Bei der Gleichberechtigung stünden sich deutsche Frauen selbst im Weg, schrieb vor zwei Wochen Rudi Novotny in seinem Artikel Die Schuld der Mütter (ZEIT Nr. 34/17). Die meisten Frauen, argumentierte er, fügten sich freiwillig in die traditionelle Rolle der Zuverdienerin, sobald sie ein Kind bekämen. Sie wollten nämlich gar nicht so dringend emanzipiert leben. Anders ließe sich nicht erklären, warum nur 14 Prozent der Paare Haushalt, Erziehung und Beruf fair teilen, wie es im Väterreport 2016 der Bundesregierung steht. Politik und Wirtschaft hätten schließlich viele Maßnahmen ergriffen, um Familie und Beruf möglich zu machen. Novotny folgert: "Das größte Problem für die Vereinbarkeit sind die Frauen selbst."

Ganz so einfach ist es nicht.

1. Der deutsche Staat fördert finanzielle Ungleichheit in Partnerschaften systematisch

Es ist zwar richtig, dass der Staat allerlei familienpolitische Leistungen anbietet. Allerdings fördern diese in der überwältigenden Mehrzahl weder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, noch setzen sie Anreize für eine gerechte Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit. Im Gegenteil: Die deutsche Familienpolitik ist in weiten Teilen gnadenlos antiquiert und unterstützt es, wenn sich einer der Partner mit dem Geldverdienen zurückhält. Bekanntestes Beispiel ist das Ehegattensplitting, durch das Ehepaare mit besonders ungleichem Einkommen mehrere Tausend Euro im Jahr sparen können. Auch der Väterreport kritisiert, dass Einkommenssteuerrecht und Sozialversicherungsrecht die Berufstätigkeit von Müttern hemmen. Der Staat fördert systematisch das alte Alleinverdiener-Modell. Damit unterläuft er eines der Ziele, die er mit dem Elterngeld erreichen will: die Männer für Fürsorgetätigkeiten zu gewinnen. "Das Elterngeld ist die einzige ehe- und familienbezogene Maßnahme, die über die Partnermonate explizit Väter anspricht", hält der Väterreport fest. Es ist eine in Bezug auf die Geschlechtergerechtigkeit sehr gute Maßnahme. Aber eben die einzige.

2. Gut Verhandeln bringt nichts, solange Männer mehr verdienen

Wenn sich wirklich etwas daran ändern solle, schreibt Novotny, dass die Frauen immer für den Haushalt zuständig sind, helfe nur eines: Sie müssten bei der Verteilung der Erziehungsarbeit besser mit ihrem Partner verhandeln. Das wäre ein schlechter Rat, wenn es denn stimmen sollte, dass das Emanzipationsbedürfnis von Frauen nicht so stark ist. Aber setzen wir es einmal als gegeben voraus: Dann hätten die Männer trotzdem meist das stärkere Argument. Denn: "Die scheinbare Offenheit, wer nun die Berufs- und wer die Familienarbeit übernimmt, [wird] in der Praxis allerdings dadurch konterkariert, dass berufstätige Männer vor der Geburt des ersten Kindes weitaus häufiger das größere Einkommen erzielen." So steht es in der Allensbach-Studie von 2016, die Novotny zitiert. Annähernd die Hälfte der befragten Väter verdiente deutlich mehr als ihre Partnerin. Die Zahlen zeigen umgekehrt: Ist das Gehalt vorher ähnlich, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Paar anschließend etwa gleich viel arbeitet.

Solange es ökonomischer Unsinn wäre, wenn die Männer im Job zurücksteckten, werden es wohl weiterhin die Frauen tun.

3. Die Hälfte der Frauen will verzichten – die andere nicht

Novotny sagt, die Vereinbarkeitsdebatte müsse sich der Erkenntnis stellen, dass Paare vielleicht gar nicht emanzipiert sein wollten. Aber was genau würde daraus folgen? Man kann sich wundern, dass heutzutage die Hälfte der Eltern von Kindern bis zu sechs Jahren denkt, dass sich die Mutter vorwiegend um die Betreuung der Kinder und der Vater vor allem um die Berufsarbeit kümmern sollte, will die Allensbach-Studie herausgefunden haben.

Aber: Verzichten die Frauen wirklich gern? Oder bekommen sie so lange eingeimpft, dass sie fürsorglich zu sein haben, bis sie sich in die lebenslange Teilzeit fügen – Altersarmut hin oder her?

Emanzipationsprozesse beruhen auf Wechselwirkungen institutioneller Maßnahmen und persönlicher Lebensentscheidungen. Man kann nicht auf die passende Quote warten. Wer die Schuld aber den Müttern zuschiebt, indem er behauptet, sie wollten nicht, macht es sich zu einfach. Und nicht nur das: Er stellt den Sinn gleichstellungspolitischer Maßnahmen infrage. Das tut der anderen Hälfte der Eltern unrecht. Die wünscht sich, laut Allensbach-Studie, eine Beziehung, in der beide Partner eine gute berufliche Perspektive haben.

4. Besser als Schuldzuweisungen: Mehr Mut in der Familienpolitik

Wenn 60 Prozent der Paare sagen, sie würden sich Job und Haushalt gern gerecht teilen, aber nicht einmal ein Viertel von ihnen das tut, sind die äußeren Bedingungen offenbar doch nicht so günstig für ein emanzipiertes Familienleben.

Eine Maßnahme, das zu ändern, wäre eine festgeschrieben gleichmäßige Verteilung des Elterngelds. Jeder bekommt bis zu sieben Monate – was nicht abgerufen wird, verfällt. Zweiter Vorschlag: Ein gesetzlich geregelter Teilzeitanspruch mit Rückkehrrecht auf die volle Stelle für alle Eltern kleiner Kinder. Dann können beide die Arbeitszeit reduzieren, ohne Angst haben zu müssen, langfristig nicht genug zu verdienen.

Laut Väterreport arbeiten Väter in Deutschland durchschnittlich 45 Stunden in der Woche. Wären es nur 35 Stunden, hätten sie pro Tag zwei Stunden mehr, um mit den Kindern zu toben und hinterher noch in Ruhe die Küche aufräumen.