1. Lacht über euch selbst!

Die evangelische Kirche hat wenig zu lachen – vor allem lacht sie nie über sich selbst. Es fehlt den Protestanten ganz grundsätzlich an jeglicher Selbstironie. Alles ist immer ernst, ausgewogen, wohlwollend und wertschätzend, da ist keine Überspitzung, kein Stachel. Hier stehe ich, jetzt bloß niemandem auf die Füße treten. Die protestantische Humorlosigkeit hat in Wittenberg wiederum zu irrwitzigen Momenten geführt. Eine Sängerin etwa trällerte bei der Mittagsandacht vor leeren Stuhlreihen zur Gitarre die Zeile: "Nie sind wir allein." Der Reformationssommer hat ungewollt seine ganz eigene Satire hervorgebracht. Durch die Lutherstadt zu gehen, vorbei an "Lutherburger", "Lutherbier" und "Margot-Mango-Spritz", ohne in sich hineinzukichern, ist eigentlich unmöglich. Außer man ist Protestant.

Dabei ließe sich aus diesem Material doch was machen! Irgendwo da draußen muss doch ein lustiger Lutheraner zu finden sein, der in Hanns Dieter Hüschs Fußstapfen tritt (Eckart von Hirschhausen ist es nicht).

2. Traut euch!

Anstehen war im Reformationssommer selten angesagt. Eine der wenigen Schlangen in Wittenberg staute sich vor dem inzwischen berühmt gewordenen Segensroboter. Geht das denn, kann das denn, darf das denn?, fragten die Bedenkenträger. Ein Roboter kann doch nicht segnen! Die Menschenseelsorger, die der Maschine zur Seite gestellt wurden, redeten sich mit Sätzen heraus wie: "Wenigstens kommen wir so ins Gespräch darüber, was Segen ist." Und sie haben recht: Der Segensroboter ist das beste Beispiel dafür, dass es sich lohnt, auch mal etwas auszuprobieren, bevor es theologisch bis ins letzte Jota durchdacht wurde. Die Gerätschaft hat für etwas gesorgt, was der Reformationssommer sonst nur selten geschafft hat: weltweite Aufmerksamkeit und Debatten.

3. Sprecht Klartext!

Der "Godspot" hat der evangelischen Kirche die Auszeichnung "Sprachpanscher des Jahres 2017" eingebracht. Die Wortschöpfung bezeichnet die kostenlosen Zugangsknotenpunkte zum internationalen Netzwerk für Datenverarbeitungsanlagen formerly known as Hotspots, die es seit Anfang des Jahres in vielen Kirchen in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz gibt. Mit Kritik an der Sprache der Kirchen liegt man eigentlich nie falsch. Nicht umsonst war das Buch Der Jargon der Betroffenheit: Warum die Kirche an ihrer Sprache verreckt des Autors Erik Flügge ein Erfolg. Den spießigen Sprachpolizisten vom Verein Deutsche Sprache aber geht es mit ihrem Negativpreis schlicht um ein Zuviel der Anglizismen. Darum sollte sich die evangelische Kirche nicht scheren. Wer den God hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen. Kraft ihrer Autorität als Kirche des Wortes sollte sie "Sprachpanscher" zum Unwort des Jahres erklären.

4. Vergesst den Osten nicht!

Die Reformation, das Hochamt des Protestantismus, vor allem dort zu feiern, wo die Kirche am wenigsten Volkskirche ist, war mutig. Dass der organisierte Protestantismus und die Wittenberger einige Zeit brauchten, um sich aneinander zu gewöhnen, verschweigt eigentlich niemand mehr. Mit der Zeit verstand man sich aber immer besser. Der größte Fehler, den die EKD jetzt machen könnte, wäre, schnell den letzten Weltausstellungspavillon abzureißen und dann zu verschwinden. Kirche war in Mitteldeutschland wieder so präsent wie lange nicht mehr. Inzwischen haben auch die – meist westdeutschen – Organisatoren von Kirchentag und EKD auf der einen und die Landeskirchen in den neuen Ländern gelernt, zusammenzuarbeiten. Eine Chance, häufiger gemeinsame Sache zu machen. Beide können voneinander profitieren: die Kirchenplaner mit ihrer Erfahrung für moderne Formate und die ostdeutschen Kirchen, die sehr gut wissen, wie man auch mit weniger Gläubigen spannendes Gemeindeleben organisieren kann.

5. Mut zum Personenkult!

Wer nach Wittenberg fährt, will den historischen Luther sehen. Deshalb ist die Innenstadt voll, und die Weltausstellung im Grüngürtel der Stadt, eine Leistungsschau des deutschen Protestantismus, blieb weitgehend leer. Die Pilgerroute führt von der Schlosskirche hoch zum Lutherhaus, der Rückweg über die Parallel-Gasse. Das hat sich auch im Reformationsjahr nicht geändert. Dass die Macher sich über die wenigen Besucher wundern, verwundert. Die Kirche warb mit dem Posterboy Luther, legte das Spektakel in jene Stadt, in der der Reformator die längste Zeit seines Lebens wirkte, dann aber überkam die Organisatoren auf halber Strecke die Angst vor der eigenen Courage: Ist das nicht zu viel Reformator, zu wenig Reflexion? Also organisierte man noch einen monatelangen Kirchentag namens Weltausstellung, deren Sinn sich nicht erschließen wollte. Mehr Mut zum Personenkult, mehr Entschiedenheit in den Botschaften würde der Kirche guttun. Dazu lieber 20 statt 2.000 Veranstaltungen, diese aber hochkarätig, auffällig, provokant – und nicht mit der Maxime, allen gerecht zu werden.

6. Geht in die Provinz!

Dessau, Erfurt, Magdeburg: Das Reformationsjubiläum war auch ein Fest der Provinz. Die Kirche nutzte die Feiern, um an Orten präsent zu sein, an denen Luther gewirkt hat und die nie einen großen Kirchentag ausrichten werden. Eine gute Idee, hätten die Organisatoren ihre Kirchentage auf dem Weg nicht an den Interessen der Leute vor Ort vorbeigeplant. Leere Hallen und schlechte Ticketverkäufe waren die Folge. Kein Grund, in Zukunft nicht mehr Provinz zu wagen. Voraussetzung: Die Planer konzentrieren sich nächstens mehr aufs Zuhören denn aufs Erklären und verzichten in den kleineren Städten auf überdimensionierte Diskussionsveranstaltungen nach dem Prinzip der Kirchentage. Im Osten funktionierte in diesem Sommer genau das, was die Eventplaner des Protestantismus eher unwichtig finden: kleine, spannende Gesprächsrunden in Kneipen oder auch ein gemeinsames Abendessen auf dem Markt statt auf dem abgeschiedenen Messegelände.

7. Seid wahrhaftig!

Kein Restaurantchef würde überglücklich Sätze wie diesen sagen: "Zu uns kommen nur wenige Gäste, da bleibt den anderen mehr vom Büfett." So ähnlich aber argumentieren die Macher des Reformationsjubiläums. Man solle nicht so viel auf die Besucherzahlen achten, denn mit denen, die da waren, habe es wunderbar intensive Erfahrungen gegeben. Letzteres ist ja nicht falsch: Die Besucher der Weltausstellung sahen gar nicht unzufrieden aus. So leicht dürfen es sich die Organisatoren trotzdem nicht machen, zu deutlich haben sie einige Ziele verfehlt: 200.000 Gläubige wollte die Kirche zum Festgottesdienst im Mai in Wittenberg zusammenbringen, am Ende sollen es 120.000 gewesen sein, die Zahl ist umstritten. Für die Kirchentage auf dem Weg in Leipzig, Erfurt und anderen ostdeutschen Städten hatte man mit Zehntausenden Besuchern geplant, tatsächlich blieben viele Hallen leer, und – das ist noch offen – auch die Reformationsausstellung könnte am Ende weniger Ticketverkäufe verzeichnen als erhofft.

Seid nicht so wahnsinnig nett

Warum aber sollen diese Zahlen auf einmal nicht mehr so wichtig sein? Niemand hat die evangelische Kirche gezwungen, in diesen Dimensionen zu planen, sie hat die großen Zahlen selbst in die Welt gesetzt. Viele Besucher sollten Relevanz demonstrieren. Von der Großspurigkeit von gestern will man jedoch heute nichts mehr wissen.

Mehr Selbstkritik wäre gut zum Ende des Reformationssommers: Schönreden passt erstens nicht zum aufgeklärten Protestantismus. Zum Zweiten lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob die protestantische Selbstüberschätzung zur Reformation nicht symptomatisch für zeitlose Probleme der Kirche ist. Aus Unsicherheit darüber, was das eigene Publikum wünscht, neigt man nicht zur Präzision, sondern zur Gigantomanie.

8. Betet bitte!

Man mag es kaum glauben, aber zwischen all dem Reformationstrubel und dem Weltausstellungsspektakel, den Imbissbuden und der Luther-Avantgarde wurde auch gebetet. Überall in Wittenberg fanden sich kleine Grüppchen zur Andacht zusammen. Um zwölf Uhr mittags läuteten sie etwa auf einer kleinen Anhöhe von Hand die Glocken, ein gutes Dutzend Leute kam, hörte Texte, sang ein paar Verse, sprach das Vaterunser. Das ist es, was die Weltausstellung von einer Bundesgartenschau unterscheidet: das schlichte Gebet. Nicht eingebettet in ein Event, ein Erlebnis oder einen anderen Versuch, der das Jenseitige nur mit Extravaganz ersticken würde. Mehr davon, bitte.

9. Seid nicht so wahnsinnig nett!

Da ist er wieder, dieser Satz, der sie bekannter machte als das Amt: "Nichts ist gut in Afghanistan." Für diesen Montag war in Wittenberg eine Diskussion mit Margot Käßmann angesetzt. Das Thema: der berühmte Satz aus der Neujahrspredigt 2010, ihre Kritik am Afghanistan-Einsatz und der darauf folgende Aufschrei: Darf eine EKD-Ratsvorsitzende so präzise kritisch sein?

Über sechs Jahre ist das her. Dass es jetzt noch einmal Thema war während der größten, längsten und aufwendigsten Veranstaltungsreihe der Protestanten seit Jahrzehnten, zeigt auch: Die Kirche hat es sich in den letzten Jahren ganz schön bequem gemacht. Die Provokation ist selten geworden. Fast 2.000 Veranstaltungen zum Jubiläum haben daran nichts geändert: Bissiges über Wirtschaft und Politik war da selten zu hören.

Der Protestantismus war im Jahr der Selbstvergewisserung vor allem eins: zu nett. Jede Landeskirche durfte sich zeigen, wie es ihr gefiel: Die Schwaben servierten Maultaschen und waren stolz auf eine Ausstellung zur Diakonie, die Schweizer machten etwas zum Buchdruck. Alles nett. Mehr nicht. Das offene Wort, das man in der evangelischen Kirche angeblich mag, nutzten alle, um zu schmeicheln, nicht um aufzuregen.