Als Pauline Grosjean vor sechs Jahren nach Australien zog, machte sie eine erstaunliche Beobachtung. Die Französin hatte vorher in Großbritannien und den Vereinigten Staaten gelebt, kulturelle Unterschiede waren ihr keineswegs neu. Doch die partnerschaftlichen Beziehungen in ihrer neuen Heimat kamen ihr seltsam vor. "Das Rollenverständnis ist hier auffallend traditionell. Frauen bleiben in der Regel zu Hause, während die Männer Karriere machen." Stereotypische Vorstellungen davon, was Männlichkeit bedeutet, seien extrem ausgeprägt, zwischengeschlechtliche Freundschaften äußerst selten. Und da war noch etwas: "Ich wohne direkt am Strand und habe beobachtet, dass Väter ungewöhnlich viel Zeit mit ihren Kindern verbringen." Wie passte das zusammen?

Ökonomin Grosjean hatte einen Verdacht – und die Betrachtung historischer Volkszählungen aller sechs australischen Bundesstaaten brachte Gewissheit: Als Australien im 18. und 19. Jahrhundert eine britische Sträflingskolonie war, verschiffte man deutlich mehr Männer als Frauen ans andere Ende der Welt. Das Verhältnis lag bei fast sechs zu eins. Die Verhandlungsmacht der Frauen bei der Partnerwahl war entsprechend hoch – und ist es anscheinend bis heute, obwohl sich das Geschlechterverhältnis inzwischen normalisiert hat. In Gegenden, in denen der Männerüberschuss früher besonders deutlich ausfiel, arbeiten Frauen auch zwei Jahrhunderte später seltener außerhalb von zu Hause. Und sie genießen in der Regel mehr Freizeit als Frauen aus Landesteilen, in denen das Geschlechterverhältnis in früheren Zeiten ausgeglichener war. Grosjean und ihr Kollege von der University of New South Wales Sydney entdeckten noch einen anderen Zusammenhang: Beide Partner sind in ehemals männlich überrepräsentierten Gegenden glücklicher in ihrer Beziehung und mit ihrer Lebenssituation zufriedener.

"Die naheliegende Erklärung der ökonomischen Theorie geht von der Grundannahme aus, dass Menschen das Nichtstun genießen", sagt Grosjean und lacht. Demnach würden Frauen dadurch glücklich, dass sie sich reichere Männer aussuchten und weniger arbeiten müssten. Allerdings sollte sich daraus das gegenteilige Ergebnis für ihre Gatten ableiten lassen: Mehr Arbeit und weniger Freizeit müssten sie unglücklicher stimmen. Das ist nicht der Fall, also muss das Glück der Männer durch einen anderen Effekt beflügelt werden.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen diskutierte Grosjean verschiedene Erklärungsansätze. Eine Möglichkeit wäre, dass Frauen wählerischer sind und sich deshalb einen Partner suchen, der besser zu ihnen passt. Verheiratete Männer würden dadurch indirekt profitieren. Auch dass das Glück der Männer von dem der Frauen abhängt, ist durchaus plausibel. Frühere Studien haben gezeigt, dass eine Scheidung nicht am wahrscheinlichsten ist, wenn beide unglücklich sind, sondern wenn beide die Beziehung unterschiedlich bewerten. Besonders ausschlaggebend ist die Wahrnehmung der Frau. Ist sie zufrieden, resultiert dies statistisch gesehen in einer glücklicheren Ehe.

Eine dritte Option wäre, dass starke Frauen schlichtweg besser für Männer sind. Um es nicht ganz so plakativ zu sagen: Die Normen, die sich in einer Partnerschaft etablieren, wenn die Frau mehr zu sagen hat, könnte für beide zu einem glücklicheren Zusammenleben führen. Gerade weil Männer dann weniger sexuelle Vielfalt und unverbindlichen Sex genießen können. Obwohl es evolutionsbiologisch Sinn ergibt, möglichst viele Damen zu begatten, hat dies oft einen negativen Einfluss auf die Partnerschaft. Wenn die Frauen in der Unterzahl sind, muss sich der Mann binden, um sich eine Partnerin langfristig zu sichern – und wird zu seinem Glück gezwungen.

Ebenfalls mit hineinspielen könnte, dass konservativ eingestellte Menschen generell glücklicher zu sein scheinen. Mehrere aktuelle Untersuchungen belegen, dass sich in Ländern wie den USA Konservative im Vergleich zu Liberalen als zufriedener einstufen. "Konservative haben in der Regel einen höheren Selbstbezug, weshalb sie sich weniger durch die Probleme anderer oder globale Veränderungen beeinflussen lassen", meint Grosjean. In ihrer Untersuchung war jedoch nur das Rollenverständnis der Paare bekannt, nicht aber eine allgemein traditionellere Einstellung. Offenbar hat stattdessen die bessere Verhandlungsposition der Ehepartnerin zu einer Verlangsamung der Gleichstellung geführt. Während sich die Frauen im übrigen Land über die Jahre gegenüber ihren Männern zu behaupten versuchten und deshalb erwerbstätig wurden, saßen die Gattinnen in ehemals männlich dominierten Gegenden bereits am längeren Hebel.

So lässt sich auch die Aufteilung der Kindererziehung erklären. Grosjeans Beobachtung am Strand von New South Wales wurde kürzlich auch in Nordirland bestätigt. Zwei Wissenschaftler vom University College London fanden heraus, dass Väter in Gegenden mit höherem Männeranteil mehr Zeit in ihre Rolle als Papa investieren – unabhängig davon, wie viel sie der Frau in finanzieller Hinsicht zu bieten haben.

Doch wie steht es um die Zufriedenheit derer, die keine Partnerin für sich gewinnen können? Weltweit fehlen über 60 Millionen Frauen, ein Großteil davon in China und Indien. Besonders im Reich der Mitte wurde dem Y-Chromosom jahrelang der Vortritt gewährt. Die Ein-Kind-Politik ließ vielen Eltern scheinbar keine Wahl. Doch nun fehlt dort der weibliche Gegenpart.

Das zeigt sich insbesondere jetzt, da die ersten Jahrgänge im heiratsfähigen Alter sind. Alleinstehende Männer sind deutlich anfälliger für psychische Probleme und Depressionen, wie eine Studie von der Zhejiang-Universität belegt. In China ist dieser Effekt stärker als in anderen Ländern, da das Junggesellendasein als persönliches Scheitern angesehen wird. Gleichzeitig gilt die traditionelle Norm, dass der Ehemann seine Familie versorgen können muss. Sozialökonomisch Schwache haben es deshalb bei der Frauensuche besonders schwer. Je weniger Frauen es in einer Gegend gibt, desto mehr wird die erhoffte Hochzeit des Sohnes zum langfristigen Sparprojekt für die Eltern. Und so schnell wird sich der Trend nicht umkehren lassen.

Den Jahrgängen mit dem größten Ungleichgewicht steht der Kampf auf dem Heiratsmarkt erst noch bevor.

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