DIE ZEIT: Frau Bohnet, Sie forschen seit zehn Jahren zur Gleichberechtigung – und Sie haben selbst schon lange Personalverantwortung. Wann haben Sie zuletzt eine Frau benachteiligt?

Iris Bohnet: Ich glaube, das passiert mir nicht mehr. Ich war aber schon kurz davor. Ich musste als Dekanin in Harvard eine neue Professorin einstellen. Beim Vorstellungsgespräch habe ich ihr ein Gehaltsangebot gemacht, das einige Tausend Dollar unter meinem maximalen Spielraum lag. Ich rechnete damit, dass sie nachverhandeln würde – hat sie aber wie so viele Frauen nicht getan. Mir war das so unangenehm, ich habe sie angerufen und gesagt, ich könne ihr noch mehr zahlen.

ZEIT: Wie gehen Sie heute vor?

Bohnet: Ich versuche, die Ambivalenz aus der Verhandlung zu nehmen, und teile mit, was verhandelbar ist. Ich kann natürlich nicht sagen: "Wenn ich Sie wäre, würde ich jetzt mal 10.000 Euro mehr verlangen." Aber Frauen verhandeln eher, wenn man ihnen das Recht dazu gibt. Also zeige ich auf, an welchen Punkten es sich zu verhandeln lohnt.

ZEIT: Studien zeigen, dass Frauen, die verhandeln, unsympathisch wirken. Woran liegt das?

Bohnet: Weil wir forsches Auftreten nicht mit Frauen assoziieren. Sie widersprechen dann dem Rollenbild, das wir von ihnen haben – und für diese Verletzung der Norm bestrafen wir sie, indem wir sie weniger mögen oder Gehaltsforderungen ablehnen. Auch bei Männern gibt es solches Klischeedenken, das zeigen viele Studien: Männer wurden etwa diskriminiert, wenn sie sich als Sekretäre bewarben, Frauen, wenn sie Stellen als Ingenieurinnen suchten.

ZEIT: Lässt sich damit schon erklären, dass nicht einmal ein Drittel aller Führungspositionen von Frauen besetzt werden?

Bohnet: Nein. Eine weitere wichtige Ursache ist, dass wir Menschen lieber mögen, die uns ähneln – bei Aussehen, Religion oder Ausbildung.

ZEIT: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Bohnet: Ich habe neulich mit einer Anwaltskanzlei zusammengearbeitet, wo aufgefallen war, dass Frauen seltener befördert wurden als Männer. Bei der Suche nach den Ursachen merkte ich, dass die Partner – alles Männer – jedes Jahr verschiedene Junganwälte auswählten, mit denen sie zusammenarbeiten wollten. Das waren meist auch weiße Männer, die am besten auch in Yale studiert hatten. Die Benachteiligung begann schon früh. Das hat nicht nur Frauen betroffen, auch Schwarze und Ausländer.