einem klassischen Western gehört: den coolen Helden und den weniger coolen Gegenspieler. Die begehrte Frau, ein Pferd und ein Gewehr. Pioniergefühle in einer endlosen Wald- und Berglandschaft. Über der flirrenden Hitze des Sommers schwebt eine diffuse Sehnsucht nach Abenteuer. Die Fliegen, die in Western auf den schweißnassen Stirnen der deutschen Bauarbeiter landen, erzählen eine eigene Geschichte von Körpern und Naturbezwingung.

Meinhard (Meinhard Neumann), heißt der schweigsame Held mit sächsischem Einschlag. Der hochgewachsene hagere Mann mit den markanten Zügen und dem Schnurrbart will auf Montage in Bulgarien Geld verdienen. Was man in ein paar Dialogbrocken über ihn erfährt, reicht für die Aura des einsamen Wolfs. Früher war Meinhard Fremdenlegionär im Irak. Spät im Film, an einem schnapsgetränkten Abend, wird er einem Bulgaren, der kein Deutsch kann, erzählen, dass er seinen Bruder verloren hat. Sonst gibt es keine Familie, keine Geschichte, auch sein Alter erfährt man nicht. Dass Meinhard mehr Träume hat, als er zugibt, und mehr Gefühle, als sein meist unbewegtes Gesicht verrät, ist in jedem Bild zu sehen.

In der Abgeschiedenheit der Berge nicht weit von der griechischen Grenze soll Meinhard mit seinen Kollegen ein kleines Wasserkraftwerk errichten. Eine Hütte wird hochgezogen, eine Veranda gebaut. Wie raumgreifend die kleine deutsche Truppe selbst in der Weite dieser Landschaft sein kann, wird klar, als plötzlich die schwarz-rot-goldene Flagge über der Wohnbaracke flattert.

In Western wird es mehr oder weniger rumpelige Begegnungen mit der Bevölkerung des nahen Dorfes geben. Aber auch eine zart entstehende deutsch-bulgarische Freundschaft. Der schweigsame Held begegnet den Einheimischen mit Respekt und Neugier, seine Kollegen mit Misstrauen. Wie eine zugeneigte Ethnologin erkundet Valeska Grisebach die Mischung aus Über- und Unterlegenheitsgefühlen: die deutsche Fremdenfeindlichkeit in der Fremde.

Man meint die Kälte der im Fluss gekühlten Biere zu spüren

Natürlich braucht ein richtiger Western auch ein Duell. Meinhard und der Vorarbeiter Vincent (Reinhardt Wetrek) tragen ihren Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit einer jungen Frau aus dem Dorf zunächst mit mehr oder weniger verstohlenen Blicken aus. Und dann buchstäblich auf dem Rücken eines Pferdes. Der Held hat für das Tier eine Intuition, der andere zwingt sich ihm auf. Es sind zwei Strategien im Umgang mit der Natur und dem Fremden. Der eine will begreifen, der andere unterwerfen.

Wie beiläufig sucht Valeska Grisebach die Spuren eines romantischen Männerbildes und befragt es zugleich. Sie zeigt die Truppe der Bauarbeiter als frauenlose Gesellschaft, in der die Frau als Fantasie, Zotenfigur, Begehrensbild gleichwohl überpräsent ist. Dass man die existenzielle Einsamkeit dieser Männer genauso physisch zu spüren meint wie die drückende Hitze über dem Tal oder die Kälte der im Fluss gekühlten Bierdosen, liegt an der besonderen Ästhetik und Machart der Geschichte. Sie ist zugleich alltäglich, archaisch und mythisch: Eindrücklich komponierte Landschaftsbilder treffen auf eine präzise entwickelte Dramaturgie. Und die Spielfreude der allesamt nicht professionellen Darsteller verschmilzt mit der kunstvollen Künstlichkeit, die ein Film namens Western braucht.