Kurz vor Mittag besteige ich den Minibus nach Santa Marta. Ich bin spät dran, was mir den besten Sitz einbringt, gleich neben dem Fahrer. Dann geht es los, die Küste entlang. Auf der Fahrt aus Cartagena hinaus passieren wir Baustelle um Baustelle, durchqueren Mangrovensümpfe; Hochhäuser ragen aus dem Uferdickicht empor. Dann wird die Landschaft trockener. An die Stelle der Bäume treten Gestrüpp, spärliches Gras, Kakteen. Die Erde glitzert wie gesalzen. Auf der anderen Seite der Straße schäumen die türkisblauen karibischen Wellen an den Strand.

Als wir uns Santa Marta nähern, kreuzt ein Kohlezug unseren Weg. Kolumbien hat nicht nur wunderbare Strände, sondern ist auch ein führender Kohleproduzent – berüchtigt wegen der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur. In der Hafenstadt Santa Marta setzt mein Busfahrer mich zwischen gelb und weiß verputzten Häusern im Kolonialstil ab. Hier flanieren kolumbianische Touristen, fliegende Händler verkaufen gesalzene Mangos, und eine golden bemalte Frau, die sich ausstaffiert hat wie eine Fantasie-Indianerin, lässt sich gegen Geld fotografieren.

Hinter ihr schwingt sich das Reich der Ureinwohner bis auf 5.775 Meter empor: die Sierra Nevada de Santa Marta. Oben gibt es Schnee und Gletscher, unten Palmen und Meer, dazwischen Regenwald und Savanne. Eine einmalige Vielfalt von Landschaften auf engem Raum. Das ist die Heimat der Tayrona. Von ihnen stammen vier Völker ab, die an den Berghängen leben: die Kogi, die Arhuaco, die Wiwa und die Kankuamo – zusammen mehrere Zehntausend Menschen.

Die Berge sind für diese Völker das Herz der Welt. Ihre heilige Aufgabe ist es, von hier aus alles im Gleichgewicht zu halten – so will es das Ley de Origen, das Gesetz, das am Anfang war. Sorge dafür, dass die Welt nicht aus der Balance gerät! Befolge die alten Regeln! Bewahre die Natur! Das glaubten ihre Vorfahren schon vor 3.000, vielleicht auch 4.000 Jahren, auf jeden Fall noch ehe es das Christentum gab. Für sie ist die ganze Welt ein lebendiger Körper. Materie und Geist, Sichtbares und Unsichtbares sind untrennbar verbunden. Wer also das Gesetz nicht befolgt, stört stets das gesamte Gleichgewicht, verursacht Naturkatastrophen und Kriege, ob nah oder fern. Das ist der Glaube der Völker in der Sierra Nevada.

Ich will mehr darüber wissen, deshalb habe ich mich mit Alfonso Torres verabredet, einem Führer der Arhuaco. Er leitet die Casa de Paso Indígena: ein Gesundheitszentrum in Santa Marta, das sich um jene Ureinwohner kümmert, denen oben in den Bergen nicht geholfen werden kann. Nein, sie haben nichts gegen die westliche Schulmedizin. Siebenundsechzig Dörfer werden versorgt, in Notfällen tragen Verwandte die Kranken in Hängematten zur nächsten Straße.

Als ich den Hof des Gesundheitszentrums betrete, sitzen dort Männer und Frauen im Schatten, sie betrachten mich schweigend. Kinder laufen umher. Alle sind weiß gekleidet. Ihre Tracht steht für den Auftrag, die Erde zu bewahren: Die weiße, konische Mütze der Männer symbolisiert die Gletscher der Sierra Nevada; die Sandalen sind Sinnbild des Meeres; der Überwurf, Gürtel und Hosen sind die Vegetation. Doch nur die mamos, die spirituellen Führer, dürfen Reinweiß tragen. In die Kleidung der anderen sind dunkle Borten gewebt. Die mamos (meist Männer, selten auch Frauen) legen das Gesetz aus, machen Regeln für die Gemeinschaft.

Alfonso Torres, der mich erwartet, stammt aus einer Familie von mamos. Sein Vater ist einer, sein jüngerer Bruder will einer werden. "Sie leben weit oben in der Sierra und steigen nur selten herab." Alfonso selbst, ein vierzigjähriger Anwalt, lebt in beiden Welten. "Wenn du starke Wurzeln hast, kannst du auch im Westen viel erreichen." Er steht der Organisation Gonawindúa vor, die das Gesundheitszentrum betreibt. Gonawindúa, höchster Berg der Sierra, gilt den Ureinwohnern als Ursprung des Seins. Alfonso trägt die weiße Tracht, dazu zwei geknüpfte Beutel, mochilas, sie haben geometrische Muster in Braun, Grau, Beige, Rot. Diese sehr alten Muster symbolisieren den Schöpfer, die Berge, die Schwingen des Adlers, die Gedanken von Frau oder Mann. Schon kleine Mädchen lernen, die Fäden zu spinnen. Es dauert Monate, eine solche mochila herzustellen.

Alfonsos Arhuaco-Name lautet übrigens Duanawingumu, guter Mann. Er bittet mich in sein Büro, in das nur ein Schreibtisch und zwei Stühle passen. Die Klimaanlage surrt, Alfonso erzählt: Jahrhundertelang wurden Kolumbiens Ureinwohner unterdrückt – von den spanischen Eroberern, von christlichen Missionaren, von der weißen Mehrheitsgesellschaft. Auch die Arhuaco sollten sich anpassen, ihre Sprache vergessen. Sie verloren den Zugang zum Meer. Erst seit ein paar Jahren erkämpfen sie sich langsam ihre Autonomie zurück. Gewaltfrei. Darauf legt Alfonso Wert.

Denn er hat selber erlebt, was Zwang bedeutet. "In der Schule drängten sie uns den katholischen Glauben auf. Unsere Kultur galt als das Schlimmste, die westliche Kultur als das Beste." Manche Arhuaco schämen sich deshalb bis heute ihrer Herkunft. Doch das ändert sich, langsam. Im Jahr 1991 schrieb eine neue Verfassung fest, dass die Rechte der Ureinwohner zu achten sind. Kolumbien räumte ihnen ein Mitbestimmungsrecht bei den Infrastrukturprojekten in ihren Territorien ein. In der Sierra Nevada laufen derzeit wohl tausend entsprechende Konsultationen. Zu viele, fanden die Ureinwohner – und legten vor Monaten alle Verfahren auf Eis.

Alfonso sagt: "Der Westen versucht, es sich gut gehen zu lassen, auch wenn es anderen schlecht geht." Das könne nicht funktionieren. Die Arhuaco seien fest davon überzeugt, dass es ihnen stets nur so gut gehen könne wie allen anderen: Menschen, Tieren, Pflanzen und sogar den unvorstellbaren Dingen. "Für uns kommt das Spirituelle zuerst. Für die Menschen im Westen das Materielle – auch wenn sie sich selber dadurch zerstören."

Die Arhuaco haben Zeremonien, um die verlorene Harmonie aller Dinge wieder herzustellen. Dabei wird der Erde etwas zurückgegeben, ein Ausgleich geschaffen. Der Gedanke der Vergeltung ist ihnen fremd. "Wenn du mir schadest, darf ich dir nicht schaden, sondern muss mich von dir fernhalten und eine Zeremonie abhalten, damit du dein Gleichgewicht findest." Die Arhuaco wollen diesem Glauben nun auch politisch Gehör verschaffen. Präsident Juan Manuel Santos ließ sich von ihnen in einer Zeremonie ins Amt einführen, und in Bogotá haben sie eine Art Botschaftsgebäude für den Dialog mit der Außenwelt gebaut.

Das Risiko: Lernen junge Arhuaco das komfortable westliche Leben kennen, wollen sie oft nicht zurück in die kargen Berge. Alfonso ist trotzdem gegen Abschottung. "Man muss das Fremde kennen, wenn man das Eigene verteidigen will." Was ist das Eigene? Zum Beispiel das Meer mit den heiligen Orten, deren Ruhe niemals gestört werden darf. Zu den bezauberndsten gehört Puerto Brisa. Der Hafen am Fuß der Sierra Nevada, nicht weit von Santa Marta, ist aber leider auch ein idealer Umschlagplatz für Kohle, Salz, Sand, Quarz, Gold, Blei – wichtig für jenen Wohlstand, den die Arhuaco nicht wollen. Deshalb haben sie gegen den Hafen demonstriert, auf ihre Art. Standen einfach am Strand. Zogen dann vors oberste kolumbianische Gericht. Baustopp! Trotzdem wurde der Hafen gebaut, und Präsident Santos weihte ihn ein. Einer der weisen Männer der Arhuaco sagte: "Wir dürfen ihm deshalb nicht böse sein."

Ich bleibe mehrere Tage bei den Arhuaco von Santa Marta. Am Ende zeigen sie mir ein verstecktes Heiligtum. Mein Fahrer Jaison Pérez (sein Arhuaco-Name lautet: der die Kultur bewahrt) arbeitet eigentlich als Pfleger in der Casa de Paso. Nun bringt er mich nach Katansama, zu einer Flussmündung am Meer. Wir passieren zunächst Souvenirläden, Restaurants, Parkplätze, nach einer guten Stunde biegen wir in einen Waldweg ein, er endet vor ein paar Schilfhäusern. Wäsche hängt zum Trocknen in der Sonne. Im Hintergrund blitzt Wasser zwischen den Bäumen. Der mamo Camilo erwartet uns schon.

Wir setzen uns zu ihm unter einen Baum mit ausladender Krone. Camilo lässt sich auf einem flachen Stein nieder, den knotigen Baumstamm im Rücken, und heißt uns willkommen. Er spricht die Sprache der Arhuaco, Jaison übersetzt, aber das sei nicht einfach: "Die Worte und Gedanken des mamo haben eine eigene Dimension." Camilo spricht ruhig und ausschweifend, hört aber auch geduldig zu. Zeit scheint hier keine Rolle zu spielen. Also: Katansama war seit Jahrtausenden heilig, dann wurden die Arhuaco vertrieben, erst seit Kurzem sind sie zurück, um den Ort zu heilen. "Wir müssen allen Menschen beibringen, die Welt zu erhalten. Wir haben uns diese Aufgabe nicht ausgedacht, sie wurde uns überliefert." Auch mein Besuch in Katansama sei kein Zufall, sagt der mamo. Ich müsse die Botschaft der Arhuaco weitertragen.

Mehr zum Thema lesen Sie in dem neuen Buch unserer Autorin Alexandra Endres, die durch Kolumbien gereist ist: "Wer singt, erzählt. Wer tanzt, überlebt" (DuMont Reiseabenteuer, im DuMont Reiseverlag).