Die berühmte Ohrfeige kam erst später, eine Attacke aber war auch dies: Anfang 1967, einen Monat nachdem das Kabinett der ersten großen Koalition mit Kurt Georg Kiesinger an der Spitze vereidigt worden war, meldete sich aus seinem Baseler Exil Karl Jaspers zu Wort, einer der großen kritischen Begleiter der jungen Bundesrepublik. In einem Interview mit dem Fernsehmagazin Panorama beklagte der Philosoph, dass nun ein "alter Nationalsozialist" die Republik repräsentiere. Dies stelle nicht nur einen "Affront gegenüber dem Ausland" dar, sondern auch "eine Beleidigung gegenüber der Minderzahl der Deutschen [...], die den Nationalsozialismus immer gehasst haben und noch hassen".

Ein Jahr zuvor hatte Jaspers in seinem Buch Wohin treibt die Bundesrepublik? das Fortwirken ehemaliger Nazis als "ein Grundgebrechen der inneren Verfassung der Bundesrepublik" bezeichnet. Deren prekäre innere und äußere Lage führte er darauf zurück, dass die "Ehemaligen" nach 1945 "wirksam und maßgebend" den Wiederaufbau betrieben und dadurch "die freie Gestaltung unseres Staates" beeinträchtigt hätten. Kiesingers Wahl komme nun einem endgültigen Schlussstrich unter die "Vergangenheitsbewältigung" gleich, sie sei das Tüpfelchen auf dem i der Restauration.

Jaspers und anderthalb Jahre später die Studentin Beate Klarsfeld, die Kiesinger 1968 mit dem Ruf "Nazi, Nazi" ins Gesicht schlug, waren von der tiefbraunen Vergangenheit des Kanzlers überzeugt – Klarsfeld auch von seiner ungebrochenen faschistischen Gesinnung. Und beide sahen in seiner Wahl das Symptom einer drastischen Fehlentwicklung: Die große Koalition schaffe die noch auf schwachen Füßen stehende Demokratie ab, mahnte Jaspers; sie ebne den Weg zurück zur Diktatur. Klarsfeld glaubte, Kiesinger befeure den Neonazismus; er sei ein Feind des Friedens in Europa, hege revanchistische Pläne und strebe nach Atomwaffen.

Die harschen Urteile wirken aus heutiger Sicht grotesk: Weder entkernte die große Koalition die Demokratie, noch ging von der Bundesrepublik eine Gefahr für den Weltfrieden aus. Trefflich aber illustriert die Empörung die nervöse Stimmung der späten sechziger Jahre, als den Deutschen Diktatur, Weltkrieg und Völkermord noch in den Knochen steckten. Zwar hatte der Schweizer Journalist Fritz René Allemann schon 1956 das geflügelte Wort "Bonn ist nicht Weimar" geprägt. Doch viele trauten dem Frieden nicht, trotz äußerer Stabilität und Prosperität.

Wie stand es nun um des Kanzlers Vergangenheit? 1945 war er knapp über 40 Jahre alt. Er konnte keine "Gnade der späten Geburt" für sich in Anspruch nehmen. 1933, in der Stunde des "nationalen Aufbruchs", war er in die NSDAP eingetreten – deutlich früher als die späteren Bundespräsidenten Walter Scheel (FDP) und Karl Carstens (CDU), die während des Krieges Mitglieder der nationalsozialistischen Partei wurden. In der nationalsozialistischen Armee hat Kiesinger nicht gedient – anders als sein späterer Nachfolger Helmut Schmidt, Bundespräsident Richard von Weizsäcker und viele andere. Er leistete seinen Kriegsdienst in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amts ab, zuletzt als deren stellvertretender Leiter. Diese posaunte Parolen von Deutschlands Größe in alle Welt hinaus und verbreitete schlimmste antisemitische Hetze. Kein Ruhmesblatt für Kiesinger.

Dennoch verstand er sich selbst als höchstens leicht belasteter Protagonist des demokratischen Aufbaus nach 1945. Denn er hatte, wie er meinte, eine glaubwürdige Konversion vollzogen – so wie andere seiner Generation auch, die, wie sein Pendant bei der SPD, der ehemalige Kommunist Herbert Wehner, etwas von der Verstrickung in totalitäre Systeme wussten.

Diese Selbstdeutung ist keine bloße Schutzbehauptung. Kiesingers Umerziehung zum Demokraten begann 1945 in einem amerikanischen Internierungslager, wo er eine Art Volkshochschule organisierte. Danach beteiligte er sich am Wiederaufbau der Demokratie im Südwesten, war Urgestein der CDU und Parlamentarier der ersten Stunde im Bundestag, wo er einen demokratischen Stil einübte und bald als Vermittler par excellence galt. Als baden-württembergischer Ministerpräsident setzte er zwischen 1958 und 1966 deutliche Akzente in der Bildungspolitik. Kiesinger dachte nach 1945 so intensiv wie wohl wenige Politiker über die Grundlagen der Demokratie nach. Er konnte seinen Tocqueville sicher zitieren und warf sich mit liberalen Professoren wie dem Tübinger Soziologen Ralf Dahrendorf oder dem Heidelberger Theologen Georg Picht die Bälle zu, wenn es um die Bildungsreform ging.