Was haben Deutschland, Burundi, Somalia und Nordkorea gemeinsam? Richtig, sie alle sind Länder ohne ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. In der Heimat von Rudolf Diesel und Carl Benz darf man seit der Erfindung des Automobils das Gaspedal durchtreten und Raserei ungestraft als sportliche Fahrweise verklären. Nun aber eröffnet sich eine neue Chance, genau das zu ändern.

Ausgerechnet die jüngste Begeisterung für Elektromobilität liefert das letzte fehlende Argument für ein grundsätzliches Tempolimit auf Autobahnen. Wer elektrischen Fahrzeugen hierzulande wirklich zum Durchbruch verhelfen möchte, kommt daran nicht vorbei. Besser und billiger als Quoten oder Förderprämien wäre es nämlich, ein paar psychologische Hindernisse zu beseitigen, die der Verkehrswende ebenso im Weg stehen wie ein Fiat Panda dem BMW-7er-Piloten auf der linken Spur am Hang. Und das ist gar nicht mal so kompliziert.

Die Reichweite batteriebetriebener Fahrzeuge ist das große Thema in der Verkehrsdebatte. Entscheidend ist der Verbrauch. Endlos wird darüber gestritten, ob dieser im Winter höher als im Sommer ist (weil dann die Heizung viel Energie frisst) oder ob es sich genau umgekehrt verhält (weil die Klimaanlage noch mehr Strom verbraucht als die Heizung), aber letztlich ist vor allem die Fahrweise ausschlaggebend. Bisher hat noch jeder Praxistest gezeigt, dass die Batterie eines Elektroautos desto schneller leer ist, je zügiger man unterwegs ist. Sportliche Fahrweise auf der Autobahn ist also immer nur auf der Kurzstrecke möglich. Verglichen jedenfalls mit der Reichweite, die dasselbe Elektroauto bei einer langsameren Geschwindigkeit hätte.

Wer dieses Argument einmal umdreht, erkennt sofort, dass Langsamkeit zu einer größeren Reichweite führt. Um dieses große Problem der Elektromobilität zu beheben, muss man also nicht nur bessere Akkus und mehr Ladestationen fordern. Man müsste ganz einfach langsamer fahren.

Im Land der Gasgeber ist das natürlich ein echtes Problem. Die Egos vieler Fahrer stehen dem im Weg. Es wird den stolzen Besitzer eines – dazu auch noch teuren – Elektroflitzers sicher maßlos ärgern, wenn auf der Autobahn ein röhrender Turbodiesel an ihm vorbeizieht. Den könnte er zwar mit einem kleinen Zwischenspurt problemlos überholen, müsste dann aber bald zum Aufladen rechts ranfahren. Wer ihm diese Demütigung ersparen will, sollte alles tun, damit ihn niemand zur Raserei triggert. Einzige Lösung: ein Tempolimit für alle. Möglichst niedrig, damit der Unterschied in der Reichweite nicht so auffällt.

Auf diese Weise könnte durchgesetzt werden, was sämtliche "Schützt den Wald"-Aktivisten mit ihren Vernunft-Appellen seit den achtziger Jahren nicht erreicht haben. Stets unterlagen sie der Hochgeschwindigkeitslobby, die übrigens nicht nur aus der Automobilindustrie besteht, sondern offenbar auch von Teilen der Tourismuswirtschaft unterstützt wird. Vor Jahren zeigte der SWR jedenfalls eine eindrucksvolle Fernsehdokumentation über ausländische Bleifuß-Touristen, die eigens nach Deutschland anreisen, um ihre getunten PS-Boliden hier endlich mal ausfahren zu können. Ein klarer Standortvorteil gegenüber Burundi, Somalia und Nordkorea, wo das öffentliche Straßennetz vermutlich nicht so gut ausgebaut ist wie hierzulande.

Sogar unter Gleichstellungsaspekten lässt sich das Tempolimit fordern, wie eine repräsentative Umfrage des Deutschen Verkehrssicherheitsrates belegt. Demnach spricht sich gegenwärtig nur eine hauchdünne Mehrheit von 52 Prozent der Deutschen für ein generelles Tempolimit aus. Klare Unterschiede gibt es aber beim Geschlecht: Während zwei von drei Frauen ein Tempolimit fordern, lehnt es ein ebenso großer Teil der Männer ab. Zweite Erkenntnis der Umfrage: Je jünger die Fahrer, desto weniger wollen sie von einem Limit wissen. Junge Männer am wenigsten. Diese Gruppe taucht übrigens auch zuverlässig in den Unfallstatistiken ganz oben auf und führt regelmäßig in der Unterkategorie "zu schnelles Fahren". Aber das nur am Rande.

All diese Argumente haben bislang nicht gezogen, vielleicht hilft nun die Verkehrswende und der Trend zum Elektroauto. Der sportliche Fahrstil ist ebenso Selbstbetrug wie ein Softwareupdate für die dreckigen Diesel von Volkswagen. Also runter mit dem Tempo. Wer mit einem Elektroauto weit kommen will, fährt langsam.