Scherze kennen kein Tabu im Senegal. "Pass auf, morgen schlachte ich dir ein Schwein! Das koche ich dir, das isst du, und du wirst Christin", sagt der Christ zur Muslimin. "Dein Schwein kannst du selber essen", schießt die Muslima zurück.

"Ihr wart die Sklaven, wir waren die Könige", sagt ein Mann aus der Diola-Ethnie zu einem Serer. "Ach was, versklavt wurdet doch ihr!"

Man bespöttelt die angeblich mangelnde Intelligenz des anderen oder sein unvorteilhaftes Aussehen, lacht über religiöse und ethnische Klischees. Jeder im Senegal verspottet irgendeinen anderen. Eigentlich müssten die Menschen hier einander die Köpfe einschlagen.

Genau das tun sie aber nicht. In einer Region, in der viele Länder unter Konflikten leiden, ist der Senegal eines der stabilsten. Warum?

Betrachtet man eine Karte Afrikas, dann ist der Senegal das kleine Dreieck an der westlichsten Spitze des Kontinents, in das sich ein noch viel kleineres Land schmiegt: Gambia. Der Senegal ist ein Land von mehr als 15 Millionen Einwohnern, die Schätzungen der Weltbank zufolge über ein jährliches Durchschnittseinkommen von knapp 2.500 Dollar verfügen. Ein Land, in dem Hip-Hop so wichtig ist, dass einmal wöchentlich die Nachrichten gerappt werden. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um 6,6 Prozent, doch verdienen daran in erster Linie ausländische, vor allem französische Konzerne. Sie reinvestieren ihre Gewinne nicht, und es gibt keine nennenswerte eigene Industrie, weshalb die vielen jungen Leute vom Aufschwung kaum etwas mitbekommen.

Der Senegal hätte das Potenzial, ein sehr viel wohlhabenderes Land zu sein. Aber auch ein sehr viel konfliktreicheres. Man muss sich nur in der Region umschauen. In Mali, Nigeria, Burkina Faso und Kamerun treiben Islamisten ihr Unwesen. Im Narcostaat Guinea-Bissau hat noch keine Regierung ihre reguläre Amtszeit beendet.

Im Senegal hingegen gab es nie einen Putsch, die Demokratie ist trotz kleinerer Unzulänglichkeiten stabil. Obwohl mehr als 90 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind und in unmittelbarer Nachbarschaft des Landes Dschihadisten ihr Unwesen treiben, kam es bisher zu keinem terroristischen Anschlag, der Einfluss radikaler Gruppen ist gering. Muslimische und christliche Nachbarn feiern gemeinsam das Fastenbrechen, Muslime stellen sich zu Weihnachten einen Baum ins Haus. Es gibt gemischte Ehen, und die mehr als zwanzig Ethnien des Landes leben friedlich zusammen. Woran kann das liegen? Nicht zuletzt an den Scherzen, sagen die Senegalesen.

Denn es handelt sich dabei nicht einfach nur um Spötteleien, sondern um einen uralten Schlichtungsmechanismus: die cousinage à plaisanterie oder parenté plaisantante, wie man hier sagt, was sich mit "Scherzverwandtschaft" übersetzen lässt. "Mit einem anderen scherzverwandt zu sein", sagt ein Informatikstudent, "bedeutet, dass du ihm alles sagen kannst. Du darfst ihn beschimpfen, jeden Witz auf seine Kosten reißen. Er wird nicht beleidigt sein, so wie ich nicht böse bin, wenn er mir sonst was an den Kopf wirft. Du scherzt für einen guten Zweck: für den Frieden zwischen den Ethnien."

Besuch bei Raphaël Ndiaye, Ethnolinguist, Philosoph und Direktor des Léopold-Senghor-Kulturinstituts in Dakar. Die Scherzverwandtschaft, sagt Ndiaye, gehe auf Soundiata Keïta zurück, den Gründer des legendären Mali-Reiches.