DIE ZEIT: Frau Wey, sind Sie eine Verräterin?

Natascha Wey: Weil die SP-Frauen Ja zur Rentenreform sagen?

ZEIT: Genau. Die Juso werfen Ihnen vor, Sie würden das Frauenrentenalter 64 "für mickrige 70 Franken verkaufen".

Wey: Wenn man Feminismus als Verteilungsfrage versteht, ist es nicht gerechtfertigt, das niedrigere Rentenalter herzugeben. Trotzdem kann man als Feministin Ja zu dieser Reform sagen.

ZEIT: Warum?

Wey: Für mich haben die Verbesserungen im BVG den Ausschlag gegeben. Die Pensionskassenrenten der Frauen sind im Schnitt 63 Prozent niedriger als jene der Männer, weil sie oft nur in Teilzeit angestellt sind. Wer zwischen 21.150 Franken und 55.000 Franken pro Jahr verdient – und das sind zu zwei Dritteln Frauen –, profitiert mit der Reform von einem deutlich besseren Versicherungsschutz. Weil der Koordinationsabzug gesenkt wird.

ZEIT: Trotzdem: Sie geben den größten Trumpf aus den Händen, den die Frauen in der Rentendebatte haben.

Wey: Natürlich ist das Ja auch einem politischen Realismus geschuldet. Die FDP will die AHV ausbluten. Nach dem Motto: Je mehr Defizite, desto besser, damit sie in ein paar Jahren den ganz großen Abbau durchziehen kann.

ZEIT: Nicht nur die Juso, auch feministische Ökonominnen wie Mascha Madörin werben für ein Nein. Sie sagen, man gebe zu viel auf.

Wey: Das Frauenrentenalter war ein politisches Pfand, das einst viele Frauen politisiert hat. Wenn ich heute mit Frauen spreche, bedeutet ihnen das Rentenalter unterschiedlich viel. Es ist daher fraglich, ob es noch als politisches Druckmittel funktioniert.

ZEIT: Ist Ihr Ja zur Rentenreform also ein Indiz dafür, dass man sich als Feministin heute mit kleinsten Fortschritten zufriedengeben muss?

Wey: Die Ausgangslage ist heute eine völlig andere als vor 30 oder 40 Jahren. Zum Glück! Damals gab es keine rechtliche Gleichstellung. Verheiratete Frauen durften zum Beispiel nur arbeiten, wenn ihr Mann dies erlaubte. Wenn ich Ihnen sage, dass ich keine Verräterin bin, dann auch, weil ich mich bei der Analyse der Rentenvorlage gefragt habe: Nützt sie den Tieflöhnerinnen, den am wenigsten Privilegierten? Das ist der Fall.

ZEIT: Sie haben die SP-Frauen vor einem Jahr übernommen und wollen sie wieder stärker als unabhängige linke Stimme positionieren. Mit einer Nein-Parole hätten Sie viel mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Wey: Also bitte! Wir sind erstens nicht die Juso. Und wollen zweitens anerkennen, wie viele Fortschritte wir in den letzten Jahren erzielen konnten. Außerdem orientieren wir uns an unseren Mitgliedern: also von den Parlamentarierinnen und Exekutivpolitikerinnen in den Städten und Agglomerationen bis hin zu den Juso-Aktivistinnen. Im Übrigen interessiert mich Politik nicht, die sich an der Größe der Schlagzeilen ausrichtet, die sie hervorbringt. Mich interessiert das Machbare.

ZEIT: Sie sind als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in Untersiggenthal im Kanton Aargau aufgewachsen. Machte Sie das zur Realo-Feministin?

Wey: Natürlich prägt einen die eigene Biografie. Ich hatte nicht so viel Zeit, die großen Fragen zu wälzen und mir die perfekte Gesellschaft auszumalen. Verstehen Sie mich richtig, ich will hier keinen Antiintellektualismus betreiben. Theorie ist für die Linke zentral. Aber ich bin überzeugt, dass es uns schaden kann, wenn die Debatten zu abgehoben sind. Wir müssen nicht nur das politische Ziel, sondern auch den Weg, der dahin führt, vermitteln können. Die Rentenreform ist ein perfektes Beispiel dafür, dass politische Lösungen Kompromisse sind – und widersprüchlich bleiben. Ich politisiere gern aus diesen Widersprüchen heraus.

ZEIT: War das schon immer so?

Wey: Als ich an die Uni ging, hat mich die Vorstellung von linker Politik, die mir da begegnet ist, irritiert. Sie lässt einen mit Minderwertigkeitsgefühlen zurück, wenn man nicht so sozialisiert wurde.

ZEIT: Das heißt?

Wey: In Untersiggenthal gab es keine Juso, wo ich mich hätte politisieren können. Erst an der Uni entdeckte ich das politische Denken – und dieses prallte heftig auf meine Lebensrealität. Ich arbeitete 60 Prozent bei der Bauernkrankenkasse, um mir das Studium zu finanzieren. Lange Zeit hatte ich Angst, dass ich nicht als Linke durchgehe, weil ich dort arbeitete.

ZEIT: Warum nicht?

Wey: Weil das keine linke Einrichtung war. Und wenn man während eines Geschichtsstudiums arbeitet, begegnet man ständig Leuten, die mehr gelesen haben, weil sie mehr Zeit hatten, sich mit der Materie zu befassen, und einen in Grund und Boden argumentierten. Pierre Bourdieu würde sagen, dass mir das kulturelle Kapital fehlte.

ZEIT: Hat das Ihren Ehrgeiz geweckt?

Wey: Erst nach dem Studium. Dank meinem feministischen Umfeld wurde mir klar: Man muss sich entscheiden, sich zu getrauen. Vor Leuten reden, auf Podien sitzen, Einladungen in den Club des Schweizer Fernsehens annehmen. Das sind Entscheide gegen das Bauchgefühl. Beim ersten Mal stirbt man fast vor Angst, dann wächst der Stock an positiven Erfahrungen, und der Spaß beginnt. Emanzipation hat auch mit einem selber zu tun. Ein Opfer zu sein ist keine politische Position.

ZEIT: Krankt der Feminismus daran?