Eva Schreiber, die Kandidatin der Linken, steht um 15 Uhr am Bahnhof Fürstenried West. Eine heitere, 59 Jahre alte Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie hat vor Jahren einen Reggaeclub betrieben, heute unterrichtet sie Migranten und Flüchtlinge. Sie ist gekommen, um mit zwei Helfern Wahlplakate zu kleben, doch die Helfer verspäten sich. Schreiber steht 50 Minuten im Nieselregen.

"Wenn ich das Lebensgefühl im Wahlkreis in einem Wort beschreiben müsste, wäre es 'saturiert'. Die Haltung ist: Uns geht’s gut, es muss nicht viel geändert werden." Schreiber steht vor einer besonderen Aufgabe, als Kandidatin der Linken kämpft sie in München-Land, dem wohlhabendsten Wahlkreis Deutschlands. Vier Dax-Konzerne sitzen hier, Infineon, Linde, Allianz und ProSiebenSat.1. Außerdem 26.000 Gewerbebetriebe und 3 Unis. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 2,7 Prozent. Es herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Was also macht die Linke hier?

Dagegenhalten, sagt Eva Schreiber. Auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. "Es gibt ja auch Hartz-IV-ler im Wahlkreis, Alleinerziehende, Krankenschwestern, Pfleger und Studenten, die sich die Miete nicht leisten können. Für die sind wir da." Es könne nicht sein, dass man als junge Familie kein Reihenhaus oder keine größere Wohnung für weniger als 2.000 Euro Miete im Monat bekomme.

Für die Wähler, die der CSU-Kandidat Florian Hahn anspricht, scheinen diese Probleme weit weg zu sein. Hahn ist 43 Jahre alt, Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Verteidigungsausschuss. Er hat besonders einflussreiche Landwirte zum Frühstück in die Stube eines Bauernhofs in Unterschleißheim geladen. Ein Dutzend sind gekommen, Multiplikatoren, erklärt Hahn. Die Bauern, alle um die sechzig Jahre alt, haben kurzärmlige karierte Hemden an. Vor ihnen stehen Weißbiergläser.

Die CSU hat den Wahlkreis seit 1953 immer gewonnen; selbst prominente SPD-Kandidaten wie Otto Schily hatten nie eine Chance. Hahn vertritt den Wahlkreis seit 2009, bei der vergangenen Bundestagswahl holte er 52,5 Prozent der Erststimmen. Seine bewährten Wahlkampfformate sind das Biergartengespräch und das Frühstück. Wer im bayerischen Wahlkampf erfolgreich sein will, braucht einen robusten Magen. Hahn schafft an diesem Vormittag zwei Bier, mehrere Weißwürste, Brezen und eine Schmalznudel. Als CSU-Direktkandidat kämpft man eher mit den Kalorien als mit dem politischen Gegner.

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Der von Roman Herzog geprägte Slogan "Laptop und Lederhose" ist wie für den Wahlkreis geschaffen. Das Leben im Münchner Umland ist dörflich. Die Einwohner treffen sich in 300 Sportclubs und 35 Schützenvereinen. Hahn passt ins Bild: Jeans, blaues Hemd, Trachtenjacke. Er spricht an diesem Vormittag eine Stunde lang von der Flüchtlingskrise 2015, von Polizisten, die eingestellt werden sollen, von der Abschaffung des Solidaritätszuschlags. Er lässt den Bayernplan an die Landwirte verteilen, blaue Mappen mit den Zielen der CSU für die kommende Legislaturperiode. Doch die Landwirte rühren die Mappen nicht an. Sie wollen mit Hahn lieber über Trump sprechen, Putin und Nordkorea, als wäre er ein Auslandskorrespondent in einer Talkrunde. Die Landwirte verfolgen aufmerksam die Nachrichten, die Außenpolitik ist ihnen derzeit das Wichtigste.

Heikel wird es an diesem Vormittag nur für einen kurzen Augenblick, als der stellvertretende Ortsvorsitzende der CSU sich bei der Gastgeberin versehentlich für die Rohrnudeln bedankt und nicht Schmalznudeln sagt wie in Bayern üblich. Keiner stellt hingegen eine Frage zu Hahns Aufsichtsratsposten bei der Ottobrunner Firma IABG, die Aufträge aus der Rüstungsindustrie bekommt – der Spiegel und die ARD-Sendung Report Mainz hatten im vergangenen Jahr die Frage aufgeworfen, ob zwischen Hahns Engagement bei der IABG und seinem Job im Verteidigungsausschuss des Bundestags ein Interessenkonflikt besteht. Hahn rechtfertigte sich später vor seinen Wahlkreisdelegierten bei einer Rede in Oberhaching: "Diese Nebentätigkeit ist zu hundert Prozent zulässig und rechtlich nicht anfechtbar." Wie sein Verhalten moralisch zu bewerten sei, müssten die Delegierten und die Wähler entscheiden. Seit Mai ist er nicht mehr Aufsichtsrat der IABG.

Nachdem Hahn gegangen ist, sitzen die Landwirte noch eine Weile zusammen. "Politik ist dazu da, Ruhe auf der Welt zu schaffen", sagt Günter Hanrieder, 57, einer der Landwirte. "Wir sind mit unseren Betrieben vom Weltmarkt abhängig. Für mich ist entscheidender, was in Brasilien oder Venezuela passiert, als was in Oberfranken los ist. Wir verkaufen zwar vor allem an Deutschland und die europäischen Nachbarländer, aber die Preise bestimmt der Weltmarkt." Laptop und Lederhose, Heimat und Globalisierung – für Landwirte wie Günter Hanrieder verbindet die CSU beides. Einmal sei er nach Belgien gereist, erzählt Hanrieder, nur um dort zu kontrollieren, dass seine Kartoffeln wie geplant auf ein Schiff nach Ägypten verladen werden. Was auf dem eigenen Acker und auf dem Weltmarkt geschieht, ist für ihn wichtig. An die nationale Politik hat er dagegen keine großen Erwartungen.

Es ist kurz nach 16 Uhr, Eva Schreiber ist nun nicht mehr allein. Immerhin einer der beiden Helfer ist gekommen. Schreiber kleistert ihre Wahlplakate direkt unter die von Florian Hahn. Auf ihren steht: "Verdient – Sicherer Job, planbares Leben" und "Respekt – Renten mit Niveau". Hahn verkündet schlicht seinen Namen und den Spruch: "Aus gutem Grund". Hahn verkörpert das Selbstbewusstsein einer Partei, die seit Jahrzehnten regiert, und einer Region, die scheinbar wenig Probleme hat. Konkurrenz? Den Namen seiner linken Mitbewerberin kenne er nicht einmal, sagt Hahn.

Eva Schreiber weiß, dass die Klientel der Linken im Münchner Umland nicht groß ist. Und in Vierteln wie dem besonders wohlhabenden Grünwald bringe es vermutlich nichts, Plakate zur sozialen Gerechtigkeit aufzuhängen, sagt sie. Aber sie habe dennoch ein Ziel ins Auge gefasst, für das sie in den kommenden Wochen fast täglich auf die Straße gehen will: ein Zweitstimmenergebnis von über 3 Prozent.