Auf einer Pressekonferenz im vergangenen Herbst lobte sich die Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) in einer sechsminütigen Rede selbst. Sie kündigte an, das Bafög um sieben Prozent zu erhöhen. Das sei "ein richtiger Sprung", orientiere sich an den Lebenshaltungskosten und würde "einen ordentlichen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit" leisten.

Im internationalen Vergleich ist Deutschland laut der OECD ein Land mit geringer Chancengleichheit im Bildungssystem. Kinder aus Arbeiterfamilien haben es hierzulande deutlich schwerer als Kinder von Lehrern oder Ingenieuren, an einen Uni-Abschluss zu kommen. Das hat verschiedene Gründe.

Eines der wichtigsten Instrumente, um Menschen den Aufstieg zu ermöglichen, ist in Deutschland tatsächlich das Bafög. Es soll garantieren, dass sich auch jemand das Leben als Student leisten kann, dessen Eltern kein Geld übrig haben, um ein WG-Zimmer in einer anderen Stadt, das Essen in der Mensa und die Kopierkarten zu finanzieren.

Eine neue Studie des Moses Mendelssohn Instituts (MMI), die in dieser Woche erscheint, zeigt: Obwohl Johanna Wanka das Bafög erhöht hat, reicht es noch lange nicht aus. Gemeinsam mit dem Portal WG-gesucht haben Wissenschaftler des MMI die Mietpreise in 93 deutschen Hochschulstädten untersucht. Im Schnitt zahlt man demnach für ein WG-Zimmer in Deutschland 353 Euro pro Monat. Das Bafög sieht für die Unterkunft nur 250 Euro vor.

"Die Bafög-Pauschale spiegelt die Situation in den meisten Hochschulstädten in keiner Weise wider", sagt Stefan Brauckmann, der Leiter des MMI. "Auf dem freien Wohnungsmarkt ist es nahezu unmöglich, mit einem solchen Wohnkostenbudget eine Bleibe zu finden." Bevor die Wohnkostenpauschale im Herbst 2016 um 24 Euro erhöht wurde, war das Bafög sechs Jahre lang gleich geblieben.

Die Wohnungsnot von Studenten ist schon lange bekannt. Pünktlich zum Semesterbeginn im September und Oktober wiederholen sich in jedem Jahr die Horrorgeschichten über lange Warteschlangen in Treppenhäusern, über Zeltlager vor Hörsälen und über dubiose Vermieter, die Acht-Quadratmeter-Zimmer für Hunderte Euro anbieten oder für einen Schlafplatz Sex als Gegenleistung verlangen. Gebessert hat sich nichts. "Der Wohnungsmarkt für Studenten ist so angespannt wie nie zuvor", sagt Stefan Brauckmann.

So zahlt man in München, der teuersten Stadt für Studenten, nach den Ergebnissen des MMI heute durchschnittlich 570 Euro für ein Zimmer, das sind 120 Euro mehr als in der zweitteuersten Stadt Frankfurt (450 Euro) – und mehr als doppelt so viel, wie die Bafög-Pauschale abdeckt.

Hoch sind die Mieten besonders in den Städten, die sehr beliebt sind. Das Argument, dann müsse man eben in einer günstigeren Stadt studieren, ist dennoch Quatsch: Zum einen kann man sich nicht aussuchen, an welcher Hochschule das Studienfach angeboten wird und wo man einen Platz bekommt. Außerdem sind nicht nur ein paar Großstädte horrend teuer, auch viele kleinere Städte sind für Studenten kaum bezahlbar.

An dritter und vierter Stelle auf der Liste der teuersten WG-Städte in Deutschland stehen Ingolstadt (430 Euro) und Konstanz (425 Euro). Diese Städte liegen damit sogar bereits vor Hamburg (420), Köln und Berlin (jeweils 400 Euro).

"Zwar gibt es immer noch starke regionale Unterschiede, aber das Problem der steigenden Mieten betrifft mittlerweile ganz Deutschland", sagt Stefan Brauckmann. "In gerade einmal fünf von 93 Städten reicht die Bafög-Pauschale heute noch für ein WG-Zimmer."

Diese fünf Städte liegen allesamt im Osten Deutschlands. Und selbst dort wandelt sich der Wohnungsmarkt derzeit auffällig. Früher konnten manche Studenten in Rostock ihre Freunde aus Köln oder Hamburg neidisch machen, weil sie für 25 Quadratmeter Altbauzimmer mit Stuck und Balkon keine 200 Euro bezahlten. Heute verlangen die Vermieter bereits 300 Euro im Schnitt.