Als lege er es darauf an. Als wolle er das atomare Pulverfass in Nordostasien tatsächlich zur Explosion bringen – so provoziert Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un unentwegt weiter. Mitten in ein laufendes Großmanöver der Vereinigten Staaten und Südkoreas hinein ließ er am Dienstagmorgen (Ortszeit) eine Mittelstreckenrakete über Japan fliegen. Treibt er damit auch dieses Nachbarland in ein Wettrüsten?

Erst vor wenigen Tagen gedachten die Japaner, wie jedes Jahr im August, wieder der Opfer von Hiroshima und Nagasaki. Seit auf das Land 1945 zum bisher einzigen Mal in der Geschichte Atombomben abgeworfen wurden, hat sich die japanische Gesellschaft in Gesetz und Gesinnung dem Pazifismus verschrieben. Im erhabenen Artikel 9 der Verfassung heißt es, Japan verzichte "für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten".

Jetzt aber fliegen Raketen der jüngsten Atommacht über das Land. In Tokio verstärken Nordkoreas Testflüge die Debatte über eine neue Verteidigungspolitik.

Schon 1998 raste eine nordkoreanische Rakete über Japan hinweg und löste dort große Unruhe aus. Damals war das Manöver angekündigt, diesmal nicht. Am Dienstag suchten viele Japaner Zuflucht in Schutzräumen, die Nachfrage nach privaten Atombunkern war zuletzt steil angestiegen. Die Behörden hatten bereits zuvor die Zahl der Luftschutzübungen erhöht.

Aber auch das Militär rüstet nach. Als Reaktion auf die nordkoreanischen Raketentests hat Japan seine Raketenabwehr modernisiert. Die Marine verfügt über Zerstörer mit dem Aegis-System, zu Lande sollen Patriot-Raketen Angriffe abwehren. Inzwischen denkt Tokio auch über die Beschaffung des THAAD-Systems nach, das ballistische Raketen beim Anflug in großer Höhe abfangen kann.

Doch es geht um mehr als die Beschaffung neuen Kriegsgeräts. Die Japaner führen eine viel grundsätzlichere Auseinandersetzung: Ist ihr Grundgesetz mit seinem absoluten Friedensgebot noch zeitgemäß? Premierminister Shinzo Abe kann Artikel 9 zwar nicht abschaffen; dazu fehlt ihm die Mehrheit im Parlament. Doch er möchte die Verfassung schon lange neu "interpretieren". Die Bedrohung aus Nordkorea verschafft ihm dafür zusätzliche Argumente. Sein Verteidigungsminister Itsunori Onodera, wie Abe ein Konservativer, plädiert sogar für mögliche Präventivschläge gegen Nordkorea. Seine Argumentation: "Wenn Bomber oder Kriegsschiffe uns angreifen, feuern wir doch auch zurück. Ein Land anzugreifen, das mit Raketen auf uns schießt, ist nichts anderes." Nur ist Japans Armee (ihr offizieller Name lautet "Selbstverteidigungskräfte") für solche Offensiven bislang nicht ausgerüstet. Es fehlen Langstreckenbomber, Luft-Boden-Raketen und Marschflugkörper.

Das also hat Kim Jong Un geschafft: Das pazifistische Japan streitet darüber, ob die bisherige Definition des Begriffs "Selbstverteidigung" noch zeitgemäß ist. Die einen fassen den Begriff traditionell eng: Nur ein direkter Angriff auf japanisches Territorium darf abgewehrt werden. Bisher ist das die gültige Politik, deshalb wurde die Rakete, die das Land am Dienstag überflog, auch nicht abgeschossen. Die anderen sagen: Schon ein bevorstehender Angriff berechtige zur Selbstverteidigung. Deshalb sei ein präventiver Schlag gegen das Gebiet des Gegners oder Provokateurs legitim.

In Richtung der US-Pazifikinsel Guam hat Kim Jong Un seine Mittelstreckenraketen vorsichtshalber nicht fliegen lassen; er hätte damit unweigerlich eine militärische Reaktion der Amerikaner ausgelöst. Aber auch so mobilisiert er eine geschlossene Front des Widerstands, einschließlich Russlands, Chinas – und Japans. Ob daraus gemeinsames Handeln wird? So rasch wohl nicht. Aber Kim marschiert weiter entschlossen auf den selbst gegrabenen Abgrund zu.