DIE ZEIT: Frau Ministerin, war der Boykott des Berliner Pop-Kultur-Festivals, der sich gegen Israel richtete, nun antisemitisch? Die Boykotteure selbst sagen: Das war nur Israelkritik!

Monika Grütters: Ich nenne den Boykott nicht antisemitisch, sondern antiisraelisch. So oder so: Diese Haltung der Bands ist inakzeptabel, denn sie stellt den freien Geist des Festivals infrage. Historisch haben wir gerade in Berlin bittere Erfahrungen mit der Unterdrückung von Meinungs- und Kunstfreiheit gemacht. Ich finde es unerträglich, dass antiisraelische Hetze erst Künstler aus arabischen, dann auch aus europäischen Ländern veranlasst hat, ihre Auftritte bei uns abzusagen.

ZEIT: Die Anti-Israel-Initiative BDS, die den Boykott organisierte, gilt seit Langem als antisemitisch. Ist das nun relevant oder nicht?

Grütters: Wenn unterm Deckmantel der Israelkritik antisemitische und antizionistische Ideen verbreitet werden, dann ist das höchst problematisch – und nicht zu dulden. Der Anlass des Boykotts, ein kleiner Reisekostenzuschuss der israelischen Botschaft, war jedenfalls lächerlich.

ZEIT: Sie haben das Festival mit 500.000 Euro unterstützt. Waren Sie überrascht, dass die Bands dem Boykottaufruf gefolgt sind?

Grütters: Ich kannte die Bands vorher nicht, möchte aber klar unterscheiden. Der Automatismus, dass arabische Künstler es offenbar nicht mehr wagen, sich einem Aufruf von BDS zu widersetzen, weil sie dann in ihren Ländern Repressionen und Diffamierungen fürchten müssen, ist fatal. Noch fataler ist es, wenn Briten oder Finnen solch einem Boykott folgen.

ZEIT: Die europäischen Bands sympathisieren mit BDS. Aber die arabischen? Wenn Israelfeindlichkeit in ihren Ländern Mainstream ist: Wie wollen Sie verhindern, dass auch israelfeindliche Künstler gefördert werden – ohne dass wir in einer Gesinnungsdiktatur landen?

Grütters: Ich kenne weder die Gesinnung der arabischen noch der westlichen Gruppen. Aber im Internet wurden die arabischen Künstler massiv unter Druck gesetzt, dem Boykottaufruf zu folgen. Die Leiterin des Festivals wird deshalb sicherlich im Einzelfall genau abwägen, wie sie mit den kurzfristigen Absagen umgeht. Ich sehe mit Sorge, dass bei anderen BDS-Aktionen Stars wie Elvis Costello, Carlos Santana und Lauryn Hill bereits mitgemacht haben. Doch Paul McCartney, die Rolling Stones und viele andere eben nicht. Diese Freiheit, sich den Israelfeinden zu verweigern, garantieren wir nur im Westen.

ZEIT: Selbst Paul McCartney bekam wegen seiner Weigerung Todesdrohungen.

Grütters: Unsere Einladungspolitik so zu ändern, dass Konflikte ausgeschlossen sind, ist unmöglich. Es wäre eine Kapitulation der Kunstfreiheit. Wir wollen den Dialog aller.

ZEIT: Sie mussten 2016 die Nominierung des Theater-Projekts "Refugee Club Impulse" für einen Kulturpreis zurücknehmen, weil es Verbindungen zur Terrormiliz Hisbollah und zur antisemitischen Al-Kuds-Bewegung hatte.

Grütters: Bei unseren Jurys werden Projekte beantragt. Nicht immer können die Juroren wissen, ob jemand in der Vergangenheit unsere Offenheit missbraucht hat. Das ist auch für uns sehr problematisch. Aber ich weigere mich, alle Araber als Gefährder zu verdächtigen. Bald werden Israelis und Araber in Berlin gemeinsam an der Barenboim-Said-Akademie musizieren – das ist eines unserer wichtigsten Förderprojekte und einer unserer Beiträge zum Frieden in Nahost.

ZEIT: Die arabischen Bands, die wegblieben, nennen die deutsche Kritik am Boykott – also auch Ihre und die des Berliner Kultursenators – nun rassistisch. Haben sie recht?

Grütters: Natürlich nicht. Offenbar wollen sie mit dieser Scharfmacherei ihr eigenes Verhalten rechtfertigen. Unsere Kritik rassistisch zu nennen ist vollkommen abwegig.

ZEIT: Was lernen Sie aus diesem Fall?

Grütters: Er festigt meinen Anspruch, dem Publikum das größtmögliche Maß an Auseinandersetzung und Offenheit zuzumuten. Außerdem bestärkt der Fall mich darin, die Autonomie der Künste gegenüber der Politik noch weiter zu fördern. BDS darf die Siedlungspolitik Israels kritisieren, aber nicht Künstler politisch instrumentalisieren. Erst im Juni hatte BDS an der Berliner Humboldt-Universität einen Auftritt der Holocaust-Überlebenden Deborah Weinstein mit Beschimpfungen havariert. Daran sieht man schon, wie destruktiv diese Initiative sein kann. So schadet sie am Ende auch der palästinensischen Sache.

ZEIT: Kann Kulturpolitik gar nichts tun gegen den Erfolg von Organisationen wie BDS?

Grütters: Wir können sie nur zum Dialog bitten und ihnen gute Argumente entgegensetzen.