Die Frage, ob Stülers über dem Eosanderportal des Berliner Schlosses errichtete Kuppel mitsamt ihrem Kreuz rekonstruiert werden solle, beschäftigte unlängst sogar den Evangelischen Kirchentag mit beträchtlicher Leidenschaft. Der Fall ist symptomatisch. Und es war nicht das erste Mal, dass über die Erörterung des Humboldt Forums allgemeine Fragen diskutiert wurden, die weit über den Anlass hinausgingen. Warum?

Offenkundig ist das Humboldt Forum zu einer riesigen Projektionsfläche geworden, auf die sich die gedanklichen Scheinwerfer zahlreicher Diskurse richten. Die objektiv nicht zu leugnenden Probleme, die ein Projekt dieser Größe und Vision mit sich bringt, verbinden sich mit öffentlichen Diskussionen spezifischer Themen, die andernorts ohne Konkretion bleiben. Das Humboldt Forum zieht allgemeine Grundstimmungen an, um diese zurückzuspiegeln: in Verstärkung oder auch Verzerrung. Als designiertes "Forum" ist die werdende Institution, wie es die Gründungsintendanz mit Neil MacGregor, Hermann Parzinger und mir nicht müde wird zu betonen, genau jener Platz, der zum öffentlichen Austausch, zur Diskussion und zum Zweifeln einladen soll.

In den Pressebeiträgen der letzten Monate dominierten indes lustvolle Bezeugungen des generellen Scheiterns. Angesichts dessen, was unter enormem Zeitdruck bisher erreicht wurde, zielt die Negativität dieser Stimmen jedoch am Faktenstand vorbei. Was die Architekten und Bauleute leisten, grenzt an ein Mirakel. Während der Tage der offenen Tür Anfang Juni haben knapp 40.000 Besucher all dies mit Staunen und Begeisterung zur Kenntnis genommen, und an diesen Tagen hat auch das Programm, das seitens der Gründungsintendanz sowie der Humboldt Forum Kultur GmbH vom Vormittag bis nach Mitternacht durchgeführt worden ist, einen ersten Eindruck davon geben können, was dieses Bürgerhaus anzubieten und zu fordern imstande sein kann.

Nicht Rekonstruktion, sondern paradoxe Moderne

Das Phänomen der vorgeprägten Wahrnehmung zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Bewertung der Architektur. Je schneller und zügiger das Bauwerk errichtet wird, desto stärker äußert sich jene Abwehr der historischen Rekonstruktion, die seit Joachim Fests Aufruf zur Wiedererrichtung des Berliner Schlosses im Jahr 1990 nicht mehr verstummt. Dies aber ist verwunderlich, weil der Augenschein und das Raumgefühl keinesfalls den Eindruck bloßer Rekonstruktion vermitteln, sondern den einer paradoxen Moderne. Stellas Architektur führt zunächst den Bau Schlüters wieder auf, um ihn im selben Moment gezielt zu brechen. Die Konfrontation etwa des im Juni enthüllten Eosandertores mit der umgebenden Form des italienischen Rationalismo führt beide Formwelten als Theater ihrer selbst zusammen. Wer vorurteilslos in das Atrium tritt, hat nicht den Eindruck eines historischen Zwangsapparates, sondern einer kalkulierten Mischung aus Erhebung und Irritation. Und bereits jetzt definieren sich die Höfe nicht als Inklusionen, sondern als sich öffnende Stadtplätze. Auf diese Weise entsteht kein Palast, sondern ein neuer Stadtteil. Schließlich setzt die Formschärfe des Ostflügels gegenüber dem Berliner Dom einen minimalistisch formstarken Kontrast. Aus Sicht des Bundestagsbeschlusses von 2002, die historische Fassade zu rekonstruieren, erscheinen all diese auf Widersprüche und Paradoxien ausgerichteten Motive als eine durchaus subversive Umsetzung dieser Bauaufgabe. Die Kritiker, dies könnte sie überzeugen, sind inkludiert.

Gegenwärtig vollzieht sich ein ähnlicher Vorgang mit Blick auf die Kolonialzeit. Vor sechzehn Jahren wurde es als große, die Bundesrepublik auszeichnende Tat erachtet, dass die in Berlin-Dahlem bewahrten Sammlungen in das Berliner Schloss und damit an jenen Ort zurückkehren würden, wo sie sich bis 1855 befunden haben. Keine Gemeinschaft hat bislang Ähnliches konzipiert. Erstmals werden die außereuropäischen Kulturen im Herzen einer Nation auf eine prachtvolle Weise erhöht, wie dies an keinem anderen Ort geschehen ist und wohl auch nicht mehr geschehen wird. Dies war die Grundidee, die Peter Klaus Schuster in dem im letzten Jahr erschienenen Wagenbach-Band Das Humboldt Forum. Zur Wiedergewinnung der Idee als Heureka-Moment beschrieben hat. Ein Vergleich mit Paris mag verdeutlichen, was sich hier vollzieht: Die Objekte außereuropäischer Kulturen werden nicht im Museum von Quai Branly, sondern im Louvre stehen.

Die Herkunft der Exponate wird erforscht

Sechzehn Jahre nach diesem Momentum von 2001 ist das, was Antonio Gramsci die kulturelle Hegemonie nennt, in dieser Frage umgesprungen. Nicht die Wertschätzung der Exponate fremder Kulturen, sondern die hypostasierte Schuld, diese zu besitzen, steht gegenwärtig im Fokus. Vonseiten der Dahlemer Museen wie auch von Hermann Parzinger ist immer wieder betont worden, welche Anstrengungen mit Blick auf die Provenienzforschung bereits unternommen wurden. Vieles steht noch bevor. Für die dortigen Bestände sollen auf Grundlage bereits erbrachter Forschungen circa 10.000 Objekte in ihrer Provenienz bestimmt werden, was angesichts der Schwierigkeiten bei allen Aspekten der Provenienzforschung einen enormen Anspruch darstellt. Dass die Erwerbungsgeschichte der Kolonialzeit massiv erforscht wird, steht außerhalb jeder Diskussion. Es gehört zur Pflicht des Humboldt Forums, dieses Thema nach allen Seiten hin zu erörtern. In dieser Frage ist jede Kontroverse fiktiv.

Das nicht ansatzweise ausgeleuchtete Problem stellt sich vielmehr mit Blick auf die vorkoloniale Sammlungsgeschichte. Die Fixierung der öffentlichen Diskussion auf die Kolonialzeit hat diese Geschichte des Sammelns überblendet. In den Sammlungen des Berliner Schlosses wurden mit den Bereichen der Naturkunde, der Kunst und der Völkerkunde eine Universalität geprobt, die staunen lässt. Mit Blick auf die außereuropäischen Exponate der Kunstkammer des Schlosses hat Franz Kugler im Jahr 1842, im Klima des Vormärz, die erste jemals verfasste, liberale Weltkunstgeschichte vorgelegt. Diese Sammlungen standen in einem Zusammenhang, der das gesamte Feld der neu gegründeten Berliner Universität betraf, und aus diesem Grund erbte sie einen Teil der Sammlungen, was unter anderem, nach Jahrzehnten unablässigen Sammelns und Forschens, zur Auslagerung des Museums für Naturkunde führte. All dies begründet, dass die Bestände der Dahlemer Sammlungen und die Museen und Archive der Universität zu Zwillingskindern des Schlosses wurden.

Wissbegierde und Empathie

Es wäre für die gegenwärtigen Debatten von Nutzen, sich diese Rahmenstellung zu vergegenwärtigen. Die Wege des Sammelns und Forschens werden immer wieder, selbst wenn kein kolonialer Hintergrund gegeben war, als Nebenprodukt der imperialen Verkehrswege bewertet. Aber wer wollte ernsthaft annehmen, dass etwa der Große Kurfürst in seiner Hochschätzung der chinesischen Kultur, die Berlin zu einem Zentrum von Sinia hat werden lassen, von hegemonialem Denken ausgegangen sei? Und ist Gottfried Wilhelm Leibniz’ Verehrung der chinesischen Wissenschaft und Mathematik, ist die China-Mode des 18. Jahrhunderts eine dissimulierte Selbstüberhöhung? Eine solche Annahme kann nicht anders als in Kategorien der Über- oder Unterordnung denken, um jedwedes Problem auf die Streckbank der Machtfrage zu legen. Die lähmende Ausblendung der kostbaren Kategorie der Wissbegierde, curiositas, als Grundbedingung jeder Empathie dem Fremden gegenüber, unterstellt zugespitzt, dass jeder, der eine fremde Sprache lernt, kurz davor steht, die Hauptstadt des betreffenden Landes zu besetzen.