Diese Frau ist für Millionen Inder eine Verräterin. Ihre Feinde schlagen brachiale Strafen für sie vor: Man solle Arundhati Roy an einen Armee-Jeep fesseln und sie als menschliches Schutzschild im Kaschmir-Konflikt einsetzen, twitterte unlängst ein bekanntes Mitglied der indischen Regierungspartei BJP. Andere werfen der wichtigsten indischen Schriftstellerin vor, eitel und hysterisch zu sein. Der Grund für den Hass: Roy greift Indien an – für die Ungerechtigkeiten seines Kastensystems, die verbreitete Gewalt gegen Frauen und vor allem für seine Rolle im Kaschmir-Konflikt. Sie wirft dem mehrheitlich hinduistisch geprägten Land vor, einen Religionskrieg gegen die muslimische Minderheit zu führen. "Seit 1947 gab es nicht einen einzigen Tag, an dem die indische Armee nicht im sogenannten eigenen Land aktiv gewesen wäre", sagte sie neulich in einem Interview, das von der ARD ausgestrahlt wurde. In ihrem neuen Roman "Das Ministerium des äußersten Glücks" beleuchtet sie unter anderem die Pogrome durch indische Nationalisten, bei denen im Frühjahr 2002 bis zu 2.500 Muslime starben. In Interviews vergleicht sie die regierungsnahe hinduistische Organisation RSS mit den Nationalsozialisten.

Auch den Westen verschont sie nicht: Ihm wirft sie einen verklärten Blick auf Indien vor. Für viele Hippie-Pilger ist das Land noch immer ein Selbstfindungs-Sehnsuchtsort, Gandhi-Kitsch inklusive. Arundhati Roy setzt der spirituellen Romantik in ihrem Roman endlose Schilderungen von Blut, Erschießungen und gebrochenen Knochen entgegen. Nur die Wirklichkeit ist unerträglicher. Roy will keine Träume verkaufen, sie will, dass man genau auf ihr Land schaut.