Wer sonst?, fragte man sich 1957, als Ludwig Erhard Vizekanzler wurde. Wer sonst als der überparteilich als "Vater des Wirtschaftswunders" verehrte Erhard sollte den Platz des damals 81-jährigen Konrad Adenauer einnehmen, wenn das Alter in absehbarer Zeit seinen Tribut fordern würde?

Ihm schien einfach alles zu gelingen. Sein Versprechen "Wohlstand für alle" war angesichts hoher Wachstumsraten und der herrschenden Vollbeschäftigung glaubwürdig und hatte viel zur absoluten Regierungsmehrheit der CDU/CSU beigetragen. Im Wahlkampf war er ein Zugpferd – auch wenn er auf sein Umfeld oft depressiv, schlecht gelaunt und brummig wirkte. Betrat er eine Bühne, war davon nichts mehr zu spüren: Er sprach üblicherweise frei. Und wenn er einmal in Fahrt kam, strömte es ihm zu und aus ihm heraus, gewaltig und bedenkenlos. Ein Wort gab das andere. Sätze wie "Ich habe es nicht nötig, den Menschen etwas zu versprechen. Was ich tat, ist steingewordenes Wort" trafen den Kern: Es war nicht der Inhalt seiner Reden, der begeisterte. Man klatschte, weil Erhard da war. Sein Mythos ließ schnöde Sachfragen in den Hintergrund treten.

Innerhalb der Fraktion waren ihm einige Abgeordnete geradezu ergeben: Die "Brigade Erhard" nannte man sie scherzhaft – in Anspielung auf die "Brigade Erhardt", eine Marineeinheit, die sich 1920 an die Spitze des Kapp-Putsches gegen die Weimarer Regierung gesetzt hatte. Auch Berater aus dem Wirtschaftsministerium zählten dazu, die Erhard als Verfasser seiner Reden und Bücher zu einer politischen Marke stilisiert hatten, die dem populären, aber inhaltlich verblassenden Konzept der sozialen Marktwirtschaft ein Gesicht gab: Mit Wohlstandsbauch und Wohlstandszigarre verkörperte er Sicherheit und Modernität zugleich. Nicht zuletzt liebten ihn die Medien. Männern wie dem CDU-Abgeordneten Gerd Bucerius, der als Verleger des sterns und alleiniger Gesellschafter der ZEIT über beachtlichen Einfluss verfügte, galt Erhard als liberaler Widerpart zu Konrad Adenauer.

Trotzdem sollte es noch volle sechs Jahre dauern, bis sich das Bonner Palais Schaumburg endlich für ihn öffnete – was nicht allein an der guten Konstitution des Kanzlers lag. Adenauer war auch fest entschlossen, eine Kanzlerschaft Erhards zu verhindern. Er zweifelte zutiefst an den Fähigkeiten seines Vize – und war in entscheidenden Fragen anderer Meinung. Vor allem in der Außenpolitik: Während Adenauer ganz auf die Zusammenarbeit mit Frankreich und die Integration der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft setzte, sah Erhard in der EWG "eine Insel der Desintegration in einer mittlerweile freier gewordenen Welt", die Deutschland "in seinen lebenswichtigen Verbindungen zu den übrigen Weltmächten durch die drückende Ehe mit dem protektionistischen Frankreich gefährdet". Erhard zog eine Freihandelspolitik britischer Prägung vor und lehnte die Aufspaltung des Weltmarktes in autarke regionale Großräume ab. Adenauer fürchtete zu Recht, dass Erhard sein politisches Erbe schleifen würde.

Die erste Möglichkeit, ihn vom Kanzleramt fernzuhalten, bot 1959 die Suche nach einem Nachfolger für Theodor Heuss, den ersten Bundespräsidenten. Das Präsidentenamt hätte Erhards darstellerischen und rhetorischen Fähigkeiten durchaus entsprochen. Doch der Vizekanzler wollte Kanzler werden.

Zwei Jahre später war die K-Frage noch immer offen. Als die CDU 1961 in den Wahlkampf zog, behalf sie sich deshalb mit dem vagen Slogan "Adenauer, Erhard und die Mannschaft". Am Ende gelang es dem Vize weder, den "Alten" abzulösen, noch ihm ein Datum für dessen Rückzug abzuringen. Sogar die ZEIT, mediales Flaggschiff seiner "Brigade", begann nun zu zweifeln. Im Februar 1963 titelte sie: Erhards Chancen sinken. Immerhin hatte Adenauer im Vorjahr sogar die Spiegel- Affäre überstanden. Eine Serie verlorener Landtagswahlen jedoch brachte ihn ins Straucheln: Aus Angst vor dem Machtverlust griff die CDU/CSU-Fraktion nun auf ihren bewährten Wahlkämpfer Erhard zurück. Obwohl Adenauer noch immer nicht bereit war, sich auf ein Rücktrittsdatum festzulegen, nominierte sie ihn als Nachfolger und paukte seine Wahl im Oktober, als Adenauer schließlich zur Mitte der Legislaturperiode abtrat, zusammen mit dem Koalitionspartner FDP im Bundestag durch.

Gemessen an diesem sechsjährigen Kandidatengerangel, verlief Erhards gut dreijährige Amtszeit ohne größere Aufregungen. Auch die Ängste seines Vorgängers erwiesen sich als unbegründet: Erhard setzte Adenauers Außenpolitik im Wesentlichen fort. Seine Vision einer weltmarktorientierten europäischen Freihandelszone mit Großbritannien ließ sich, wie er bald merken musste, nicht gegen den Willen des französischen Präsidenten Charles de Gaulle verwirklichen. In Kraft blieb auch das von Adenauer geschlossene Offset-Abkommen: Die Bundesrepublik leistete hohe Ausgleichszahlungen dafür, dass ihr die USA Atomwaffenträger und anderes militärisches Spitzenequipment überließen und ihr ein Recht auf Mitverfügung gewährten – Zahlungen, die Erhard noch Schwierigkeiten bereiten sollten.