Kino - The Circle (Trailer) © Foto: Universal Film

Wer Dave Eggers Zukunftsroman The Circle gelesen hat, fragt sich, wer darin eigentlich verrückter ist – die Kritiker der totalen Online-Überwachung oder die junge Heldin Mae, die glaubt, dass die total vernetzte und transparente Weltgesellschaft den Planeten von allem Bösen erlösen wird. Am Ende haben bei Eggers alle irgendwie recht – der fehlerhafte Altmensch und die neue kalifornische Erweckungsbewegung, die die Welt von ihrer mühsamen analogen Existenz befreien will. Die untergehende und die siegreiche Menschenart sehen sich auf der Schwelle zur neuen Zeit für einen Augenblick ratlos in die Augen, bevor die unübersichtliche alte Schmuddelwelt der supercleanen neuen Krankenhauswelt der Bildschirme und Glasbüros weichen muss. Traurig, aber nicht zu ändern.

Der Romanverfilmung von James Ponsoldt gelingt es, diesen schicksalhaften Moment, in dem die Geschichte sich noch nicht endgültig entschieden hat und die Würfel noch nicht gefallen sind, in der Schwebe zu lassen. Noch gibt es eine Altwelt außerhalb des Circleuniversums. Hier leben die hinfälligen und zurückgebliebenen Unbekehrten, zu denen Mae (Emma Watson) gehört, bevor sie als verzückte Novizin in den Circle eintritt. Der Film zeigt die vollgerümpelten, gemütlichen Holzhäuser ihrer Eltern (gespielt von Glenne Headly und dem inzwischen verstorbenen Bill Paxton) und ihres Ex-Freunds Mercer (Ellar Coltrane), in denen man bedroht von körperlichem Verfall und Armut gelegentlich noch Sex miteinander hat oder auf unbeholfene Weise ein stockendes Gespräch riskiert.

In der Circle-Filmwelt ist alles genau so, wie man es sich vorstellt, gnadenlos perfekt, gnadenlos freundlich, gnadenlos aufgeräumt. Räume wie spiegelnde Bildschirmoberflächen, Gespräche wie im Customer Service, die Stimmung dauereuphorisiert, die Filmatmosphäre klinisch tot. Immer wieder im Bild: eine Menge locker aufgereihter, gut frisierter Statisten in flughafenhallengroßen Büros. Die ekstatische Mimik der jungen Hauptdarstellerin, die zwischen Ungläubigkeit und Überwältigung hin und her schwankt, ist darin noch das Lebendigste.

Tom Hanks bestärkt die Circle-Gemeinde in der Rolle des Firmenchefs Eamon Bailey als charismatischer Sugar-Daddy bei den freitäglichen Firmengottesdiensten mit der Kaffeetasse in der Hand im neuen Glauben: "Wissen ist gut, aber noch mehr wissen ist besser" heißt sein Vaterunser. Die neueste Innovation der Firma sind murmelgroße Kameras, die sich überall unauffällig platzieren lassen. Niemand geht mehr verloren, keiner ist mehr allein, jeder wird gesehen. So viel irdische Fürsorge hat keine andere Religion im Angebot. Vom Circle wird die Welt in digitale Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt.

Nach einem nächtlichen Unfall im Kanu – dem letzten dramatischen Offline-Ausflug der Filmheldin – überträgt eine Kamera das gesamte Leben der jungen Frau im Livestream (als Eggers sich das ausdachte, gab es Facebook Live noch nicht). Emma Watson, die sich im wirklichen Leben mit 35 Millionen Facebookfreunden begnügen muss, erreicht in ihrer Rolle als überengagiertes IT-Girl über zwei Milliarden Viewer, als sie bei einem Meeting vorschlägt, die Wahlen künftig über den Circle-Account abzuwickeln – die ganze Welt soll der amerikanischen Online-Sekte zu Füßen liegen. In Eggers’ Roman versucht einer der Circle-Gründer im Untergrund gegen diesen Kontrollwahnsinn mobilzumachen. Im Film fehlt dieser Spannungspol fast vollständig. Dafür schlägt die resolute Jungfer Mae ihren Führungsoffizier im Circle mit seinen eigenen Waffen – nicht nur die Bürger, sondern auch die mächtigen Circle-Chefs sollen transparent werden. Kalifornische Fundamentaloptimisten finden für jedes Problem eine Lösung.

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