Damals habe er eine Lateinklausur geschrieben, der Aufsichtslehrer habe Klassenarbeiten korrigiert, und diesem sei die rote Tinte ausgegangen. Der junge Hermann solle doch Ersatz aus der Nebenklasse besorgen. Dort unterrichtete sein Vater, Hauptfächer Altgriechisch und Latein. Verführerisch. "Natürlich fehlten mir einige Vokabeln", erinnert sich Hermann Gröhe, "aber es wäre mir im Traum nicht eingefallen, ihn danach zu fragen."

Hermann Gröhe, Sohn aus bildungsbürgerlichem Hause, Christ, Menschen- und Kunstfreund. Und Bundesgesundheitsminister. Andrea Fischer (Grüne), Ulla Schmidt (SPD), Philipp Rösler und Daniel Bahr (FDP) – für gewöhnlich stehen Namen von Gesundheitsministern für Kampf und Krampf in der Politik. Immer ist zu wenig Geld da, die Minister versuchen das krumm und schief gewachsene Gesundheitssystem mit der Brechstange zu reformieren. Ärzte und Pflegepersonal sind vergrätzt, Patienten aufgebracht, die Pharmaindustrie nörgelt, die Minister sind angezählt. Doch diesmal: keine Skandale, keine provokanten Aktionen. Es ist ruhig. Manche fragen sich: Was macht der Gröhe eigentlich die ganze Zeit?

Essen wie in der Kantine, Rechnung wie in einem Fünf-Sterne-Restaurant: So lautet die alte Klage über das deutsche Gesundheitswesen. Auf dem Land fehlen Ärzte, in den Kliniken quellen die Notfallambulanzen über, das Personal ist ebenso entnervt wie die Kranken; resistente Keime breiten sich aus; die medizinische Behandlungsqualität im Land ist ärgerlich unterschiedlich; wer kein Privatpatient ist, wartet auf Termine beim Facharzt; die Pharmaindustrie lässt sich ihre Innovationen vergolden. Eine Grundrenovierung des Systems wäre überfällig.

Zuletzt hat sich Ulla Schmidt daran verhoben. Sie wollte Krankenkassen und Hausärzte stärken und legte sich mit den Fachärzten an. Der aktuelle Koalitionsvertrag aber sieht keine Revolution vor. Stattdessen waren viele kleinteilige Korrekturen und ein paar größere Würfe geplant. Eine Mission, wie geschaffen für Hermann Gröhe – für einen Politiker, der lieber Konsens statt Kontroverse praktiziert. "Eher Kammermusik als Radau", wie er sagt. Und er hat es fleißig durchgezogen: 28 Gesetze und 40 Verordnungen hat sein Haus unter Dach und Fach gebracht. Häkchen dran.

Doch viele Bürger spüren offenbar nichts davon. In einer Emnid-Umfrage im August landete der 56-jährige CDU-Minister auf dem drittletzten Platz im Beliebtheitsranking. Nur Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Verkehrsminister Alexander Dobrindt schnitten schlechter ab.

Der größte Durchbruch in seiner Ära war die Pflegereform

Ein Grund: Vieles konnte seine Wirkung noch nicht entfalten. Über manches aber freuen sich bereits Patienten. Einer der größten Erfolge war die Reform der Pflege mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz 2015. Was abstrakt klingt, hat große Auswirkungen für Betroffene. Nun ist es für gewährte Hilfe beispielsweise wichtiger, welche Bedürfnisse ein Mensch hat, welche Fähigkeiten ihm im Alter noch geblieben sind und wie sich seine Selbstständigkeit fördern lässt. So werden geistige und psychische Einschränkungen stärker berücksichtigt, Demenzkranke endlich besser versorgt. Insgesamt 500.000 Menschen erhalten dadurch erstmals Leistungen. Zusammengenommen kostet die Reform fünf Milliarden Euro jährlich.

Gröhe gelang damit eine notwendige Anpassung an den demografischen Wandel, ein Triumph für den Gesundheitsminister ist es dennoch nicht. Denn von der Reform profitierte eine Gruppe, die nicht laut jubelt. "Zwar freuen sich die Angehörigen und die Patienten über die Veränderungen", sagt der Minister, "solange aber die Altenpfleger und Pflegerinnen nicht spüren, dass es ihnen besser geht, wird das kaum öffentlich kommuniziert." Nun soll es weitergehen, die Pflegeberufe sollen attraktiver werden, die Zahlung von Tariflöhnen wurde gestärkt, eine Reform der Ausbildung ist gerade angestoßen. Die Pflege muss noch ihre eigene, starke Stimme finden. "Im Mai habe ich auf dem 120. Ärztetag gesprochen – und im März auf dem erst vierten Pflegetag." Gröhe hat sich bewusst als Fachpolitiker profiliert und die lauten Talkshows jenseits der Gesundheitspolitik eher gemieden.

So ist die schlechte Bewertung durch die Bürger wohl eher Ausdruck einer wachsenden Ungeduld. Die Lage spitzt sich schneller zu, als neue Gesetze greifen können. In vielen Notaufnahmen herrscht ein aggressives Klima; Ärzte reden noch immer an den Patienten vorbei; Servicestellen sollen zwar einen Behandlungstermin in vier Wochen organisieren, fordern aber für die schnelle Vermittlung einen zwölfstelligen Dringlichkeitscode vom Hausarzt. Dort heißt es wieder warten. Die Folge: Wenige Patienten fragen nach, die Ärztekammern bezeichnen den Service als Flop.

Viele Experten aber sind nicht nur mit der freundlichen Art des Ministers zufrieden, sondern auch mit seiner Arbeit. "Meine Bilanz seiner Tätigkeit ist ausgesprochen positiv", sagt Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery. "Ich habe noch nie zu einem Gesundheitsminister einen so guten, kommunikativen Draht gehabt." Es mag geholfen haben, dass sich Montgomery und Gröhe in bioethischen Fragen nahe sind, beide lehnen die organisierte Sterbehilfe ab.

Gröhe begegnet den Menschen mit Respekt, hört zu und merkt sich viel. "Ich habe das Glück, eine ganz gute Festplatte zu haben", sagt er. Wenn er in seinem etwas zu großen Sakko, in grauen Jeans und ohne Schlips vor den herausgeputzten Spitzenkräften der Medizinischen Hochschule Hannover steht, umgibt ihn mehr die Aura eines aufmerksamen Primaners als die eines Chefs. Er ist nahbar. "Die Ausbildung von uns Juristen ist ja am Leitbild des Richters ausgerichtet", erklärt er und will damit wohl sagen: Ich sorge für Ausgleich, nicht für Polarisierung. Und so verwundert es nicht, dass der Neuling in der Gesundheitspolitik sanft landete. "Ich habe nie die Erfahrung gemacht, dass mir jemand etwas Übles will."