Am Ende, als der Skandal schon abflaute, hatten die Young Fathers einen frommen Wunsch. Das nette Hip-Hop-Trio aus Edinburgh, dass sich soeben an einem Kulturboykott in Berlin beteiligt und zuvor andere Musiker zum Boykott in Tel Aviv ermuntert hatte, tat die Hoffnung kund: dass künftig "Israelis und Palästinenser unterschiedlichen Glaubens (und ohne Glauben) friedlich miteinander leben". – Wunderbare Idee! Man nennt es auch Religionsfreiheit, sie ist in Israel Staatsräson.

Dass die Young Fathers diese Tatsache übersehen haben, um sanft zu insinuieren, Israel wolle Unfrieden zwischen den Religionen stiften, war vielleicht ein Versehen. Tatsächlich aber kommt, wer Israel zum Schurkenstaat erklären will, nicht ohne derlei Versehen und Verdrehungen aus. Sie gehören zur Methode auch der propalästinensischen Initiative BDS (Boycott Divestment Sanctions): Seit über zehn Jahren betreibt sie die Delegitimation Israels als eines rassistischen, muslimfeindlichen Apartheidregimes, bestreitet gern auch das Existenzrecht des jüdischen Staates. Als Zusammenschluss von 171 Nichtregierungsorganisationen ging sie aus einem NGO-Treffen in Südafrika hervor und organisiert seither antiisraelische Boykotte aller Art.

Das hat nun auch in Berlin funktioniert. Vergangene Woche sagten acht Bands, erst vier arabische und dann vier europäische, darunter die Young Fathers, ihre Teilnahme am Pop-Kultur-Festival ab. Der Grund: Es werde von Israel mitfinanziert. In Wahrheit hatte die israelische Botschaft der israelischen Künstlerin Riff Cohen einen Reisekostenzuschuss von 500 Euro gewährt. Das reichte den Boykotteuren, um zu Hause zu bleiben und auf drei Tage Musik, Performances, DJ-Sets und Debatten zu verzichten. Schade. Denn das Festival ist eine im popkulturellen Bereich seltene Mischung aus Disco und Diskurs, Konzert und Konferenz – ermöglicht durch vergleichsweise üppige staatliche Subventionen von 1,1 Millionen Euro. Sein Markenzeichen ist strikte Diversität. Diesmal sollten Musiker aus dem Nahen Osten und den arabischen Ländern im Mittelpunkt stehen. Doch alle von dort eingeladenen Gäste sagten ab, nachdem BDS zum Boykott aufgerufen und unter anderem behauptet hatte: Der Staat Israel gebe sich einen "multikulturellen" Anstrich durch die Beteiligung homosexueller und Transgender-Künstler sowie von "people of color". So betreibe das intolerante Regime "Pinkwashing".

Das war ein neuer Vorwurf im Set der antiisraelischen Unterstellungen. Ein alter lautet: Die Israelis behandelten die Palästinenser so wie die weißen Südafrikaner einst die schwarzen. Weil BDS den Staat Israel nicht nur kritisiert, sondern systematisch dämonisiert, gilt die Initiative unter Politikwissenschaftlern längst als antizionistisch und antisemitisch. Vor wenigen Wochen erst forderten SPD und CSU in München in einem gemeinsamen Antrag "Gegen Antisemitismus", städtische Räume müssten künftig für BDS-Kampagnen tabu sein. Trotzdem findet die Initiative mit ihrer antikapitalistisch-antiamerikanisch-antidemokratischen Ideologie weiter Unterstützer links und rechts.

Und in Berlin? Dort spielte die Israelin Riff Cohen am ersten Festivalabend ein leidenschaftliches Konzert, das mal wie ein Chanson-Abend, mal wie eine nahöstliche Disco klang. Ihre Musik verbindet arabisierende Harmonien mit westlichen Popstilen – und damit hätte sie bestens zu jenen arabischen Künstlern gepasst, die mit ihr nun nicht auftreten wollten. Zum Beispiel Samer Saem Eldahr alias Hello Psychaleppo, der klassische arabische Popmelodien mit elektronischen Rhythmen nach Art des Trip-Hop der Neunziger unterlegt. Oder die tunesische Sängerin Emel Mathlouthi, die mit ihren zarten tapferen Liedern zur Stimme der Jasminrevolution wurde. Oder der syrische Rapper Mohammed Abu Hadschar, der seit drei Jahren in Berlin im Exil lebt und als erster Künstler (noch vorm BDS-Aufruf)absagte. Abu Hadschar erzählt vom Krieg und davon, was ihm in den Folterkellern Assads widerfuhr. Das ägyptische Trio Islam Chipsy & EEK schließlich hätte mit Schlagzeug und Orgel kraftvolle Tanzmusik gemacht. Seine Klänge wurzeln in levantinischer Hochzeits- und Partymusik, werden aber so überdreht, dass sie wie Techno wirken.

Arabischer Pop heute: Das ist Lust am Eklektizismus, Mix aus Tradition und Moderne. Die Berliner Kuratoren wollten zeigen, dass elektronische Musik aus Nordafrika und Nahost polyglott ist, sie wollten einen Dialog anstoßen auch über Migrationsgeschichten.

Das fiel aus. Nun dämmert den Berlinern die Erkenntnis: Selbst die politisch emanzipierte, international vernetzte, junge Pop-Avantgarde der arabischen Länder solidarisiert sich im Zweifel mit dem hässlichen alten Antisemitismus. Der ist offenbar intellektuelle Geschäftsgrundlage in der arabischen Pop-Community, sodass keine Band sich israelfeindlichen Kampagnen verweigern mag. Auch als klar wurde, dass Israel keinerlei Einfluss auf das Festivalprogramm hatte, forderte BDS, jede kulturelle Präsenz Israels sei zu boykottieren. So stand das Konzert einer einzelnen israelischen Staatsbürgerin plötzlich für den Staat Israel, und Riff Cohen wurde zur Jüdin, mit der man eben nicht auftritt. Wenn das nicht antisemitisch ist – was dann?

Peinlicher nur als dieser Eklat sind die weinerlichen Kommentare, mit denen Mohammed Abu Hadschar sich auf seiner Homepage beklagte, dass er nach seiner Absage als "Antisemit" und "Nazi" beschimpft worden sei. Er fühlte sich als Opfer einer Kampagne und war doch deren Akteur. Ganz anders Islam Chipsy & EEK: Sie kritisierten in einer Stellungnahme zwar auch die israelische Siedlungspolitik, wiesen aber deutlich darauf hin, dass ihnen bei einem Boykott des Boykotts selber Auftrittsverbot in den arabischen Ländern und nicht zuletzt im Heimatland Ägypten gedroht hätte.

Es war der erste große Erfolg von BDS in Deutschland. Die in der Initiative versammelten NGOs wird man sich künftig genauer ansehen müssen, und nicht nur die. Denn kein Weltgegend hat ein so hohe Dichte an NGOs wie die palästinensischen Gebiete, und so manche verfolgen keine humanitäre, sondern eine politische Agenda: Sie inszenieren die Palästinenser als bloße Opfer einer Besatzungsmacht, schweigen jedoch über das diktatorische Regime und den militanten Fundamentalismus der Hamas im Gazastreifen ebenso wie über das korrupte Regime der Fatah im Westjordanland.

Groß ist die Macht der BDS-Lobby inzwischen auch auf den Westen. In Deutschland erhielten fast alle Festivalteilnehmer persönliche Boykottaufrufe – eine bemerkenswerte logistische Leistung, wie jeder weiß, der schon einmal versucht hat, die private E-Mail-Adresse eines Popmusikers zu recherchieren. Dass drei britische Bands absagten (dazu eine finnische), war insofern logisch, als BDS in Großbritannien besonders viele prominente Unterstützer besitzt, etwa den Ex-Pink-Floyd-Bassisten Roger Waters. Waters überzieht seit Jahren jeden Musiker mit Tiraden, der in Tel Aviv auftreten will. Zuletzt gerieten Radiohead in sein Visier, die dem politischen Druck zwar widerstanden, aber das Ganze als "zermürbende Erfahrung" beschrieben.

Großbritannien wäre hier ein eigenes Kapitel wert: Denn dort ging der Aufstieg von Jeremy Corbyn und des linken Flügels der Labour Party mit einem massiven Anstieg antisemitischer Vorfälle einher, zugleich ist der Labour-Chef Corbyn mit der Popkultur innig verbunden. In Glastonbury, auf dem berühmtesten britischen Popfestival, mobilisierte er mit einer Rede mehr Publikum als die Bands. Die Jugend liebt Corbyn, obwohl er jahrelang im iranischen (und russischen) Staatsfernsehen antiwestliche Ressentiments verbreitete. Kein kritisches Wort kam von ihm zur iranischen Theokratie, auch keines gegen den iranischen Antizionismus. Stattdessen stellte sich heraus, dass Corbyn Hisbollah- und Hamas-Delegationen nach Großbritannien eingeladen und sie als "unsere Freunde von Hisbollah und Hamas" begrüßt hatte. Außerdem pries Corbyn den palästinensischen Islamisten Raed Salah, der Homosexualität als "Verbrechen" verteufelt und rechtskräftig verurteilt wurde wegen Verbreitung der alten Ritualmordlegende, Juden würde ihre Matzen mit dem Blut nichtjüdischer Kinder backen.

Corbyn ist nicht allein. Nasim Schah, eine pakistanischstämmige Labour-Abgeordnete, die von ihm protegiert wurde, hatte vor ihrer Abgeordnetenzeit auf Facebook mehrere antisemitische Postings geteilt, darunter das Bild einer Landkarte, in der Israel nicht mehr in Israel, sondern in den USA liegt. Ihr Kommentar: "Problem gelöst." Corbyn brauchte lange, um Schah zu suspendieren, inzwischen ist sie wieder volles Mitglied der Labour-Fraktion. Der liberale britische Kolumnist Nick Cohen kam nach einem Besuch in Nazim Schahs Wahlkreis zu dem Schluss, Politiker, die dort gewinnen wollten, könnten keine ausgewogenen Positionen zum Israel-Palästina-Konflikt vertreten. Sie hätten nur die Wahl, "extremistische Rhetorik" gegen Juden zu benutzen oder als "Zionisten" denunziert zu werden.

Und der Pop? Beim Festival von Glastonbury wurden Radiohead ausgebuht, das Publikum schwenkte palästinensische Fahnen, und Corbyns Parteifreund Ken Livingstone erklärte, dieser Band dürfe ihr Konzert in Tel Aviv "niemals vergeben" werden. –Wie in Nahost, so auch in Europa? Es geben nicht nur junge arabische Bands, sondern auch westliche Stars dem Druck der Israelfeinde nach. Ihr nächstes Opfer haben die BDS-Organisatoren schon bestimmt: Nick Cave, der im November zwei Konzerte in Tel Aviv geben will. Auf der Facebook-Seite "Nick Cave Don’t Play Apartheid" wird gegen ihn Stimmung gemacht. Und die Spirale der Boykottforderungen dreht sich weiter. So gehört zu den britischen Unterstützern von BDS auch die gefeierte junge Rapperin Kate Tempest. Sie soll im Oktober das erste Popkonzert geben, das die Berliner Volksbühne unter ihrem neuen Intendanten Chris Dercon veranstaltet. Nun forderte die Schriftstellerin Sibylle Berg die Absage des Auftritts: Wer sich zu einer antisemitischen Organisation bekenne, habe an der Volksbühne keinen Platz.

Ist das die Lösung? Ja, der Berliner Fall war kein Einzelfall, er hatte Methode. Nein, man möchte antiisraelische Töne im Pop nicht bekämpfen, indem man der Logik der Boykotteure folgt. Soll man die Künstler einem Gesinnungs-TÜV unterziehen? Wollte man das, müsste man zuerst wesentliche Teile des deutschen, muslimisch geprägten HipHop verbannen: "Du nennst mich Terrorist, ich nenne dich Hurensohn / Gebe George Bush einen Kopfschuss und verfluche das Judentum", heißt es in einem frühen Stück des vom Feuilleton ausgiebig hofierten Offenbacher Rappers Haftbefehl. Sein Berliner Kollege Bushido zeigte auf seinem Twitter-Profil eine Karte des Nahen Ostens, aus der Israel getilgt war.

Die Veranstalter des Berliner Pop-Kultur-Festivals geben sich cool: "Wir werden auch im kommenden Jahr mit der israelischen Botschaft kooperieren. Wer unter diesen Bedingungen nicht bei uns auftreten will, soll halt zu Hause bleiben."