In unserer Platte lebte eine sehr alte Nachbarin, Frau Wünsch. Wie alt sie war, wollte sie nie verraten. Sie kam zu uns, um mit meiner Mutter zu reden, und schüttete, wenn sie Kaffee hingestellt bekam, noch eine Schippe Instantkaffee extra in die Tasse. Das Glas mit dem Instantkaffee verstaute sie dann wieder in ihrer Handtasche.

Die Gespräche verliefen stockend. Es waren die frühen Neunziger. Die DDR war weg. Unser Land. Auch ihr Land. Sie war Überlebende der Schoah und hatte einen Kanarienvogel. Sie und meine Mutter saßen da, am Esstisch, und waren zu Verwaltern ihrer Geschichte geworden. Das große Schweigen setzte ein, noch größer als das, das uns ja ohnehin umgab. Sie, und uns.

Die Frage kam irgendwann auf, wie sie ihre letzten Jahre gestalten wolle, ob sie nicht einmal Israel besuchen möge. Frau Wünsch winkte ab und sagte: "Nein, nein, mein Bluthochdruck."

Es war eine unendliche Traurigkeit, die sie umgab. Was sollte sie in Israel? Sie kannte niemanden dort. Keinen. Es war bis zum Mauerfall ein Sehnsuchtsort gewesen. Nun war die DDR Niemandsland geworden und mit ihr die ganze Welt. Am Ende dieses traurigen Gesprächs stand die Erkenntnis, dass ihre, Frau Wünschs, Identität begrenzt war – auf die einer Jüdin, die die Welt, in der sie lebt, weder kennt. Noch als Ort der Geborgenheit erlebt. Und je größer sich der Raum der Welt öffnete, desto leerer wurde er. Es war ihr lieber gewesen, sich nach Israel zu sehnen, als wäre dieses Land tatsächlich unerreichbar.

In dieser Zeit hatten sich weder Deutschland noch die erstarkenden Neonazis für Israel interessiert, in ihren Augen und in den Augen vieler, vieler Deutscher gab es Juden einfach nicht mehr. Und was es nicht gab, konnte man schlecht ausgrenzen.

Heute ist Antisemitismus wieder ein riesiges Problem, und heute scheinen es die Ostdeutschen zu sein, die besonders fremdenfeindlich sind. Man muss Keinland auch vor diesem Hintergrund sehen, diesen Liebesroman der in Leipzig geborenen Schriftstellerin Jana Hensel. Denn Keinland ist auch ein ostdeutscher und ein ostdeutsch-jüdischer Roman. Dem Mann, den die Hauptfigur in diesem Roman liebt, geht es mit Israel, wie es auch Jana Hensel immer mit den Ostdeutschen geht: um Verteidigung, um Rechtfertigung und das Überleben der eigenen Identität. Und das wird ohne die Opferkonkurrenz erzählt, die man vielleicht erst einmal vermuten würde, wenn man sich die tragische Handlung des Romans vor Augen führt.

Nadja, die Ich-Erzählerin, berichtet in einem, ja, fast Klagelied von ihrer unglücklichen Liebe. Sie ist eine Journalistin, die aus Ostdeutschland kommt, augenscheinlich in Prenzlauer Berg lebt und bei einer Zeitung arbeitet. Sie verliebt sich in den deutlich älteren Martin. Martin lebt in Israel, geht einer seltsamen Arbeit bei einer "Agency" nach und ist Sohn von Schoah-Überlebenden. Er stammt ursprünglich aus Frankfurt. Nach anfänglicher Annäherung zieht er sich zurück, "verscheucht sie, wie ein lästiges Tier". Die Liebesbeziehung ist, bevor sie beginnen kann, zu Ende. Martin ist schnell unerreichbar. Es gibt viel Streit und viele Versuche, sich zu verstehen. Am Telefon, per Mail. Es gibt nur wenige Begegnungen.

Nadja und Martin sind Stellvertreter. Nadja, die Deutsche, die zunächst ziemlich selbstvergessen durch ihre Geschichte gondelt. Und Martin, der Jude, der in Israel lebt, und die Toten nicht loswird, nicht loswerden kann. Womit würde sich wohl eine Tochter der beiden herumschlagen?

Fast obsessiv versucht Nadja, diesen Mann zu verstehen. Ihm auf eine verzweifelte Art klarzumachen, das sie ihn, der alles verloren hat, keinen seiner Verwandten kennt, aber alles über diese Verwandten weiß – doch versteht. Gerade sie, die aus dem "falschen Land" kommt und alle Verwandten kennt, aber nichts über sie weiß.

Vielleicht ist es so, dass das "Einander-Geschichten-Erzählen" im Leben nicht weiterhilft.

Dass wir alle womöglich, trotz Hunderten von Erklärungen, aneinander vorbeireden. Ganz so wie Kafka, der erst im 100. Brief an Felice Bauer fragte: "Kannst du eigentlich meine Schrift lesen?"

Es ist eine Grunderfahrung, die Ostdeutsche mit der Welt machen: dass mit jeder Erklärung die Missverständnisse größer werden. Auch Israel scheint, je öfter es sich verteidigt, für die Rechthaber umso angreifbarer zu sein. Es ist eine existenzielle Erfahrung, schon die eigene Anwesenheit ständig begründen zu müssen. Ein Dilemma, das Länder wohl genauso treffen kann wie die Liebenden in Jana Hensels Roman.