Wo Asi-Horstmann den Einkaufswagen geklaut hat, weiß ich nicht. Doch nun hocke ich drin, und er rollt mich über den Bürgersteig der Hauptstraße eines Dorfes namens Spahnharrenstätte. Asi-Horstmann heißt eigentlich Tim. Er ist 18 Jahre alt, seine Schultern sind schmal, in seinem Gesicht wütet noch die Pubertät. Aber das ist Tim gerade egal, denn das Bier hat ihn mutig gemacht und mich leichtsinnig.

Meine Knie drücken sich gegen das Gitter des Einkaufswagens, meine Hände umklammern das Seitengestänge. Tim beschleunigt und manövriert den Wagen über die Bordsteinkante auf die Straße. "Mach keinen Scheiß!", brülle ich. Wir krachen über den Asphalt, dann zieht rechts die Raiffeisenbank an mir vorbei, und noch bevor der Wagen kippt, sehe ich die Lichter in der Ferne.

Der Autoscooter.

Das Bierzelt.

Das Schützenfest, unser Ziel.

Und plötzlich ist das Gefühl wieder da. Ich bin 16, und meine Heimat ist die Provinz. Der Geschmack von Erdbeerlimes. Nasse Hosenbeine von der Schaumparty in der Großraumdisco. Aber auch die Enge, die Eintönigkeit und die immer gleiche Frage, die mich durch die Nacht begleitete: Wie komme ich nach Hause, wenn der Bus nicht mehr fährt?

Ich stolpere aus dem Einkaufswagen. Lange nicht mehr hier gewesen, denke ich. Alles wie früher.

Acht Kilometer Feldweg liegen hinter uns. Am Mittag habe ich Tim zum ersten Mal getroffen, vor dem geschlossenen Schlecker in Werpeloh. Heute ist Vatertag. Mit Bollerwagen und Bierkästen ziehen hundert Jugendliche aus dem Ort zum Schützenfest ins Nachbardorf. So ist es hier Tradition. Tim, den seine Freunde Asi-Horstmann nennen, weil er beim Trinken gern jede Peinlichkeit vergisst, läuft mit – und heute auch ich.

Ich bin nicht in Werpeloh aufgewachsen, sondern in Wolfsburg. Als ich am letzten Schultag mein Abiturzeugnis von der Bühne holte, spielten die Counting Crows: "I’ve been hanging around in this town on the corner / I been bummin’ around this old town for way way way way way too long". Acht Jahre ist das her, und ich hatte nur einen Wunsch: Weg aus Wolfsburg.

Wer jung ist, sucht seinen Platz in der Welt. Wer jung ist, fragt sich: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo gehöre ich hin? Erwachsen zu werden heißt, sich zu entscheiden.

Ich bin gegangen. Ich habe eine Plus-Minus-Liste gemacht. Berlin war groß, und es war billig.

Die Jugendlichen, die ich am Vatertag im Emsland treffe, wollen bleiben. Nicht einer, nicht zwei, sondern alle. In Werpeloh, einem Dorf mit 1174 Einwohnern und nur einem einzigen Geschäft: einem Bäcker. 20 Kilometer bis zur nächsten Disco.

Warum wollen sie nicht weg, so wie ich damals? Was hält sie in Werpeloh?

Es ist Samstagabend. Wenn du in Werpeloh einsam bist, fährst du am besten in Simons Bude, hatte man mir gesagt. Eine Kneipe gebe es zwar auch, aber da gehe keiner hin. Jede Clique habe ihren eigenen Treffpunkt. Denn mit den Cliquen ist es hier so: Wer miteinander die Grundschule besucht, gehört für den Rest des Lebens zusammen. Eine Clique, eine Bude, eine Schicksalsgemeinschaft. Die Mädels haben den Bauwagen, die Älteren die "Hermes-Bar", eine Art Wohnzimmer mit Kronleuchter. Und Simon hat einen alten Schweinestall auf dem Hof seiner Eltern.

Die Eingangstür finde ich neben dem Unterstand mit den Traktoren. Dahinter erinnert nichts mehr an die Schweine. Die steinernen Wände sind schwarz gestrichen, daran hängen eine Dartscheibe und ein Bier-Pong-Regelwerk. Auf einer Leinwand läuft Fußball, Borussia Dortmund gegen Eintracht Frankfurt. Ein Spielzimmer für große Jungs. Simon, 23 Jahre alt, tagsüber Steuerfachangestellter, abends Budenbetreiber, sitzt auf einer Ledercouch.

"Joa, komm rein", sagt er, "willst du ein Bier?"

"Schreib bloß nicht, dass wir hier immer nur saufen!", ruft einer, ohne den Blick von der Leinwand zu nehmen.

"Unser Hauptgeschäft ist Fußballgucken", sagt Simon. Er reicht mir eine Flasche. Fast jeden Abend treffen sie sich hier, Simon und die anderen Jungs, die meisten sind Mitte 20, Berufsanfänger, wie ich.

"Der Wirt der Dorfkneipe konnte die Pay-TV-Lizenz nicht mehr bezahlen. Deshalb machen wir das jetzt privat", sagt Simon. Er hat ein Konto eingerichtet, die Kosten für Bier und Beamer teilen sie sich. "Fünf Euro monatlich, das läuft ganz gut", sagt er.

Draußen in der Abendsonne zupft Michael ein Schweinefilet aus einer Plastiktüte und legt es auf den Grillrost. Michael ist der zweite Horstmann, Tims großer Bruder, 26 Jahre alt.

Sein Bart reicht ihm spitz bis auf die Brust, er trägt Shorts, seine Unterschenkel sind vernarbt, "vom Motocross". Sooft sie können, brettern die Brüder auf ihren Maschinen durch den Wald, nur sonntagnachmittags nicht. Aus Rücksicht auf Spaziergänger.

Dann ist das Spiel vorbei, der BVB hat gewonnen. Durch das gekippte Fenster höre ich, wie Jungs die Fußballhymne "Anthony Modeste" grölen.

"Ein Zeichen zum Abhauen", sagt Lukas, der neben Michael in einem Plastikstuhl hängt. Zwischen seinen Lippen klemmt eine Zigarette. "Kommt hier jetzt noch wer mit angeln?", fragt er, "der Wels muss raus." Lukas’ Grinsen zeigt eine breite Zahnlücke.

Vor drei Jahren hatte er mit seinen Kumpels einen Wels in den Dorfteich gesetzt, 40 Zentimeter lang. Damals konnte man einen blanken Haken in den Teich werfen, irgendwas biss immer, Rotfedern, Karauschen, kleine Fische halt. Der Wels sollte aufräumen. Aber der Wels ist jetzt über einen Meter lang. Er muss raus. Und zwar heute Nacht.