Einen Teil der G20-Aufarbeitung müssen die Gerichte leisten, einen Teil die Polizei – am wichtigsten aber ist der Beitrag der Politik. Mit Recht erwarten Bürger Antworten: Waren die Ausschreitungen während des Gipfels unvermeidlich, der Preis für ein politisch umstrittenes Großereignis in einer liberalen Demokratie? Waren sie, mit etwas Abstand betrachtet, womöglich nicht einmal so schlimm? Hat jemand Fehler gemacht, Politik, Polizei, Protestierende oder die Medien? Und wie sollte der Staat in Zukunft mit den Treffpunkten der autonomen Szene und deren Sympathie für politisch motivierte Gewalt umgehen?

Einfache Antworten sind kaum zu erwarten. Wer sich für die Aufklärung der Ausschreitungen und ihrer Umstände interessiert, kann inzwischen zum Einstieg die ersten 110 Seiten Wortprotokoll einer Sondersitzung des Hamburger Innenausschusses lesen. Das war aber nur das Präludium. An diesem Donnerstag beginnt der Sonderausschuss der Bürgerschaft zu G20 seine Arbeit, in einem Jahr soll er Ergebnisse liefern.

Wenn Politik sich um Aufklärung bemüht, schwankt sie gewöhnlich zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht die schnelle, zugespitzte und oft schwach begründete Meinungsäußerung, die für die Medien bestimmt ist. Das andere Extrem ist der Bericht aus dem Untersuchungsausschuss, gewöhnlich ein Dokument vom Umfang mindestens eines Telefonbuchs. Kein Mensch, der nicht dafür bezahlt wird, kann so etwas lesen, geschweige denn auf Plausibilität und mögliche Widersprüche prüfen. Am Ende bleibt dem interessierten Bürger nichts anderes übrig, als Medien oder Politikern zu vertrauen, die sich aus der unüberschaubaren Masse der Informationen diejenigen herauspicken, die ihnen wesentlich oder nützlich erscheinen.

Kurz erklärt - Wer gegen G20 auf die Straße geht Sie zelten, fahren auf der Alster und feiern gemeinsam gegen G20, aber die Demonstranten in Hamburg wollen nicht alle dasselbe. Was sie antreibt und was sie unterscheidet, erklären wir im Video.

Ein erstes Problem auf dem Weg zu einer parlamentarischen Aufklärung hat die Bürgerschaft soeben gelöst. Warum, hatte auch die ZEIT gefragt, soll ein Ausschuss unter rot-grüner Regie das Agieren einer rot-grünen Landesregierung und der von ihr beaufsichtigten Polizeikräfte untersuchen? Wäre ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss nicht besser, in dem die Opposition freie Hand hat, Fragen zu stellen und Akten einzusehen? Darauf haben die Regierungsfraktionen gemeinsam mit den Abgeordneten von CDU und FDP nun eine plausible Antwort gefunden: Sie haben sich auf eine Form der parlamentarischen Tatsachenermittlung verständigt, die einem Untersuchungsausschuss entspricht, zugleich aber dessen unerwünschten symbolischen Gehalt vermeidet.

Ein echter Untersuchungsausschuss, der auch Vertreter der Regierung vorladen und zur Not sogar vereidigen kann, hätte ohne Stimmen aus den Regierungsfraktionen kaum zustande kommen können. Mit Unterstützung aus dem rot-grünen Lager aber wäre er als Misstrauenserklärung der Bürgerschaftsmehrheit an die Adresse des eigenen Senats aufgefasst worden.

Dieses Dilemma hat das Parlament vermieden. Statt eines förmlich eingesetzten Untersuchungsausschusses ermittelt nun also ein Sonderausschuss, in dem die Vertreter der kleineren Fraktionen die gleichen Rechte genießen wie in einem echten Untersuchungsausschuss. Zeugen können zwar nicht nach Belieben vorgeladen werden, die Regierungsfraktionen haben aber versprochen, das Ihre zu tun, damit Senatsvertreter Rede und Antwort stehen. Auch Bürgermeister Olaf Scholz soll dreimal vernommen werden, kündigt die CDU bereits an.

Mindestens genauso wichtig ist die Ausstattung des Ausschusses. Parlamentarische Untersuchungsausschüsse wie der zur Elbphilharmonie bewältigen die immense Arbeitslast mithilfe eines eigenen Stabs von Mitarbeitern, der von einem qualifizierten Juristen geführt wird. Für den G20-Ausschuss finanziert das Parlament nun allen Fraktionen jeweils eine volle Stelle für einen oder mehrere Mitarbeiter, die dann hauptberuflich G20-Ermittlungen betreiben können. Und für Bürger, die der Vorgang interessiert, soll es öffentliche Sitzungen, Livestreams und Wortprotokolle geben.

Die Fragestellung des Ausschusses ist umfassend: Es geht um die Planung der Polizei, um "Tat-, Täter- und Unterstützungsstrukturen" sowie "weitere relevante Umstände". Das ist ein Arbeitsauftrag, der hinreichend weit gefasst ist, um die Verheimlichung peinlicher Sachverhalte unter dem Vorwand, sie gehörten nicht zur Fragestellung, auszuschließen.

Ebenso umfassend ist das Aufklärungsbegehren der Abgeordneten: Sie verlangen Einsicht in "sämtliche Akten, Vorgänge, E-Mails, Video- und Audiodokumente, Gutachten, Lageerkenntnisse, Einsatz- und Lagepläne, Einsatzberichte, Verträge und sonstige Unterlagen sämtlicher Behörden". Erst wenn all diese Dokumente vorliegen, beginnt die Arbeit des Ausschusses.

Und wann soll das sein? Auch in dieser Frage hat das Parlament ein kluge Entscheidung getroffen. Die Frist zur Vorlage der verlangten Dokumente endet am 30. September, vier Tage nach der Bundestagswahl.