Wer in diesen Tagen von einem Spitzengenossen ein aufmunterndes "Scheiße, woher wissen Sie das? Ich hab doch gleich gesagt, dass das rauskommt" hören wollte, musste sich nur, wie am Montag dieser Woche im Willy-Brandt-Haus geschehen, vor einem dieser Genossen aufbauen und ihn fragen: "Seit wann genau gehört Béla Anda noch mal zum Team von Martin Schulz?" Und dann sah man auch, dass eine sozialdemokratische Kinnlade genauso funktioniert wie jede andere auch: Bei Fassungslosigkeit klappt sie herunter.

Seit drei Wochen ist Béla Anda oberster Berater für Strategie und Kommunikation des SPD-Kanzlerkandidaten. Wenn an diesem Sonntag mit dem TV-Duell zwischen Martin Schulz und Angela Merkel die entscheidende Phase des Wahlkampfes beginnt, wird der Einfluss des 51-Jährigen bereits spürbar sein: in dem, was Schulz sagt – und darin, wie er es sagt. Dass der Stratege im Verborgenen, als Machtschattengewächs des Kandidaten, agieren sollte, hat einen Grund: Die SPD will eigentlich aus dem mentalen Gefängnis der Schröder-Kanzlerschaft entfliehen. Anda ist der Beweis dafür, dass es ihr auch in diesem Wahlkampf – dem dritten nach Schröder – nicht gelingt.

Anda ist ein Produkt aus der frühen "Bild, BamS, Glotze"-Phase des bis heute letzten SPD-Kanzlers. Gerhard Schröder machte den damaligen Bild-Journalisten zunächst zum stellvertretenden Regierungssprecher und setzte ihn später eine Stelle weiter oben ein. Zuletzt arbeitete Anda als Berater. Anfang August schrieb er für die Bild in einem Gastbeitrag auf, was Schulz machen müsste, um noch zu gewinnen. Daraufhin verpflichtete ihn der Kandidat. Anda sollte allerdings nur aus der Dunkelkammer der SPD-Zentrale heraus wirken, weil die Schulz-SPD anders erscheinen und auftreten möchte als die Schröder-SPD: weniger selbstgefällig, weniger autoritär, weniger machohaft nach Rasierwasser riechend.

Schulz und sein neuer Stratege sehen im TV-Duell den wichtigsten Termin bis zur Wahl, die einzige Möglichkeit, noch mal Bewegung in den Wahlkampf zu bekommen. 15 Millionen Zuschauer, vier Fernsehsender, fast die Hälfte der Wähler noch unentschlossen, wen sie wählen sollen: wann, wenn nicht an diesem Sonntag zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr? Niemand in der SPD glaubt, dass am Ende der 90 Minuten Schulz das Spiel gedreht hat, die SPD bei 38 und die CDU bei 24 Prozent steht. Schließlich heißt die Sendung ja nicht Wünsch Dir was. Aber alle hoffen darauf, dass Schulz seine Partei wieder ins Spiel bringt. Dass er durch einen starken Auftritt den Genossen neuen Kampfeswillen vermittelt und so beim Publikum punktet. Dass er und die SPD bis zum 24. September eine fulminante Aufholjagd hinlegen können. Geht Schulz jedoch geschlagen aus dem Studio, muss Merkel sich nur noch Gedanken darüber machen, ob sie ihren Wahlsieg – wie 2013 – erneut mit den Toten Hosen musikalisch untermalen lassen will. Oder ob Helene Fischer nicht besser zur CDU passt. Schulz wird dann trotzdem weiterkämpfen. Aus Selbstachtung. Und weil er es als Pflicht seiner Partei gegenüber versteht. Man könnte auch sagen: weil er ein anständiger Kerl ist.

Beim TV-Duell werden die Zuschauer bestaunen können, was den gesamten Wahlkampf prägt: Alles, was Schulz bemängelt, kritisiert oder attackiert, wird begrenzt durch das Regierungshandeln der SPD. Und das umso mehr, als sich die Sozialdemokraten als der eigentliche Motor der großen Koalition verstehen – der von 2005 bis 2009 ebenso wie der von 2013 bis 2017. Schulz kann sich daher von acht der zwölf Kanzlerjahre Merkels inhaltlich nicht entfernen, allenfalls rhetorisch. Aber auch das ist schon problematisch. Während Merkel genüsslich aufzählen kann, was Christ- und Sozialdemokraten "in trauter Eintracht" und "in vertrauensvoller Zusammenarbeit" in zwei Koalitionen alles beschlossen und dann umgesetzt haben – vom Elterngeld über den Mindestlohn bis zur Rente mit 63 –, muss Schulz stets ein "Ja, aber" dazwischenrufen. Ein "Ja, aber" hat allerdings weder Kraft, noch entfaltet es Faszination. Vor allem nicht, wenn die Leute sich in der Welt umschauen, brexitgebeutelte Briten sehen, wirtschaftlich kriselnde Franzosen, nationalistische Osteuropäer, Donald Trump, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdoğan – und dann feststellen: "Was hat der Schulz denn? Uns geht es in seinem Ja-aber-Deutschland doch prima."

Scharfe Kritik an Merkel ist für Schulz daher ein zweischneidiges Schwert, denn mit der einen Seite ritzt er stets ins Fleisch der Sozialdemokraten. Selbstverletzung als Mittel der Vertrauensbildung? Hat bisher nicht funktioniert und wird am Sonntag auch nicht funktionieren. Also muss eine andere Strategie her.

Zentral für die Vorbereitung des TV-Duells ist insbesondere ein Mann, der weder Sozialdemokrat noch Politikexperte, dafür aber vieles andere ist, Journalist, Produzent, Medienunternehmer, Galerist zum Beispiel. Markus Peichl, 59 Jahre alt, arbeitet auch als Coach, er bringt Prominenten aus Politik und Wirtschaft bei, was sie vor einer Kamera wie machen müssen, damit die Menschen vor den Bildschirmen sie kompetent oder sympathisch finden oder am besten beides. Nun macht Peichl Schulz für das Duell fit. In der SPD bestätigt man das erst nach einigem Zögern.

In der Politik denken viele, die Bürger könnten glauben, ein Coach trainiere einem Politiker etwas an oder ab, verwandele ihn in eine Sprechpuppe, die stumpfsinnig lächelnd auswendig gelerntes Zeugs abspule. Daher verfährt die Politik mit ihren Coaches ähnlich wie die SPD mit ihren Béla Andas: am liebsten verschweigen. Dabei könnte man ja auch denken: Sich mit einem Profi vorzubereiten ist vor allem professionell.

Erwischt man Peichl am Telefon, dann spricht man mit einem netten Mann mit Wiener Akzent, der einem zu verstehen gibt, dass er sich zu Einzelheiten seiner Zusammenarbeit mit Schulz nicht äußern könne. Also spricht man mit Leuten, die dabei waren, als Peichl schon einmal einen SPD-Kanzlerkandidaten auf ein TV-Duell vorbereitet hat. Das ist acht Jahre her, der Kandidat hieß Frank-Walter Steinmeier.