DIE ZEIT: Herr Höppe, Sie arbeiten für die Munich Re, eines der weltweit größten Unternehmen, bei denen sich die Versicherungen selbst absichern – zum Beispiel gegen unerwartet heftige Stürme. Wie viel Geld wird Tropensturm Harvey kosten?

Peter Höppe: Bisher kann das noch niemand einschätzen, Harvey ist ja noch aktiv. Generell lässt sich sagen, dass Harvey zwar mit größerer Geschwindigkeit als damals der Hurrikan Katrina auf die amerikanische Küste getroffen ist – aber in einem Gebiet, das nicht so dicht besiedelt ist und in dem er daher deutlich weniger Schaden anrichten konnte als Katrina im Jahr 2005. In Houston hat der Sturzregen der letzten Tage eine Flutkatastrophe ausgelöst, Wohngebiete überschwemmt und vor allem Straßen, Schienen und das Stromnetz beschädigt.

ZEIT: Houston ist ein Zentrum der Ölindustrie. Was ist mit den riesigen Raffinerien?

Höppe: Schäden an Plattformen oder Raffinerien sind uns bislang nicht bekannt. Die Anlagen sind professionell geführt und gut geschützt. Aber noch mal: Es ist generell zu früh, um den Schaden abzuschätzen.

ZEIT: Wirbelsturm Katrina hat damals rund 125 Milliarden US-Dollar gekostet, er galt als einer der schwersten Wirbelstürme der USA. Harvey ist ein Tropensturm mit Folgen historischen Ausmaßes. Häufen sich solche extremen Unwetter in letzter Zeit?

Höppe: Weltweit hat sich die Zahl der Wetterereignisse, die Schäden anrichten, seit Beginn der 1980er Jahre etwa verdreifacht. Bei den Hurrikans gibt es einen natürlichen Zyklus, der seit 1995 zu mehr starken Stürmen führt. Das heißt aber nicht, dass auch die Schäden automatisch steigen. Gegen Flussüberschwemmungen etwa können wir uns heute gut schützen. Dank massiver Investitionen in den Hochwasserschutz haben die Schäden dort weltweit sogar abgenommen, obwohl es mehr starken Regen gibt als früher. Ganz anders sieht es bei Hagel, Starkregen und heftigen Winden aus, die sich aus großen Gewitterzellen entwickeln: Sie richten immer mehr Schaden an – selbst wenn man die normalisierten Schäden betrachtet, wenn man also die Inflation herausrechnet und die Tatsache, dass es heute höhere Werte gibt, die durch ein Unwetter zerstört werden können.

ZEIT: Nehmen solche zerstörerischen Gewitterstürme auch in Deutschland zu?

Höppe: Ja, in Deutschland haben sich von den zehn teuersten Gewittern der letzten 40 Jahre sieben seit dem Jahr 2013 ereignet. Das ist schon eine auffällige Häufung. In den 1980er Jahren betrug die Summe der normalisierten Gewitterschäden jährlich etwa 200 Millionen Euro. Heute sind es 1,5 Milliarden Euro. Die Unwetter werden also häufiger – und heftiger. Allerdings nicht so stark wie in den USA, wo durch die besondere Topografie viel intensivere Gewitterzellen entstehen können. Es gibt dort kein Gebirge, das die kalten arktischen Luftmassen von den feuchtwarmen Luftmassen des Golfes von Mexiko trennt. Sie treffen direkt aufeinander, deshalb sind die Unwetter in den USA so heftig. In Europa haben wir die Alpen, das mäßigt die Sache etwas.

Joe Raedle/Getty Images
Klimawandel! Was heißt das?

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Die Erderwärmung bedroht die Welt, aber wie genau? Wir erklären Wetter, Klima und warum der Wandel so gefährlich ist.

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Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

sagt, warum das ein Problem ist:

"Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz."

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Das Wetter

… ist der Zustand der Atmosphäre zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.

Was ist Wetter, was Klima?

Das Klima

... ist das durchschnittliche Wetter über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, etwa 30 Jahre.

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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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ZEIT: Warum gewittert es heute häufiger und stärker?

Höppe: Wir haben deutliche Hinweise darauf, dass der Klimawandel einen Beitrag liefert. Weil sich die Ozeanoberflächen erwärmen, verdunstet mehr Wasser. Wasserdampf ist der Treibstoff für Gewitter wie auch für Hurrikane. Wenn sich Gewitterwolken bilden, kondensiert der Wasserdampf in der Atmosphäre, dabei wird Wärme frei, die wiederum erzeugt Auftrieb und lässt die Gewitterzellen wachsen. An die Eiskerne der Hagelkörner kann sich mehr Wasser anlagern. Das Niederschlagspotenzial steigt: Wenn mehr Wasser in der Atmosphäre ist, kann auch mehr Wasser ausfallen.

ZEIT: Das heißt, der Klimawandel macht den Regen stärker und die Hagelkörner dicker?

Höppe: Ja. Das Potenzial dazu verstärkt er auf jeden Fall.

ZEIT: Was geht dabei besonders oft kaputt?

Höppe: Autos, Dächer, Fassaden. Das wird übrigens von Jahr zu Jahr teurer, weil auf den Dächern immer öfter Fotovoltaikanlagen montiert sind, die sehr empfindlich sind. Oder weil Fassaden mit Wärmedämmung vom Hagel leicht durchlöchert werden. In der Landwirtschaft kann ein Hagelgewitter Felder und ganze Ernten zerstören.

ZEIT: Wie gut können wir uns schützen?

Höppe: Leider nicht so gut wie vor Flussüberschwemmungen. Da weiß man genau, wo der Fluss ist und wo die gefährdeten Gebiete liegen, man kann gezielt Deiche bauen. In einer Gewitterzelle dagegen herrschen chaotische Bedingungen. Man weiß nie, wo sie sich austobt, es kann jeden treffen.

ZEIT: Heißt das, wir sind immer stärkeren Unwettern einfach ausgeliefert?

Höppe: Man kann schon vorbeugen, zum Beispiel Dachmaterialien verwenden, die resistenter gegen Hagel und Starkwinde sind. In den USA finanziert die Versicherungswirtschaft sogar ein eigenes Forschungsinstitut mit Labors, in denen künstlicher Hagel produziert wird, und einem riesigen Windkanal, in den man ganze Häuser stellen kann. Dort werden Dachziegel und Dämmplatten mit Hagel beschossen. Die Forscher schlagen dann Baustandards vor, um die Häuser weniger anfällig zu machen.