Eigentlich hatte sie mit der Sache schon abgeschlossen. Diese "Schublade" ihres Lebens, wie sie sagt, sollte geschlossen bleiben, ein für alle Mal. Tausende vergeudete Euro lagern darin neben vielen verlorenen Stunden, unzähligen Momenten der Hoffnung, die immer aufs Neue enttäuscht wurden. "An diese Schublade wollte ich nie wieder ran."

Doch dann kam der Brief. Absender: Amtsgericht Augsburg, Abteilung Strafsachen – mit der Vorladung. Und jetzt sitzt Regina Palmer* an dem kleinen Zeugentisch, sehr aufrecht und konzentriert, vor ihr der Richter, hinter ihr auf der Zuschauerbank ihr Mann. Und die Schublade ist wieder offen. Sie hatte kurz überlegt, nicht zum Prozess zu erscheinen und dafür 1000 Euro Strafe zu zahlen. Dann hätte sie sich für ihre Arbeitskollegen keinen Vorwand ausdenken müssen, warum sie an diesem Montag nach Augsburg muss.

"Beihilfe zur missbräuchlichen Anwendung von Fortpflanzungstechniken" steht draußen auf der Tagesordnung von Sitzungssaal 142. Angeklagt ist die Kinderwunschberaterin Christine B. Ihr wird vorgeworfen, über Jahre kinderlosen Frauen wie Regina Palmer zu gespendeten Eizellen im Ausland verholfen zu haben. Sie habe damit gegen das Embryonenschutzgesetz verstoßen.

Als die Polizei die Wohnung der Angeklagten durchsucht, beschlagnahmt sie Aktenordner und Computer mit Hunderten Datensätzen von Patientinnen. Die Frauen werden fast alle vernommen, man fragt sie bisweilen nach intimen Details ("Wieso sind Sie unfruchtbar?"). 23 Frauen aus ganz Deutschland werden schließlich zum Prozess geladen.

Gleich zu Beginn des ersten Verhandlungstages setzt sich der Gerichtspräsident in die letzte Reihe. Schräg vor ihm sitzen eine Vertreterin der deutschen Fertilitätsmediziner und eine Doktorandin der Cambridge University. Sie ist am Tag zuvor aus England wegen des Verfahrens angereist.

Entschieden wird in Augsburg nämlich nicht nur über das berufliche Schicksal einer 56-jährigen Sozialpädagogin, die für ihre Dienste einen Euro pro Beratungsminute nimmt. Das Gericht verhandelt auch über ein Gesetz, das aus Sicht vieler Juristen nicht mehr haltbar ist, weil es sich in der Praxis als untauglich erwiesen hat. Weil Medizin und Gesellschaft über seine Paragrafen hinweggegangen sind. Weil es Kindern Identitätsprobleme beschert und Frauen ins Ausland treibt.

Regina Palmer und ihr Mann, beide in Norddeutschland geboren, akademisch ausgebildet, der Welt pragmatisch zugewandt, hatten eine Vorstellung vom Leben, und Kinder gehörten dazu. Nicht sofort nach dem Studium, aber wenn der Beruf gefunden und die Stellung gesichert war. So erzählen sie es am Tag vor dem Prozess.

Doch die Kinder blieben aus. Nichts half: Sex nach Plan, Kopfstand nach Koitus. Auch Akupunkturen zeigten keine Wirkung. Eine Untersuchung brachte den Befund: eingeschränkte Fertilität. So begann eine lange Reise durch die Fortpflanzungsmedizin. Nach unzähligen Hormonspritzen, drei fruchtlosen Inseminationen, vier vergeblichen In-vitro-Behandlungen in zwei Praxen hatte das Paar genug. "Wir haben gehofft, dass das Thema verschwindet", sagt Palmer. Ein paar Jahre lang funktionierte es. Aber der Kinderwunsch ließ beide nicht los. Und da gab es noch diese letzte Chance, von der jedes verzweifelte kinderlose Paar irgendwann erfährt: die Eizellspende.

Dabei werden die Eizellen einer fremden Frau im Labor mit dem Samen des Mannes befruchtet und der Empfängerin eingesetzt. Die Spenderinnen sind jung, ihre Keimzellen gesund; daher gelingt jeder zweite Versuch. Auch Frauen jenseits der fünfzig sind mithilfe gespendeter Eizellen schon Mutter geworden.

Da das Verfahren in Deutschland verboten ist, bleibt den Paaren nur die Reise ins Ausland. Hier müssen sie sich auf einem ungeregelten Markt zurechtfinden. Reprogenesis, Pronatal, Procrea: Wer "Eizellspende" im Internet sucht, findet die Namen von Dutzenden Kliniken, in Spanien und Tschechien, in Polen, der Ukraine oder auf Zypern. Sie werben auf Deutsch mit hohen Schwangerschaftsraten und niedrigen Preisen, mit "Sommeraktionen" und "Abholservice am Flughafen". In Internetforen tauschen sich die Hilfesuchenden über die Angebote aus, doch auch hier werden Beiträge zu Marketingzwecken manipuliert. "Es ist schon eine üble Szene", sagt Regina Palmer. "Man fühlt sich allein gelassen und sucht neutrale Hilfe." So landete sie bei der Angeklagten Christine B., wie alle anderen Frauen, die in Augsburg aussagen.

Christine B. ist seit Langem auf dem heiklen Feld tätig, wo sich Medizin, Recht und Ethik kreuzen. Erst beriet sie für die katholische Kirche Frauen in Schwangerschaftskonflikten. Seit Anfang der neunziger Jahre begleitet sie Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, organisiert Selbsthilfegruppen, coacht Reproduktionsmediziner im einfühlsamen Umgang mit Patientinnen. Immer häufiger melden sich Frauen, denen eine konventionelle künstliche Befruchtung nicht mehr helfen kann. Krebskranke, denen eine Chemotherapie die Ovarien zerstört hatte, Patientinnen mit vorzeitig einsetzenden Wechseljahren und immer häufiger Frauen, die sich zu spät mit der Kinderfrage befasst hatten – und die nur noch mithilfe fremder Eizellen ein Kind bekommen können.

*Name von der Redaktion geändert

Christine B. hat sich weit vorgewagt

B. sammelt Informationen von Patientinnen und Ärzten, recherchiert bei Kliniken. Auf ihrer Website beantwortet sie Fragen: über die medizinischen Risiken der Eizellspende für Empfängerin und Spenderin. Ob man ein Kind genauso lieben kann, wenn es nicht die eigenen Gene in sich trägt. Und immer wieder, wie man herausfindet, welche Zentren vertrauenswürdig sind. "Stellen Sie sich vor", sagt eine Zeugin, "Sie lassen sich die Eizellen einer fremden Frau von einem fremden Arzt in einem fremden Land einsetzen. Wo Sie die Sprache nicht verstehen und die Gesetze nicht kennen. Da ist man für jeden seriösen Hinweis dankbar."

An diesem Punkt wird es juristisch heikel: Hat Christine B. in ihren Beratungsgesprächen nur über die Eizellspende informiert? Oder hat sie ihre Patientinnen ermutigt, diese im Ausland in Anspruch zu nehmen? Hat sie nur Kriterien genannt, mit deren Hilfe man eine gute Klinik erkennt, oder hat sie Kliniken mit Namen und Adressen empfohlen? Die juristische Frage lautet: War es Hilfe für verzweifelte Frauen oder Beihilfe zu einer Straftat?

Christine B. – Rock, weiße Bluse, randlose Brille, Löwenmähnenfrisur – ist eine Frau mit Selbstbewusstsein. Zu Beginn des Prozesses schildert sie nüchtern wissenschaftliche Fakten, ihre Beratungskompetenz sowie die Not der Betroffenen. Sie litten unter Ängsten und Schuldgefühlen, einige hätten Depressionen, mitunter Suizidgedanken. Doch habe sie "stets ergebnisoffen" beraten und "niemals eine Frau an eine Klinik im Ausland vermittelt".

Auch deutsche Frauenärzte gerieten ins Visier der Staatsanwaltschaft Augsburg. Bevor die Eizellen in Prag, Valencia oder Mallorca übertragen werden, muss man die Patientinnen medikamentös vorbereiten. Dies übernahmen Ärzte aus Deutschland. Den meisten Medizinern konnte die Beihilfe jedoch nicht nachgewiesen werden; einige kamen mit einer Geldbuße davon.

Viel Prozesstaugliches haben die jahrelangen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft – sie begannen 2012 – nicht erbracht. Im Grunde ist nur eine Angeklagte übrig geblieben: Christine B., die Beraterin. Bei der Hausdurchsuchung fanden die Ermittler E-Mail-Verkehr mit Ärzten im Ausland, Dankesschreiben von Patientinnen, in denen die Namen der Kliniken fallen, sowie konkrete Informationen über Spenderinnen.

Die Frage, von wem die Gene ihres zukünftigen Kindes stammen, treibt viele Patientinnen um. Was sind das für Frauen? Warum machen sie es? Werden sie in der Klinik gut behandelt oder ausgenutzt? Eine Spende von Eizellen ist mit mehr Risiken verbunden als eine Samenspende. Sie werden unter Narkose entnommen. Damit sich mehr Eizellen bilden, bekommen die Frauen Hormone. Das kann zu Stimmungsschwankungen führen. Sehr selten sammelt sich Flüssigkeit im Bauch oder in der Lunge.

"Uns wurde in jeder Klinik gesagt: Das ist eine nette Studentin, die schon mal schwanger war, die das freiwillig macht, weil sie anderen Paaren helfen will", erinnert sich Regina Palmer. "Aber wir wussten niemals, ob es wirklich stimmt." Auch sie bat Christine B., mehr Informationen einzuholen.

Zudem gibt es das Recht eines Kindes, seine Abstammung zu erfahren. "Aus der Adoptionsforschung wissen wir, dass jedes Puzzleteil an Information über die genetische Abstammung zentral ist", sagt B. In Spanien oder Tschechien, den beiden Hauptzielen des deutschen Fortpflanzungstourismus, bleiben die Spenderinnen jedoch vollständig anonym. In einem halben Dutzend Fällen traf sich Christine B. im Auftrag einer Klientin mit der Eizellspenderin. Sie trug Informationen über deren Herkunft, Beruf und Interessen zusammen, über Aussehen und Motive. "Wenn eine nur Dollarzeichen in den Augen hatte, hielt ich sie für ungeeignet", sagt sie vor Gericht.

Christine B. hat sich weit vorgewagt. Aber es gibt nun einmal dubiose Figuren in der internationalen Repro-Szene: Praxen, die mit falschen Erfolgsraten prahlen, Ärzte, die den Frauen nicht nur ein befruchtetes Ei zurückpflanzen, sondern zwei oder drei. Damit erhöhen sie die Chancen einer Schwangerschaft und verbessern ihre Statistik. Und nehmen in Kauf, dass ihre Patientin vielleicht Zwillinge oder Drillinge bekommt. Man könnte es unethisch nennen, wenn Frauen solche Informationen vorenthalten bleiben.

Aber hat sich die Angeklagte mit den Nachforschungen auf tschechischem Boden überhaupt strafbar gemacht? Dort ist die Eizellspende ja erlaubt. Es gibt auch deutsche Ärzte, die in Spanien oder Tschechien als Fertilitätsexperten Eizellspenden durchführen und straffrei bleiben. Das Embryonenschutzgesetz steckt voller Widersinnigkeiten. Es nimmt Frauen, die für eine Eizellspende ins Ausland fahren, explizit von einer Strafe aus. Jeder, der sie bei diesem Vorhaben aber unterstützt, macht sich strafbar – im Prinzip auch der Ehemann, der sie von Deutschland nach Tschechien fährt. Im Prozess können die betroffenen Frauen deshalb ohne Angst vor Konsequenzen über ihre Behandlung aussagen. Hätten sie jedoch einer Freundin die Klinik weiterempfohlen (was viele taten), sollten sie das dem Richter besser verschweigen.

Deutsche Ärzte dürfen keine Adressen von einschlägigen Kliniken im Ausland weitergeben. Wenn diese Kliniken aber – wie im vergangenen Februar auf einer Kinderwunschmesse in Berlin – in Deutschland ihre Dienste anpreisen, ist das legal. Am Kurfürstendamm in Berlin hat eine große polnische Praxis im vergangenen Jahr ein Werbebüro eröffnet, niemand stört sich dran.

Sie sehen sich im Recht

Kritiker sehen den größten Widerspruch in der Ungleichbehandlung: Unfruchtbare Männer können per Samenspende noch Vater werden; ihre per Samenspende gezeugten Kinder haben vom kommenden Jahr an sogar das Recht, über ein Register Informationen über ihren Erzeuger zu erhalten. Unfruchtbare Frauen erhalten diese Chance nur im Ausland und gegen viel Geld; ihre Kinder müssen mit einer Leerstelle im Leben klarkommen.

Das Embryonenschutzgesetz und das Verbot der Eizellspende stammen aus dem Jahr 1991. Damals wollte die Politik eine "gespaltene Mutterschaft" verhindern, also gewährleisten, dass die genetische und biologische Mutter immer ein und dieselbe Person ist. Sonst sei "die eindeutige Identität" des Kindes gefährdet, so hieß es. Der Vater schien für das Kind weniger wichtig zu sein, die gespaltene Vaterschaft keine Bedrohung. Deshalb verbot man die Samenspende nicht.

Heute weiß man, dass Mutter und Vater für Kinder gleich wichtig sind; dass eine gespaltene Mutterschaft keine größere Belastung darstellt. Langzeituntersuchungen der englischen Familienforscherin Susan Golombok zeigen, dass die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern nicht weniger eng und fürsorglich sind, wenn bei der Zeugung ein dritter Mensch im Spiel ist – ganz egal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

Von alledem ist an diesem Montag kaum die Rede. Richter und Staatsanwaltschaft geht es allein um die Verbindung zwischen den Zeuginnen und der Angeklagten. Die für alle Frauen sensibelste Frage – war die Behandlung im Ausland denn erfolgreich? – lassen sie taktvoll aus. Nur einmal wird es emotional, als eine Zeugin sich entrüstet: "Ich wollte ein Kind wie wohl die meisten Menschen hier im Saal. Es ist traurig, dass so etwas vor Gericht verhandelt wird." Schuldbewusst zeigt sich keine der Zeuginnen. Sie sehen sich im Recht und loben die Angeklagte als professionell und einfühlsam.

Vor zehn Jahren noch war die Eizellspende unter Kinderwunschpaaren ein Schmuddelthema. Ländern wie Tschechien haftete ein Ostblock-Image an. Heute sind an mehr als der Hälfte aller Eizelltransfers in Tschechien Deutsche beteiligt. Unter ihnen befinden sich jetzt auch lesbische Paare. Um die Verbundenheit beider Frauen zum zukünftigen Kind zu erhöhen, spendet eine Partnerin ihre Eizellen der anderen, die das Kind dann austrägt.

Mittlerweile internationalisiert sich das Geschäft weiter. Neue Konservierungsverfahren ermöglichen den Eizelltransport quer durch Europa, von Tschechien nach Österreich, aus der Ukraine nach Spanien. Der Wettbewerb um die Kunden wird härter, die Szene intransparent und das Bedürfnis der Frauen nach Beistand größer.

Doch an mehr Beistand ist nicht zu denken. Im Gegenteil, die Ermittlungen gegen Christine B. haben Ärzte und Kinderwunschberaterinnen eingeschüchtert, und was erlaubt und was verboten ist, wird weiter offenbleiben, egal, wie der Prozess ausgeht. Denn beide Seiten würden wohl in die Berufung gehen. So könnte sich das Verfahren über mehrere Instanzen hinziehen. Manche Betroffene wünschen sich das sogar, damit das Thema mehr Aufmerksamkeit erhält und politisches Handeln erzwingt. Nur die FDP hat die Reform des Embryonenschutzgesetzes in ihr Programm zur Bundestagswahl aufgenommen.

"Eigentlich müssten wir Frauen eine öffentliche Bekenner-Aktion machen wie damals die Frauen, die abgetrieben haben, beim Paragraf 218", sagt die Zeugin Regina Palmer nach ihrer Aussage vor dem Gerichtssaal. "Doch dazu hat keine von uns den Mut und die Kraft."

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