Begrabt ihn endlich!

Seit ich im März 2012 die Einladung zur Eröffnung des Berliner Flughafens bekam, habe ich viel erlebt. Meine Frau hat drei Kinder geboren. Das älteste geht nächstes Jahr in die Schule. Ich bin umgezogen, im Fernsehen sah ich die Wiederwahl von Barack Obama, die Eskalation des Syrienkriegs und wie wir Fußballweltmeister wurden.

Es ist viel passiert in den vergangenen Jahren und in meinem Leben, aber eines habe ich bis heute nicht erlebt: die Eröffnungsfeier des Berliner Flughafens.

Und das werde ich auch so schnell nicht. Der Flughafen BER ist im Spätsommer 2017 nicht viel weiter als 2012. Planer wurden entlassen und wieder eingestellt, der heutige Chef fabuliert von Erweiterungen der Kapazitäten auf über 50 Millionen Passagiere. Mit anderen Worten: Wird der Flughafen irgendwann tatsächlich eröffnet, bleibt er eine Baustelle.

Besser wäre es, ihn plattzumachen und noch mal neu anzufangen. Denn wer sich je intensiv mit ihm auseinandergesetzt hat, mit all den Brandschutzanlagen und Kabelschächten, der muss sich eingestehen: Dieser Flughafen ist nicht mehr zu retten.

Wer ein Ikea-Regal falsch zusammenbaut und ein paar Dübel einzusetzen vergisst, muss das Ganze mühsam wieder auseinanderbasteln. Wenn allerdings Hunderte Kilometer Kabel zum Teil falsch verlegt werden, dann ist die Lage nicht "kompliziert", wie uns jahrelang von Landespolitikern glauben gemacht wurde, sie ist hoffnungslos.

Natürlich spricht das kein Ministerpräsident offen aus. Das wäre politischer Selbstmord. Es wird sich auch kaum ein Unternehmer finden, der das sagt. Könnte ja morgen noch was ausgeschrieben werden, an dem sich mitverdienen ließe.

Aber es ist, wie es ist: Der Flughafen ist tot. Derzeit ist die Planung, ihn 2019 zu eröffnen. Aber auch das wird nicht klappen, und wenn, dann ist er ein halb fertiges Provisorium, an das Containerdörfer rangeklatscht werden wie an einen beliebigen Billigflughafen.

Viel klüger wäre es, den Flughafen in aller Ruhe neu zu bauen. So, dass er beispielsweise nicht nur künftigen Brandschutzvorschriften genügt, sondern auch damit zurechtkommt, dass Tausende Besucher zeitgleich Videos im Internet sehen wollen und ihre Smartphones hin und wieder aufladen müssen.

Der Flughafen BER geht als eines der größten und teuersten Beschäftigungsprogramme in die Nachkriegsgeschichte ein. Bis heute umfasst es 6,6 Milliarden Euro. Die Baustelle hat Architekten genährt, Stadtplaner, Handwerker und Busfahrer. Er hat Politiker im Untersuchungsausschuss beschäftigt und Journalisten, die den Verfehlungen nachgingen.

Lasst es damit gut sein. Egal, wie viel wir noch reinstecken, das Geld sehen wir nicht wieder. Die gute Nachricht dabei: Berlin ist noch nicht abgeschnitten von der Welt. Der Tegeler Flughafen ist chaotisch, aber ökonomisch gnadenlos effizient, mit oft kürzeren Wegen als am Berliner Hauptbahnhof. Mit dem Bus erreicht man ihn vom Zentrum in oft weniger als einer halben Stunde, er schenkt den Berlinern und ihren Gästen Lebenszeit, die in anderen Metropolen zwischen Gate und Galley verrinnt.

Dieser Flughafen wird saniert werden müssen, der Flughafenchef nennt schon einmal die Horrorsumme von einer Milliarde Euro. Aber im Gegensatz zum BER ist er jeden Cent wert. Er wird uns noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in die Welt bringen. Die Volksabstimmung über die weitere Öffnung ist denn auch eine Täuschung der Öffentlichkeit: Es geht auf eine kaum absehbare Zeit gar nicht ohne ihn. Und er ergänzt sich glänzend mit dem zweiten Berliner Flughafen in Schönefeld, dem für Billigflieger.

Es wurde viel gewettet und gespottet über die Berliner Flughäfen. Da mache ich gern mit: Ehe Tegel vom BER abgelöst wird, haben meine Kinder einen Führerschein. Claas Tatje