Aus heutiger Sicht fällt es schwer, zu glauben, dass Harvey vor zwei Wochen eigentlich schon erledigt war. Kaum mehr als ein Datensatz für die Archive der Meteorologen war er da am 17. August. Über dem Atlantik, nördlich von Guyana, hatten sie ihn ausgemacht. Als gewöhnlicher tropischer Sturm war er über die Inselgruppe der Kleinen Antillen hinweggezogen, weiter durch die Karibik und von Südosten her über die mexikanische Halbinsel Yucatán – ein Sommersturm wie so viele andere.

Was dann geschah, ist eine Tragödie, aus der man gleich mehrere Lehren ziehen kann: über Naturgefahren und den menschlichen Beitrag, über Planungsmängel und Kurzsichtigkeit – und dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können.

1. In der Wetterküche

Als Harvey den Golf von Mexiko erreichte, begann für die Millionenmetropole Houston das Unheil. Denn das Randmeer ist eine brodelnde Wetterküche, eine thermische Tankstelle voller Energie für durchziehende Unwetter.

Ein Blick von oben zeigt, weshalb. Fast rundherum ist der Golf von – überwiegend tropischem – Land eingefasst, nur zwei Verbindungen zum Atlantik existieren: eine flache zwischen Florida und Kuba, eine tiefere zwischen Kuba und Mexiko. Und obwohl der Golf in seiner Mitte mehr als vier Kilometer tief ist, liegen doch unter fast der Hälfte seiner Fläche Kontinentalschelfe, die nur von seichtem Wasser bedeckt sind.

Und so wird das Oberflächenwasser hier warm, im Sommer durchschnittlich 30 Grad Celsius. Das ist wichtig, denn Hurrikane können sich nur über Wasser bilden, das mindestens 26,5 Grad hat. Vor der texanischen Küste haben Wissenschaftler der Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA in der vorletzten Augustwoche sogar bis zu 32 Grad gemessen. Entsprechend aufgeheizt und aufgeladen traf Harvey als Hurrikan der zweithöchsten Kategorie am 25. August auf Land. Nur gut zwanzig Mal haben Hurrikane der Kategorien 4 oder 5 seit 1851 die US-Küste getroffen. Und dieser hier war ein Geschöpf des Golfs von Mexiko.

2. Zutaten für eine Katastrophe

Welche Faktoren haben aus einem für die Gegend typischen Wetterphänomen ein historisches Unglück gemacht? Die erste Zutat ist das Tempo, genauer: das fehlende Tempo. Aus der Satellitenperspektive zeigt sich das besonders deutlich: Zwei Aufnahmen haben die Satelliten Suomi NPP und GOES am Wochenende von der texanischen Küste gemacht, zwölf Stunden lagen dazwischen, aber das Auge des Sturms hatte sich kaum verschoben. Was texanische Politiker jetzt gern als Ausnahmesituation beschreiben, ist aus meteorologischer Sicht keine. "Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass Tropenstürme viel Regen bringen und historische Überschwemmungen verursachen. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass sie ins Stocken geraten oder langsam durch eine Gegend mäandern, über der dann intensiver Niederschlag auftritt", sagt Matthew Kelsch vom National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado. Kelsch ist Hydrometeorologe und hat einige der größten von Stürmen verursachten Überflutungen der US-Geschichte analysiert.

Aktuell waren für das Schneckentempo zwei Hochdruckgebiete verantwortlich, die den Sturm gleichsam einklemmten. "Harvey kriecht mit knapp zwei Kilometern pro Stunde Richtung Südsüdost", beschrieb die Nasa die Lage am Wochenende, "und eine langsame südöstliche oder ost-südöstliche Bewegung wird für die nächsten paar Tage erwartet." So kam es. Während die Drehkraft des Sturms sich an Land zusehends abschwächte, brachte er dort Regen. Zu Wochenbeginn warnte der National Weather Service dann für einige Orte vor noch nie da gewesenen Niederschlagsmengen.

Es gibt viel Beton in Houston

Möglich wurde dieser Rekordregen erst durch den zweiten Faktor, die Topografie. "Dieser Sturm hat sich nicht so schnell abgeschwächt wie andere", erklärt Kelsch. "Gründe dafür sind seine Position und das sehr flache Terrain in Küstennähe." Tatsächlich zog das Zentrum des Sturms im Lauf der Woche noch einmal aufs Wasser hinaus, tagelang drehte er sich über aufgeheiztem Küstenland, dessen Wärme ihm Kraft gab wie zuvor der Golf ("brown ocean effect" nennen das die Fachleute). Meteorologe Kelsch sagt: "Solange er sich weiter dreht, kann der Sturm auch weiter mit Meeresfeuchtigkeit die Regenbänder füttern, die um sein Zentrum rotieren." So war lange für Wassernachschub gesorgt.

Neben Tempo, Position und Landschaftsform gibt es aber noch eine vierte, indirekte Zutat. Geradezu reflexhaft fragt man sich ja inzwischen bei jedem Extremwetterereignis: Liegt das jetzt am Klimawandel? "Der Sturm Harvey wurde nicht durch den Klimawandel verursacht", betont Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Aber seine Auswirkungen wurden sehr wahrscheinlich durch die vom Menschen verursachte globale Erwärmung verschlimmert." Denn steigende Meerespegel verschärfen Sturmfluten. Und je mehr Wasser in die Bucht vor Houston drückt, desto weniger Wasser kann aus der Stadt abfließen.

Wärmere Meere geben zudem mehr Wasser in die Luft ab, und wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Das lässt sich sogar schon in der Wetterstatistik ablesen. So hat PIK-Forscher Jascha Lehmann vor zwei Jahren herausgefunden, dass binnen der vergangenen 30 Jahre die Rekordwerte für Tagesniederschläge zugenommen haben – weltweit.

Houston, Stadt der Risiken

© ZEIT-Grafik

3. Vorgeschichte aus Beton

Es gibt viel Beton in Houston, der viertgrößten Stadt der USA. Und es wird immer mehr. Denn Houston ist eine der am schnellsten wachsenden Städte im Land. Im Jahr 2000 lebten 4,7 Millionen Menschen in der Metropolregion, heute sind es 6,5 Millionen. Weitere drei Millionen Einwohner werden nach aktuellen Prognosen in den nächsten drei Jahrzehnten hinzukommen.

Dabei beginnt Houstons Erfolgsgeschichte mit einer Naturkatastrophe, welche die gegenwärtige bei Weitem übertrifft. Sie hätte eine Warnung sein müssen: Es ist gefährlich, am Golf von Mexiko eine Stadt zu errichten!

Am 8. September 1900 rast ein Hurrikan mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde auf die Stadt Galveston und ihren Hafen zu, den damals wichtigsten von Texas und drittgrößten der USA. Die höchste natürliche Erhebung von Galveston liegt 2,60 Meter über dem Meeresspiegel, die Flutwelle ist zwei Meter höher. Die Stadt, auf einer lang gestreckten Insel vor Houston gelegen, wird fast vollständig zerstört. Mehr als 3.800 Häuser werden vernichtet. Der Galveston Hurricane geht in die amerikanische Geschichte ein als die Naturkatastrophe mit den meisten menschlichen Opfern. 8.000 der 38.000 Einwohner sterben.

Heute ist Galveston ein unbedeutendes Städtchen, gewissermaßen das Strandbad von Houston. Hier haben die Wohlhabenden ihre Wochenendhäuser. Der wichtigste Hafen von Texas liegt heute am Buffalo Bajou. Das ist – mit dem Meer verbunden durch einen 18 Kilometer langen und 14 Meter tiefen Kanal – mitten in der Metropole.

Auf die Katastrophe von Galveston folgt der Boom von Houston, getrieben vom Wachstum des Hafens und vor allem vom Öl. 1901 wird in der Nähe ein gewaltiges Vorkommen gefunden. Mehr als ein Jahrhundert lang bestimmt der globale Ölpreis die Geschicke der Stadt. Heute ist Houston nicht mehr nur vom Öl abhängig. Dienstleistungsunternehmen haben sich angesiedelt, Anwaltsfirmen, mehrere Universitäten. Allein am Texas Medical Center arbeiten mehr als 106.000 Menschen. Alle 20 Minuten wird dort ein Baby geboren, alle 40 Minuten ein Herz operiert.

Das weite, flache Land verführt zur Verschwendung

4. Wachstum um jeden Preis

Das Medical Center ist eine eigene Stadt mit eigener Skyline, geplant und strukturiert. Houston selbst ist das Gegenteil davon. Die Metropole wuchert. Das Baugewerbe boomt – was für weitere Arbeitsplätze und weitere Zuzüge sorgt. Eine Stadtplanung im europäischen Sinn existiert nicht. Wer genügend Geld hat, kann Land erschließen und darauf ein neues Stadtviertel gründen, mal für 20.000 neue Einwohner, mal für 100.000.

Mit jedem weiteren Menschen kommt neuer Beton. Er wird für Parkplätze ausgegossen und für Straßen. Er lässt Häuser wachsen, Garagen und die dazugehörigen breiten Auffahrten. Die meisten Zugezogenen bauen sich ein Einfamilienhaus, das kann sich hier auch die Mittelschicht leisten. Land gibt es schließlich reichlich.

Das weite, flache Land verführt zur Verschwendung. Schon bei der Gründung von Houston wird die Texas Avenue im Zentrum so großzügig angelegt, dass vierzehn texanische Longhorn-Rinder nebeneinander Platz haben. Auch heute frisst sich die Großstadt um breite Highways in die Fläche. Wegen der Hitze im Sommer fahren alle mit dem Auto, niemand geht zu Fuß. Höchstens in einem der Tunnel, die kilometerlang unterirdisch die Bürohäuser verbinden, trifft man auf Fußgänger.

"Unser Problem ist menschengemacht", sagt Sam Brody von der Texas A&M University in Galveston. Der Direktor des Forschungszentrums für die texanischen Strände und Küsten hat einen Risikoatlas für die Region entwickelt. Grundstück für Grundstück können Umzugswillige und Immobilienkäufer bei Buyer Be-Where nachsehen, wie hoch ihr relatives Überflutungsrisiko ist.

Brody wird seinen Atlas immer wieder aktualisieren müssen: Mit jedem Neubau, jeder Straße, jedem Kubikmeter Beton wird sich das Risiko ausbreiten. Zwei Auffangbecken oberhalb der Stadt, das Addicks- und das Barker-Reservoir, sind der einzige nennenswerte Hochwasserschutz, angelegt vom Army Corps of Engineers um 1940. Beim Bau lagen sie fünfzehn Meilen vor der Stadt, heute sind sie von Wohngebieten umrahmt. Kurz vor Redaktionsschluss am Dienstagabend begannen die Reservoirs überzulaufen.

Viele kleine Bäche sind kanalisiert, begradigt und betoniert. Das macht das Wasser schnell. Die Stadt ist flach und niedrig gelegen – und so breitet sie sich auch aus. Sie wuchert in die flache Prärie hinein. Das macht sie für Stürme und Fluten zum perfekten Opfer. 2009, 2015 und 2016 stehen weite Bereiche von Houston unter Wasser.

Jedes Mal sind auch Häuser betroffen, die der offizielle 100-Jahre-Flutplan als ungefährdet ausweist. Im Juni 2001 werden beim Tropensturm Allison 73.000 Häuser und 95.000 Autos überflutet. 22 Menschen kommen ums Leben. Und jeder Hektar Prärie, der rund um die Stadt zugepflastert wird, vergrößert das Ausmaß künftiger Katastrophen, macht sie schwerer beherrschbar.

5. Trumps erster Hurrikan

Am Montagnachmittag tritt Donald Trump im East Room des Weißen Hauses in Washington vor die Mikrofone und lobt sehr ausführlich, wie großartig und erfolgreich lokale Behörden und Freiwillige in Texas und Louisiana zusammenarbeiten. Und tatsächlich sind die Behörden vorbereitet und vernetzt. Wo sie nicht helfen können, springen die Nachbarn ein. Houstons Einwohner rücken zusammen.

Auch Trump hat bislang alles richtig gemacht. Er hat sich mit seinem Kabinett getroffen, er steht mit den Behörden und den Gouverneuren von Texas und Louisiana in Kontakt. Am Dienstag fliegt er nach Texas. Diese Krise ist wie für Trumps Instinkte gemacht. Sie ist groß, bedrohlich, und sie führt ihn mitten hinein ins Geschehen.

Mit konkreten Aussagen zur Hilfe hält Trump sich zurück. Würde er die Gelder, die er für die Mauer an der Grenze zu Mexiko bewilligt haben möchte, für die Katastrophenhilfe opfern?, fragt ihn ein Journalist im East Room. Nein, antwortet Trump, aber keine Sorge, Texas werde geholfen.

Trump will selbst an den Katastrophen sparen

Trump steht vor einem Problem, das alle Präsidenten haben. Die Naturkatastrophen nehmen zu, und ihre Kosten steigen. Wer soll dafür bezahlen?

Trump scheint die Antwort, die schon die Obama-Regierung auf diese Frage gegeben hat, zu übernehmen: Die Bundesstaaten und Kommunen sollen einen Hauptteil der Kosten tragen. Obamas Kalkül war dabei, dass der Klimawandel auf diese Weise auf lokaler Ebene ernster genommen und politisch mehr dagegen getan werde. Doch der Widerstand war zu groß.

Trumps Kalkül ist ein anderes. Er will selbst an den Katastrophen sparen. Erst am 15. August hat er die Bauauflage aufgehoben, derzufolge Straßen und Brücken in Zukunft so geplant werden müssen, dass sie den Folgen des Klimawandels standhalten, also stärkeren Hurrikanen oder einem steigenden Meeresspiegel. Trump möchte zudem das Budget des staatlichen Katastrophenhilfswerks FEMA um 667 Millionen Dollar kürzen – und damit auch Zuschüsse für Städte wie Houston.

6. Es ginge noch schlimmer

Gustav, Rita oder Hermine – ein Dutzend tropische Wirbelstürme haben in den vergangenen zehn Jahren die texanische Küste getroffen. Mehrmals ist Houston knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Dass sie irgendwann kommen muss, ist spätestens seit 2008 klar, als Hurrikan Ike die Stromversorgung für Millionen Haushalte kappt, die Glasfenster vieler Hochhäuser zerschmettert und eine bis zu sechs Meter hohe Flutwelle in den Houston Ship Channel drückt.

Der 80 Kilometer lange Wasserweg führt durch das Herz der US-amerikanischen Petrochemie. Er verbindet die Ölförderplattformen im Golf von Mexiko mit den Raffinerien und Chemiefabriken im Großraum Houston. Ein Viertel des Benzins, drei Fünftel des Flugzeugtreibstoffs und zwei Fünftel aller Grundchemikalien der USA werden hier produziert. Houston ist auch der Ausgangspunkt der Colonial Pipeline, die jeden Tag 400 Millionen Liter Treibstoff und Heizöl quer durch die USA bis nach New York transportiert. Jeder Stromausfall legt die Pumpen lahm.

Houstons Industriegebiete liegen nur vier bis sechs Meter über der Wasserlinie. Zu wenig, wie Modellrechnungen zeigen. "Mighty Ike" heißt eines dieser Szenarien, es wurde am Zentrum für Sturmvorhersage (SSPEED) der örtlichen Rice University entwickelt. Demnach würde schon ein mittelschwerer Hurrikan den Wasserspiegel im Ship Channel um bis zu zehn Meter steigen lassen, falls er am empfindlichsten Punkt auf die Küste träfe. Ähnlich hoch war die Flutwelle, mit der Hurrikan Katrina New Orleans überschwemmte. Der Unterschied: Dort hatten einige Deiche versagt, inzwischen wurden sie erneuert. Um Houston gibt es überhaupt keine Deiche.

"Nach Ike waren sich alle einig: Es muss etwas getan werden", erinnert sich Phil Bedient, Direktor des SSPEED. "Nur passiert ist sehr wenig. Und jetzt haben wir den Salat." Hurrikan Harvey ist mit seinen Regenmengen gefährlicher, als Ike es war, die Region ist in den vergangenen zehn Jahren noch verletzlicher geworden. Allein für die Petrochemie wurden hier Dutzende Milliarden Dollar investiert.

Immerhin gibt es inzwischen einen Plan. Er heißt "coastal spine" (Küstenrückgrat) und enthält neben einer verbesserten Entwässerung Houstons und neuen Deichen entlang der Küste auch ein riesiges Hochwasser-Sperrwerk. Nur ist die Finanzierung noch völlig unklar. Im April dieses Jahres hatte George P. Bush, Neffe des früheren US-Präsidenten George W. Bush und gewählter Aufseher über die Einnahmen aller texanischen Staatsbetriebe, in einem Brief an seinen Parteifreund Donald Trump um einen Zuschuss von 15 Milliarden Dollar gebeten. Eine Antwort hat er bis zur Katastrophe von Houston nicht bekommen.