Empörung ist ein flüchtiges Gefühl. Daniel Cohn-Bendit sagt, es sei mit ihr wie mit Ebbe und Flut. Gerade noch brechen sich die großen Wellen an den Klippen der Politik, schon sind sie wieder versickert. Ich erwische den ehemaligen Wortführer der französischen Studenten am Handy im Elsass. Dany le Rouge, wie er 1968 genannt wurde, ist inzwischen 72 Jahre alt. Seit ein paar Jahren sitzt er nicht mehr für die Grünen im Europaparlament. Doch anders als viele seiner Mitstreiter von damals ist er nicht müde geworden. Er versteht sich bis heute als Wachmacher. Vielleicht kann ich, vielleicht kann Demo etwas von ihm lernen.

Wir von Demo sind in Zeiten großer Fluten entstanden. Wie wichtig sie für uns waren, haben wir gemerkt, nachdem in den Niederlanden Rutte gegen Wilders und in Frankreich Macron gegen Le Pen gewann. Es herrschte ein Gefühl von "Puh, das ist ja grad noch mal gut gegangen". Die Empörung ebbte ab, als es für uns in Deutschland gerade richtig losgehen sollte.

Unsere Workshops an Schulen sind gestartet, unsere Social-Media-Kampagne #qualderwahl ist online. Nur laufen uns mitten in der heißen Wahlkampfphase keine neuen Mitstreiter mehr zu, einige laufen uns sogar davon. Für unsere PR wäre es wahrscheinlich klug, das zu verschweigen. Aber wir wollen ja keine PR machen, sondern für Demokratie begeistern.

Vor einigen Wochen hatte mich die TED-Konferenz eingeladen, eine Vortragsreihe, die technische und gesellschaftliche Innovation anregen will. Ich sollte darüber sprechen, "wie man eine Generation fauler Optimisten mobilisiert". Ich stand im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, vor mir türmten sich die Zuschauerränge wie in einem Amphitheater, und ich erzählte von einem Aktionstag, an dem von 150 Berliner Facebook-Followern gerade mal fünf erschienen waren, um mir beim Aufbau und Einkauf zu helfen. Vier der fünf waren entweder mit mir verwandt oder befreundet. Damals deutete sich schon an, wie schwer es uns fällt, aus der ersten Begeisterung für Demo ein dauerhaftes Engagement zu machen. Manchmal hatte ich das Gefühl, wir hingen an der Empörung wie der Kranke am Tropf.

Herr Cohn-Bendit, wie motiviert man die Leute, wenn die Empörung nachlässt?

"Begeisterung kommt immer in Wellen. Aber man kann sie beschleunigen, indem man die Ungeduld stärkt und die Lust auf Veränderung. Politik ist eine ernste Angelegenheit, deshalb muss Protest Spaß machen."

Er weiß vermutlich noch, was für ein Gefühl es ist, wenn man das erste Plakat ausrollt, wenn der erste Flyer in Druck geht, der erste Sticker an einem Laternenpfahl klebt. Irgendwann stehen dann völlig Fremde bei einem in der Wohnung, um Salat für den "Tag der offenen Gesellschaft" zu schnippeln. So wie Izzy. Sie ist gerade 19 geworden und kümmert sich bei Demo um die Vernetzung mit anderen Initiativen. Das Vertrauen, das wir in sie hatten, hat sie bestärkt.

Oder Felix, Helmut und Lisa von der Demo-Gruppe Rhein-Main, die einfach ein Politik-Pubquiz in Mainz veranstaltet haben. Oder Maxi und Anneli aus Berlin, die selbstständig ein Konzept für eine Social-Media-Kampagne entwickelt haben. Sie alle mögen das Unfertige an Demo, das es ihnen leicht gemacht hat, eigene Ideen einzubringen. Und vor allem mögen sie dieses Gefühl von Gemeinschaft. Dass sie ein Wir gefunden haben, das niemandem den Zutritt verweigert, auch nicht einem grauen Wolf, der mit der AfD sympathisiert. Sie motiviert das gemeinsame Machen.

Nach mir trat Sercan Çelebi auf die TED-Bühne. Er gehört der türkischen Bewegung Oy ve Ötesi an, was auf Deutsch so viel heißt wie "Wählen und mehr". Er ist Mitte 30, klein, hat kurz geschorene Haare und den Körper eines Kampfsportlers. Er lachte, er war ernst, er band das Publikum ein und fragte: "Wer von Ihnen hat das Gefühl, dass die Wahlen in Deutschland komplett gefälscht sind?" Einer meldete sich. "In der Türkei glauben 72 Prozent der Menschen, dass die Wahlen gefälscht sind. Das heißt, sogar die Wahlgewinner glauben das!"