Jens Spahn, Staatssekretär im Finanzministerium, hat ein Problem mit jungen Leuten, die Englisch sprechen. Na, dann ist ja alles gut, möchte man sagen. Wenn der Mann sonst keine Probleme hat, muss er ein glückliches Leben führen. Aber für Jens sind diese Englisch sprechenden Jugendlichen, die er übrigens mit einem Anglizismus belegt, nämlich "Hipster", ein politisches Problem. Sie gründen eine "Parallelgesellschaft". Wenn sie sich mit Kellnern, die ebenfalls "Hipster" sind, in Cafés unterhalten, dann fühlen sich Menschen, die nicht gut im Englischen sind, ausgestoßen – und das mitten in Berlin. Sagt Jens Spahn.

Ich sehe auch, dass die Gesellschaft immer weiter auseinanderzufallen, sich aufzulösen droht. Aber bislang dachte ich, dass das zum Beispiel mit den radikalen Veränderungen der Arbeitswelt zusammenhängt, damit, dass Millionen Jobs durch Roboter ersetzt werden; damit, dass nicht mehr alle in der digitalen Welt mithalten können, und nicht so sehr daran, dass Kinder Englisch lernen und es sogar sprechen.

Es gibt also andere und drängendere politische Probleme als die Sprache von Kellnerinnen und Kellnern, und dass sich jemand, der sich selbst zur Nachwuchsreserve der Union zählt, genau das aufs politische Spielfeld holt, mutet als erstaunlich unpolitische Themenwahl an. Sie passt allerdings zur allgemeinen Stimmung in Deutschland und zum vor sich hinmerkelnden Wahlkampf. Kriege, Krisen, taumelndes Europa, Erderwärmung, die Zukunft der deutschen Industrie: Who cares?, möchte man sagen, wenn man es denn nach dem Spahnschen Sprachpurismus noch sagen dürfte – Hauptsache, Kellner reden mit ihren deutschen Gästen nicht Englisch und Hipster untereinander bitte auch nicht. Insofern ist Spahns Hipster-Intervention politisch doch ernst zu nehmen. Sie führt die Republik weiter in den geschlechtslosen Nebel aus Entpolitisierung und Nischenthemen. Und das ist strategisch. Solange wir über Nebensächlichkeiten diskutieren, setzen wir uns nicht mit den großen Fragen auseinander. Für die CDU ist die Hipster-Intervention strategisch auch nicht doof, weil sie Momente des Populismus hat. Derer sind vier zu nennen:

Erstens wird ein Einzelfall verallgemeinert. So hat es schon Guido Westerwelle mit Florida-Rolf gemacht, einem Arbeitslosen, der angeblich in Florida von Hartz IV in Saus und Braus lebte. Woraus damals gefolgert wurde, dass alle Hartz-IV-Bezieher buchstäblich in der sozialen Hängematte faulenzen. Aus einem werden alle, und das noch überall, das Bild sitzt, Gegenargumente und Fakten greifen nicht mehr – das ist populistisch. Ich sitze übrigens auch manchmal in Berliner Cafés, und noch nie hat mich ein Kellner auf Englisch angesprochen.

Zweitens bedient der Populismus Vorurteile und Ressentiments. Das ist auch hier so. Das Beispiel ist eine neue Version des alten Liedes "Früher war alles besser". Es spielt mit der Metapher des kulturellen Niedergangs, die zum festen und ältesten Arsenal der abendländischen Gefühlswelt gehört. Seit der Vertreibung aus dem Paradies ist alles schlechter geworden. Und gerade in der Kultur und Subkultur wurde jede Jugendbewegung mit Argwohn und Ablehnung begleitet. Spahn hätte ja auch schreiben können, wie famos es ist, dass offenbar "die Jugend" gut Englisch spricht, dass Berlin gerade dadurch zur attraktiven Metropole geworden ist – weil Metropole eben nicht bedeutet, in engen Sprach- und Kulturgrenzen zu denken und zu reden, und schade sei nur, dass die deutschen Kellner nicht genauso häufig Französisch, Portugiesisch oder Spanisch (oder wie wäre es mal mit Polnisch und Arabisch?) sprechen würden. Aber dann wäre die Jugend ja gut, aufgeklärt und vorbildlich ...

Drittens teilt Spahn die Gesellschaft: Jung gegen Alt, Berlin gegen das Land, Hipster gegen Normalos. Und da die meisten Menschen nicht Hipster sind, nicht in Berlin leben und womöglich auch noch nie in Cafés waren, wo deutsche Kellner sie auf Englisch angesprochen haben, ist Spahns Argument immer mehrheitsfähig.

Viertens macht der Autor einen Imaginationsraum auf, der an die Leitkulturdebatte anschlussfähig ist. Immerhin geht es um die deutsche Sprache, die "Sprache von Goethe und Schiller, von Thomas Mann und Herta Müller". Die deutsche Sprache, von der der Philosoph Martin Heidegger gesagt hat, sie sei neben dem Altgriechischen die einzige, in der man überhaupt philosophieren könne. Es geht also um das Ganze, um den Fortbestand unserer Kultur ... Das ist schon ein erstaunlich weiter Weg, den Spahn von der Ansprache durch einen deutschen Kellner auf Englisch zur Dystopie des kulturellen Verfalls zurücklegt.