Es ist ein wenig so, als würde man ein Märchenland betreten. Vermeintlich bekanntes Waldgebiet erscheint uns urplötzlich fremd, ja in Gänze verzaubert. Wer sich von den Flüssen ins Tal mitreißen lässt, kann mitunter auf ein "steinerne[s] Meer" treffen oder am Ufer einer fünfbeinigen Eidechse mit zwei Köpfen begegnen. Überall lauert Unwägbares und Widersinniges: Schnee, der die Füße "verbrüht", "lodernde Strudel" oder gebärende Steine.

Was uns Oswald Egger in seiner neuen, lyrischen Prosa präsentiert, ist mitnichten Natur in ihrer Reinform. Vielmehr zeigt sie sich in permanenter Verwandlung. Als Ausgangspunkt dient dem 1963 in Südtirol geborenen Dichter, der beim Schreiben, wie der Titel des Buches – Val di Non – andeutet, die gleichnamige Talgemeinschaft nördlich von Trient vor Augen gehabt haben dürfte, stets die Differenz. Bäche, die "Zukluft zur Senke" und Schneisen teilen einerseits das Land, bringen aber Geröll und Materie andererseits zusammen, zum Beispiel im kochenden Schaum des Wassers. "Öffne ich nun die Augen, so schwärmen glandernde Abblätterungen überfließender Formen vorüber, die innenhin zerfließen, um in neue Formen einzuflamm’ben", heißt es in einer der Miniaturen.

Um in dieser lyrischen Hexenküche Neues zu kreieren, zieht Egger alle Register künstlerischen Ausdrucksvermögens. Mit einer Überfülle an Adjektiven lässt er die Flora erblühen, bildet den Fluss des Lebens in Alliterationen und Gleichklängen ab und entdeckt das Tal als überzeitlichen Raum. Altdeutsches Wortgut wie "Immen" (Bienen) und "Tobel" (Tal) verwebt sich mit Neukreationen wie der "Fiumarenbucht" oder der durch den Menschen verursachten buchstäblichen "Grasnarbe".

Der Autor will Dynamik erzeugen, im floralen Werden und Vergehen, aber auch in der Sprache selbst. Denn seine (inneren) Landschaften sind vor allem eines: poetologisch. Geschult am performativen Lyrikverständnis Thomas Klings, gelingt es ihm, die grüne Welt sich entwickeln und ausdehnen zu lassen. Worte werden derweil wie Flechten miteinander verwoben, sodass mehr und mehr ein Netz an Motiven und Bewegungsmustern entsteht. Dies schließt durchaus auch ein Netz an literarischen Bezügen ein. Mit Begriffen wie "Augen-Gestalten" oder "windschief" referiert der Dichter eindeutig auf Paul Celan. Ähnlichkeiten ergeben sich dabei nicht nur in den oftmals nur schwer zu durchdringenden Kompositionen ihrer Texte oder deren Ringen um einen ursprünglichen Kern des Seins. Gemein ist beiden zudem das In-Spuren-Gehen und ihre Auseinandersetzung mit der Tradition. Denn Egger geht es um eine entscheidende Frage, die schon viele Poeten vor ihm beschäftigt hat: Wie kann man über Natur schreiben? Weder die ästhetische Überhöhung eines Stefan George noch ein schnöder Realismus kommen für ihn infrage.

Stattdessen nutzt er das sichtbare Material aus Holz, Steinen und Blattwerk als zu entfaltende Anlage. Er lotet Möglichkeiten aus und zielt damit unmittelbar ins Utopische, wo Logik und Konventionen ihre Geltung verlieren. Aus der Summe einzelner Naturerscheinungen geht eine neue Schöpfung hervor: "Aus einem Schaff Tinte verditer, wirr und dichtgehäuft, schal’t blaues Meer". Die neue Welt, die der Dichter mit seiner grünspanfarbigen ("verditer") Tinte kreiert, existiert nicht. Doch was sie performativ und mit poetischer Fantasie hervorbringt, vereinnahmt alle Sinne. Der Leser sieht das Blau des Ozeans und hört überdies gar, wie es "schal’t".

Eggers Texte beschreiben zwar stets das Jetzt, aber grundsätzlich mit Blick auf eine nahe, denkbare Zukunft. Und die kennt kaum Grenzen, so wenig wie sich dieser Band an Gattungsbeschränkungen hält. Fast auf jeder Seite bilden Gedichte, lyrische Prosa und Skizzen eine Einheit. In den Bildern erblickt man Zellstrukturen und traumartige Wesen, wie man sie aus der Tiefsee kennt, eigenartig und faszinierend zugleich.

Oswald Egger: Val di Non.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 208 S., 28,– €