DIE ZEIT: Herr Regener, wären Sie beleidigt, wenn man Ihr Buch Wiener Straße einen historischen Roman nennen würde?

Sven Regener: Nein, gar nicht.

ZEIT: Ihr berühmter Frank Lehmann ist wieder dabei, allerdings nur in einer Nebenrolle. Und wieder sitzen wir mit ihm im Café Einfall.

Regener: Der neue Roman ist keine Fortsetzung meiner Lehmann-Trilogie, obwohl er wenige Tage nach dem Ende von Der kleine Bruder beginnt.

ZEIT: Die meisten Ihrer Protagonisten entstammen einem besonderen Künstlermilieu, es sind Hausbesetzer, Tagediebe. Wir befinden uns in Berlin-Kreuzberg, Anfang der Achtziger, nicht weit weg steht die Mauer.

Regener: Die Westberliner Kunstszene hat sich damals auf Kreuzberg und Schöneberg konzentriert. Wobei die Szene in Schöneberg düsterer war, experimenteller und avantgardistischer als in Kreuzberg. Manche Figuren im Roman gehören wahrscheinlich eher nach Schöneberg. Kreuzberg hatte mehr von diesem Hippie-Touch, diesem Selbstverwirklichungsimprovisationstheater.

ZEIT: Es ist auch ein Roman über den Hedonismus dieser Zeit. Junge Menschen, die in Berlin an das Große der Kunst glauben und etwas romantisch und naiv sind. Wie kann man es sich dort zu dieser Zeit vorstellen?

Regener: Hedonismus? Ich weiß nicht. Das Interessante an Kreuzberg war, dass sich die bildende Kunst durch die Punkszene entakademisiert hatte. Das war neu. Plötzlich herrschte das Gefühl, dass jeder mitmachen konnte. Dass Kunst nicht mehr von einem gemacht sein müsse, der von der Hochschule kommt. Das war plötzlich egal.

ZEIT: Einer stellt, wie in Ihrem Buch, einen verbrannten Kuchen in die Vitrine des Cafés und sagt, seht her – Kunst. So also?

Regener: Ja! Und so ist es auch richtig: In dem Moment, in dem man es zur Kunst erklärt, ist es das auch. Man muss das Großartige an solchen Leuten sehen, bevor man sie als Idioten darstellen oder sie idiotisch handeln lassen kann. Man muss sie dazu gleichzeitig auch lieben.