Die Deutschen unterscheiden sich bekanntlich von anderen Völkern. Wo sonst auf der Welt könnte ein überaus erfolgreiches Unternehmen darauf kommen, den Werbeslogan "Es gibt immer was zu tun" zu erfinden? Menschen andernorts interpretieren diese Aussage keineswegs als reizvolle Glücksverheißung, sondern als nüchterne Hoffnungslosigkeit, wonach das fröhlich-faule Paradies auf Erden nicht zu erreichen ist. Hierzulande hingegen rennen die Massen yippiejaja-yippie-yippie-yeah seit Jahrzehnten begeistert in Hornbach-Baumärkte. Was allerdings seine Logik hat: Der Baumarkt an sich, natürlich in Amerika erfunden, ist zweifellos die Krone der kapitalistischen Schöpfung, hinter der das Silicon Valley verblasst. Ein Wirtschaftssystem, das derartige Fülle und Perfektion im sanften Hin und Her der Einkaufswagen zwischen Bedürfniserzeugung und -befriedigung hervorbringt, beweist in den Regalen seine Überlegenheit und kann gar nicht untergehen.

Aber der Baumarkt ermöglicht noch mehr: nämlich eine Kultur und Mentalität des Selbermachens. Bereits der 29-jährige Philosoph Jürgen Habermas diagnostizierte 1958 "diese Regression ins Vorindustrielle" durch eine "Bastelbewegung"; die Ursache sah er, na klar, in "psychischer Ermüdung" und "nervöser Abnutzung" durch die "Spurlosigkeit" der entfremdeten Erwerbsarbeit: "So zimmern wir den Tisch, statt ihn an der nächsten Ecke besser und billiger zu kaufen." Ein großartiges Buch des jungen Historikers Jonathan Voges schildert jetzt den Siegeszug des Heimwerkens in der Bundesrepublik: Selbst ist der Mann, so der Titel nach dem einschlägigen, mittlerweile sechzig Jahre alten Magazin. Dabei dient die Do-it-yourself-Idee keineswegs der Mangelbekämpfung, sondern ist ein Wohlstandsphänomen: Höhere Einkommen und wachsende Freizeit ermöglichen das ausgefeilte Werkeln daheim am Samstag, Gewerkschaften und Baumärkte ziehen an einem Strang.

Allerdings achtete die Soziologie auf die feinen Unterschiede: 1972 sah der Soziologe Erwin K. Scheuch noch die "Pflichten eines Ehemannes" in den Unterschichten, "sein eigener Handwerker sein zu können", während das weiter oben anders war: "Von einem Rechtsanwalt dagegen erwartet die Hausfrau nicht, daß er seinen Garten umgraben kann; tut er es doch, so wird das von ihm und seiner Umgebung als Hobby interpretiert." Die Handwerker litten dennoch unter der Entwicklung, denn die Aufrüstung daheim war unaufhaltsam: Die deutschen Haushalte besaßen Mitte der achtziger Jahre durchschnittlich für unvorstellbare 7.000 D-Mark "Heimwerkerausrüstung". Auch die Männerbilder in der Werbung wandelten sich: Dominierte noch in den sechziger Jahren der Familienvater mit Krawatte, herrschte bald der kräftige Kerl im karierten Hemd und Latzhose. Die Geschlechterverhältnisse wandelten sich aber nur langsam, wenngleich Reinhard Meys Reim "Männer im Baumarkt, / während draußen die Frau parkt" 2009 mittlerweile recht unzeitgemäß klang. Eine Frage allerdings, die die Hörzu 1961 diskutierte, ist immer noch aktuell, unabhängig vom Geschlecht: "Ist Basteln schädlich für die Ehe?"

Jonathan Voges: Selbst ist der Mann. Do-it-yourself und Heimwerken in der Bundesrepublik Deutschland; Wallstein Verlag, Göttingen 2017, 647 S., 54,– €