Für Außenstehende ist im Empfangsraum des unauffälligen Wohnhauses in St. Pölten Endstation. Selbst dort lässt Hausherrin Maria Imlinger niemanden aus den Augen. An den Wänden hängen bunte Zeichnungen, ein Keyboard lädt zum Spielen ein, aus den großen Fenstern blickt man ins Grüne. Die gemütliche Atmosphäre täuscht. Das Haus ist mit etlichen Alarmanlagen und Notrufknöpfen gesichert.

"Die Polizei wäre innerhalb kürzester Zeit da", sagt Imlinger. Und das ist gelegentlich auch nötig. Denn hier wohnen Frauen, die sich vor gewalttätigen Ehemännern oder Partnern schützen müssen. Imlinger, 61 Jahre alt, türkises Shirt, gemusterte Hose, leitet das Haus der Frau in St. Pölten, eines der größten Frauenhäuser in Österreich. Insgesamt 36 Frauen und deren Kinder können in 18 Zimmern unterkommen, die sich über mehrere Immobilien in der Stadt verteilen. Selten bleibt ein Platz lange unbewohnt.

Jede fünfte Frau in Österreich erlebt zumindest einmal im Leben körperliche oder sexuelle Gewalt, jede siebte wird Opfer von Stalking. "Wir müssen unsere Kinder und Frauen in Zukunft viel besser vor Gewalttaten schützen", holte ÖVP-Chef Sebastian Kurz das emotionsgeladene Thema unlängst auf die Wahlkampfagenda. Doch wie so oft geht es nicht um Hilfe für die Opfer, sondern nur um härtere Strafen.

Frauenhäuser, für die Betroffenen oft die letzte Zuflucht, kämpfen derweil mit alten und mit neuen Problemen: Mehr als 3.250 Frauen und Kinder haben im letzten Jahr in den 30 österreichischen Frauenhäusern Schutz gesucht. Immer öfter stammen sie aus Krisenregionen wie Afghanistan, Pakistan, dem Irak oder Syrien. Das verändert auch die Arbeit der Einrichtungen. Gleich geblieben sind die finanziellen Sorgen: Etliche Noteinrichtungen sind chronisch unterfinanziert.

Maria Imlinger leitet das Haus in St. Pölten seit über 20 Jahren. Die Arbeit habe sich seitdem deutlich verändert, sagt sie. Das beginnt schon beim Personal: Unter ihren 22 Mitarbeiterinnen sind vor allem Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagoginnen. Doch um mit den vielen Frauen aus unterschiedlichen Kulturen überhaupt reden zu können und um ihren familiären Kontext zu verstehen, bräuchte es viel mehr Dolmetscher und Psychotherapeuten, die zumindest Arabisch sprechen. Und die sind schwer zu finden.

In Wien arbeitet die Interventionsstelle gegen Gewalt an Frauen deshalb neuerdings mit Online-Dolmetschern zusammen, die per Skype zugeschaltet werden. Die Einrichtung ist eine Schnittstelle zwischen Frauenhäusern und Polizei: Sobald die Polizei eine Gewalttat meldet, kontaktiert die Interventionsstelle das Opfer, betreut und vermittelt es eventuell an ein Frauenhaus weiter. 4.000 polizeiliche Meldungen seien vergangenes Jahr eingegangen, sagt Rosa Logar, die Geschäftsführerin der Interventionsstelle.

336 Frauen wurden im letzten Jahr aus Platzmangel abgewiesen

In ihrem Büro in der Wiener Mariahilfer Straße ist es an diesem Nachmittag drückend heiß. Die Regale sind vollgeräumt mit juristischen Büchern und Aktenordnern. "Frauenhäuser waren schon immer ein Spiegel der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse", sagt Logar, "angefangen von den türkischen Gastarbeiterinnen, den polnischen Flüchtlingen zu Solidarność-Zeiten oder jenen nach dem Zerfall Jugoslawiens."

Logar war 20 Jahre alt, als sie mit Kommilitoninnen der Uni Wien das erste Frauenhaus in Österreich gründete. Das war im Jahr 1978. "Es gab damals keine Kameras oder Sicherheitsschlösser wie heute", erzählt die Frau mit der markanten roten Brille, "manchmal mussten wir die Männer mit den eigenen Händen abwehren, bis die Polizei kam." Die Frauen lagen anfangs auf Campingbetten oder Matratzen. Jeder Zentimeter wurde genutzt, denn die Nachfrage war von Beginn an da.

Damals waren es mehrheitlich österreichische Frauen, die Zuflucht suchten. Es sei viel Aufklärungsarbeit notwendig gewesen: "Oft gab es verblüffte Gesichter, als wir den Frauen gesagt haben, dass es nicht ihre eheliche Pflicht ist, mit ihrem Mann zu schlafen", erinnert sich Logar. Geändert habe sich in den fast 40 Jahren das Verständnis dafür, dass es sich bei psychischer Gewalt ebenso um eine Form von Gewalt handle, sagt sie.

Maria Imlinger beobachtet in St. Pölten eine weitere Entwicklung: "Die Frauen, die zu uns kommen, werden tendenziell immer jünger." Die älteste Bewohnerin im Haus der Frau ist derzeit zwar 74 Jahre alt, immer öfter kämen heute aber 20- bis 30-Jährige mit ihren Kindern.

Die meisten bleiben nur für ein paar Tage. Bis zu sechs Monate können es in Einzelfällen werden, etwa dann, wenn eine Scheidung vorbereitet wird. "Aber wir sind hier kein Hotel", betont Imlinger. Die Frauen versorgen sich selbst, betreuen die Kinder, kochen und putzen. Und sie müssen an den Terminen mit den Betreuerinnen teilnehmen. Wer einen Job hat, geht auch weiterhin arbeiten.