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Der 40-jährige Lastwagenfahrer Ali aus Izmir zeigte letztes Jahr seine Ehefrau wegen "Beleidigung unseres Staatspräsidenten" an. Der Anzeige legte er einen Tonmitschnitt bei. Er hatte aufgezeichnet, wie seine Frau geschimpft hatte, als Erdoğan im Fernsehen auftrat. Seine Frau solle bestraft werden, verlangte er und reichte die Scheidung ein. "Selbst meinen Vater würde ich anzeigen, wenn er unseren Staatspräsidenten beschimpft", erklärte er.

In Alis psychischer Verfassung stecken die Anzeichen der Depression, die die Türkei gepackt hält. Die von Erdoğan verbreitete Feindseligkeit spaltet die Gesellschaft und die Familien. Dank des von der Regierung angeheizten Denunziationsapparats lebt die Türkei unter einer Mikroblockade, die staatliche Kontrolle überflüssig macht.

Der diese Woche anlaufende Film Abluka (internationaler Titel: Frenzy) bringt diesen paranoiden Zustand auf die Leinwand. In seinem letzten Film Beyond the Hill hatte Regisseur Emin Alper die Ängste einer Gemeinschaft gezeigt, die sich gegen einen unsichtbaren Feind rüstet. Jetzt beschäftigt er sich in einem wiederum düsteren Film damit, wie den Menschen ins Bewusstsein gepflanztes Misstrauen ein Land, Städte, Stadtteile, Nachbarn und zunehmend auch Familienmitglieder gegeneinander aufhetzt. Der Film dokumentiert, wie Big Brothers Auge, das auf nationaler Ebene jeden Winkel unter Kontrolle hat, zu einer Totalblockade mutiert, die auf lokaler Ebene Menschen in einem Stadtviertel dazu bringt, jedes Haus, jedes Fenster, jedes Leben zu beobachten und zu melden.

Resultat: eine Isolation, die aus den Haftanstalten auf die Straßen schwappt, von den Straßen in die Häuser, über Bildschirme in die Wohnzimmer eindringt und sich zunehmend in der Psyche festsetzt. Eine umfassende Belagerung, bei der jeder jeden blockiert. Eine Staatsmacht, die mit Ausweiskontrollen, Sicherheitssperren, Panzerfahrzeugen und Hubschraubern die Gesellschaft drangsaliert und dank des Geschicks der kleinen Leute bis in die winzigsten Zellen der Gesellschaft eindringt. Eine ans Kreuz der Angst geschlagene Gesellschaft.

Der Film Abluka, von Regisseur Alper als "politisch-psychologischer Thriller" eingestuft, zeigt uns, aus welcher psychischen Situation heraus Lkw-Fahrer Ali die Stimme seiner Frau aufnimmt und damit zur Polizei läuft.

Dabei spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle: die Angst, jemand könnte es mitkriegen, das Bestreben, sich bei der Macht einzuschmeicheln, die Gewitztheit, von Verwirrung zu profitieren, das Wegdrücken der eigenen Unwichtigkeit durch Denunziation; allesamt Motivationen, die in der Geschichte Gesellschaften in ungeheure Katastrophen geführt haben. Am Ende der zwei Stunden fühlen Sie sich von der Dystopie bedrückt.

Der Film wirkt unendlich hoffnungslos. Er zeichnet das Porträt eines Staats, der in all seiner Größe willigen kleinen Leuten, die so weit heruntergekommen sind, den Müll nach Material zum Bombenbau zu durchstöbern, die Kompetenz zur Grausamkeit an die Hand gegeben hat und der in dem selbst geschaffenen Grauen den Verstand verloren hat.

Die Massengräber, die von Ausrottungsmannschaften im Auftrag der Stadt mit Hundekadavern gefüllt werden, sind furchtbar. Doch ein Jäger, der sich heimlich des Hundes annimmt, den er verwundet hat, macht uns Hoffnung für die Zukunft.

In dieser lang andauernden Massenvergiftung steckt auch das Gegengift zur Heilung der Seelen und Wunden. Sobald sie es ausgräbt, wird die Türkei die Blockade, in der sie gefangen ist, durchbrechen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe