An diesem Sonntag treffen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Martin Schulz, der SPD-Kandidat, beim TV-Duell aufeinander. In den vergangenen Wochen absolvierten beide bereits zahlreiche Fernsehauftritte, oft dasselbe Format im Abstand von wenigen Tagen – Fernduelle zur Probe. Bei einigen, wie dem RTL-Townhall-Meeting, übernahmen Bürger die Rolle der Fragesteller, von der Zeitschrift "Brigitte" ließen sich beide als Privatpersonen einvernehmen, im Deutschlandfunk und bei Phoenix ging es um die politischen Programme. Wir haben uns zusammen mit dem Psychologen und ZEIT-Autor Louis Lewitan einige dieser Formate wie auch frühere Kanzlerduelle angesehen: Welche Muster lassen sich bei Amtsinhaberin und Herausforderer erkennen? Wer punktet wie? Wer wird wann nervös?

DIE ZEIT: Herr Lewitan, als Psychologe, was ist Ihnen bei Ihrer Analyse aufgefallen?

Louis Lewitan: Bei der Kanzlerin fällt vor allem im Vergleich zu früheren Auftritten auf, dass sie deutlich an Souveränität gewonnen hat. Sie redet langsamer, ruhiger und gewichtiger. Beim Duell mit Frank-Walter Steinmeier 2009 merkte man ihr die Nervosität deutlich an, sie sprach oft atemlos, defensiv, reagierte patzig gegenüber den Moderatoren. Das passiert ihr kaum noch. Sie tritt heute auf als Sprecherin der Mehrheit. Sie sagt nicht mehr so oft "ich", sondern "wir", "Deutschland", "gemeinsam". Ihr Modus ist: Ich weiß alles, kenne alles. Und Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger, kennen mich, ich verkörpere Kontinuität. Sie bezieht sich auf die Vergangenheit, sagt: "Ich habe ..." Schulz sagt: "Ich würde ...", er bleibt im Konjunktiv und bezieht sich auf die Zukunft.

ZEIT: Zukunft klingt doch gut. Spricht das also für ihn?

Lewitan: Nicht notwendigerweise, denn er muss als Herausforderer die Wähler davon überzeugen, dass er mehr erreichen kann als die Kanzlerin. Frau Merkel hingegen positioniert sich, indem sie zu verstehen gibt: "Ich kann Zukunft. Ich bin kreditwürdig, das Erreichte kann sich wahrlich sehen lassen." Schulz kann nur sagen: "Ich will Zukunft."

ZEIT: Woran merkt man bei Merkel und Schulz, dass sie gestresst sind?

Lewitan: Achten Sie bei Schulz auf den Mund! Er will oft sofort antworten, aber er hält sich zurück, und in dem Moment verselbstständigt sich sein Mund: Er presst die Lippen gegen die Zunge und bremst sich. Seine Lippen wirken dann nervös, obwohl sein voller Mund sinnlich wirkt.

ZEIT: Ist das gut oder schlecht?

Lewitan: Es ist ein Zeichen dafür, dass er impulsiv ist und am liebsten gleich loslegt. Das sieht man auch an seinen wachen Augen. Seine Augenbrauen sind sehr lebendig. Sie sind entweder ganz oben oder zusammengekniffen. Schulz sucht meistens direkten Augenkontakt. Er ist unmittelbar erfahrbar und wirkt sehr empathisch und natürlich. Man sieht, wenn er ergriffen ist, und er scheut nicht vor Nähe und Körperkontakt zurück.

ZEIT: Das ist ungefähr das Gegenteil von Merkel, oder?

Lewitan: Absolut. Sie ist die Verkörperung der Contenance, die keine emotionalen Ausschläge zulässt. Ihre Souveränität kann jedoch als distanziert und abgehoben interpretiert werden. Sie ist mit wenigen Ausnahmen überhaupt nicht herzlich, aber sie ist auch kein bisschen verkrampft. Geduldig wartet sie, bis sie drankommt, ist sich ihrer selbst sicher, genießt ihre Routine. Wenn Merkel unter Druck gerät, merkt man das nur daran, dass sie öfter tief Luft holt und sich abwendet. Schulz dagegen lässt erkennen, wenn er etwas nicht weiß, er staunt, nimmt spürbar Anteil. Das würde die Kanzlerin nie machen. Es gibt nichts, was sie nicht kennt. Sie spricht aus der Macht heraus.

ZEIT: Schulz spricht oft über Respekt.

Lewitan: Dieser Begriff ist bei ihm nicht nur ein Wahlkampfslogan, sondern abgeleitet aus der eigenen Biografie. Er geht offen damit um, dass er alkoholkrank war, hierfür verdient er großen Respekt. Alkoholkranke haben aus therapeutischer Sicht eine Selbstwertproblematik, sie verlieren den Respekt vor sich selbst. Respekt ist bei Schulz ein tief verankerter Grundwert, keine Worthülse. Und ein Indiz dafür, dass er selbstbewusst ist. Er hat sich den Respekt vor sich selbst zurückerarbeitet. Daraus bezieht er einen Teil seiner Selbstwirksamkeit und Selbstachtung.

ZEIT: Den Begriff Selbstwirksamkeit müssen Sie erklären, bitte.

Lewitan: Selbstwirksamkeit ist der Glaube an die eigene Wirksamkeit. Ich traue mir etwas zu, ich weiß, dass ich es kann. Aber auch bei Merkel ist die Selbstwirksamkeit sehr ausgeprägt, deshalb wirkt sie so gelassen. Die Kanzlerin weiß, dass sie liefern kann. Schulz hat naturgemäß eine Bringschuld. Er kann nur Dinge ankündigen.

"Wenn Schulz 'Respekt' sagt, sollte er nicht salopp dastehen"

ZEIT: Man sieht diesen Unterschied in den Rollen oft auch am Publikum. Die Zuschauer betrachten Merkel ganz anders. Schulz finden sie interessant, Merkel mustern sie oft mit verstohlener Ehrfurcht.

Lewitan: Und Merkel schaut auch anders zurück. Sie ist ganz weit weg, es wirkt, als blicke sie von schräg oben auf ihren Gesprächspartner hinunter. Oft wirkt das regelrecht abschätzig, als mustere sie ihr Gegenüber wie eine interessierte Insektenkundlerin ihr Forschungsobjekt. Sie schafft Distanz, sagt oft "Na ja". Im Gegensatz zu Schulz spricht sie sachlich, bürokratisch, prozesshaft. Anteilnahme lässt sie eher floskelhaft erkennen. Typisch etwa ihre Reaktion während eines Fernsehauftritts bei RTL, als sie einem Terroropfer vor allem erklärte, wie die Behörden vorgegangen sind. So zeigt sie Kompetenz, stellt jedoch keine Nähe zum Fragenden her.

ZEIT: Also profitiert sie von einem Format wie dem TV-Duell, wo kein Publikum anwesend ist, sondern nur professionelle Frager?

Lewitan: Ja, denn dann wirkt sie fachkompetent, umsichtig, strukturiert.

ZEIT: In demonstrativ geduldigem Erklären versteckt sich manchmal auch eine Portion Überheblichkeit, oder?

Lewitan: Ja. Merkel kann freundlich wirken, aber sie ist es immer aus der überlegenen Position heraus. Sobald jemand wirklich auf Augenhöhe kommt oder gar die Ehrfurcht verweigert, wird sie leicht ungehalten. Dann fällt sie ins Wort, unterbricht, und man merkt, dass sie eigentlich gar nicht so geduldig ist. Aber sie hat sich wirklich gut im Griff. Und sie steht zum Beispiel viel besser als Schulz. Werfen Sie mal einen Blick auf die Füße und Beine.

ZEIT: Können Sie das erklären?

Lewitan: Schulz steht oft nicht auf beiden Füßen, sondern überkreuzt die Beine. Das wirkt lässig, steht jedoch im Konflikt mit seinen Händen, die seinen Aussagen Nachdruck verleihen.

ZEIT: Vielleicht will er lässig wirken?

Lewitan: Die Frage ist: Will man lässig, zwanglos wirken – oder standfest, solide? Wenn Schulz zum Beispiel "Respekt" sagt, sollte er nicht salopp dastehen.

ZEIT: Schulz’ Taktik ist es, gegen die Kanzlerin als derjenige aufzutreten, der konkret ist, der nicht ausweicht, nicht taktiert, sondern echt rüberkommen will.

Lewitan: Aber punktet er damit? Als Mensch zweifelsohne. Die Frage ist, ob das reicht, um als Staatsmann Souveränität, Kompetenz, Sicherheit auszustrahlen: Ich habe die Sache im Griff, um deine Probleme, lieber Bürger, zu lösen. Verlass dich auf mich, ich weiß, wie es geht.

ZEIT: Schulz versucht, diese Zweifel dadurch zu zerstreuen, dass er sich eindeutig positioniert.

Lewitan: Er legt sich fest, ist sehr verbindlich, geht nicht taktisch vor. Er macht klar, wo er steht, versteckt sich nicht. Seine Aussagen sind griffig und eindeutig. Er spielt auch seine Kompetenz aus. Und er antwortet weniger floskelhaft.

ZEIT: Bei Merkel ist das vermeintlich Echte meistens auch das, was ihrem Image nützt. Bestes Beispiel: wenn sie erzählt, dass sie wie eine schwäbische Hausfrau Kartoffelsuppe kocht. Wird sie dagegen nach ihrer eigenen Patchworkfamilie gefragt, grenzt sie sich deutlich ab, reagiert einsilbig. Bei Schulz ist das Echte oft das, was man ihm auch negativ auslegen kann: wenn er etwa von seiner Alkoholsucht redet oder davon, dass er als historische Figur vor allem Karl V. schätzt, einen Mann, der ein gespaltenes Verhältnis zur Macht hatte. Oder wenn er zugibt, dass er manchmal darüber nachdenkt, "die Brocken hinzuschmeißen".

Lewitan: Schulz’ Emotionen lassen sich ablesen, sie wirken weder aufgesetzt noch berechnend. Allerdings heißt das nicht unbedingt, dass er davon auch profitiert. Die Erfahrbarkeit ist bei Merkel auch nicht nur annähernd so spürbar wie bei Schulz. Aber gerade deshalb ist das Publikum dann umso überraschter und erfreuter, wenn es passiert. Oder scheinbar passiert. Und Schulz macht einen Fehler: Wenn er etwas Persönliches offenbart, wendet er sich ab vom Publikum und versinkt förmlich in sich selbst. Als Zuschauer fühlt man sich unfreiwillig als Voyeur, es bekommt etwas Peinliches. Wenn ich sein Coach wäre, würde ich ihm sagen: Martin, anstatt dich abzukapseln, in dich zu versinken, lass dein Publikum an deinen Gedanken und Emotionen teilhaben, bleib im Kontakt mit deinem Publikum. Was glauben Sie, wie das knistern würde!